http://www.faz.net/-gq5-75u8y

Im Gespräch: Muhammad Mursi : „Wir wollen keinen Gottesstaat“

  • Aktualisiert am

„Ausgeglichene Beziehungen“: Mursi in seinem Amtsitz, aufgenommen am 10. Januar Bild: AFP

„Der Staat, an den wir glauben, ist ein moderner Staat, in dem die Machtübergabe friedlich verläuft, in dem Demokratie und Freiheiten herrschen.“ So erläutert der ägyptische Präsident Muhammad Mursi im Gespräch mit der F.A.Z., dass das Land keinen Gottesstaat wolle. Das Interview im Wortlaut.

          Herr Präsident, kommende Woche jährt sich die Revolution gegen das Regime Husni Mubaraks zum zweiten Mal. In den Tagen der Proteste auf dem Tahrir-Platz war Ägypten geeint, heute ist die Gesellschaft gespalten. Was tun Sie, um Ihr Volk wieder zusammenzuführen?

          Mein Bestes. Ich freue mich, dass es Meinungsvielfalt gibt, und ich bin froh, dass es eine Opposition gibt. Wir lernen noch, wie man in einem völlig demokratischen Umfeld zusammenarbeitet - mit wirklichen Freiheiten, zu unser aller Wohl, um gemeinsam voranzukommen. Niemand hat das Recht, Gewalt anzuwenden. Zurzeit haben wir kein Parlament, das wird bald anders sein.

          Das Verfassungsgericht hatte im Juni 2012 die erste freie Parlamentswahl des Landes für verfassungswidrig erklärt. Jetzt wird im Frühjahr wieder ein Parlament gewählt. Wird das zur Versöhnung beitragen?

          Es gibt eine große Chance für alle Parteien und politischen Blöcke, sich an den Wahlen zum neuen Parlament zu beteiligen. Das zu garantieren, ist meine Pflicht. Ich werde den Frieden um jeden Preis bewahren helfen, damit alle Teile der Gesellschaft daran teilhaben können. Ich glaube, die Zukunft wird sehr viel besser sein als die Vergangenheit.

          In der Gegenwart gibt es große Probleme: Das ägyptische Pfund ist auf seinen historischen Tiefstand gefallen, bei Demonstrationen hat es Tote und Verletzte gegeben.

          Natürlich haben wir Probleme, natürlich gibt es soziale Unterschiede und politische Differenzen. Das ist normal für Revolutionen, besonders für die ägyptische, an der sich mehr als zwanzig Millionen Ägypter beteiligt haben. Aus jeder Familie hat sich mindestens ein Mitglied an der Revolution beteiligt, und das nach einer so langen Zeit der Diktatur, in der das Regime Gewalt gegen das Volk angewendet hat. Angesichts der großen Herausforderungen ist es im neuen Ägypten nur normal, dass es Differenzen und Demonstrationen gibt. Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung, um unsere Ziele zu erreichen. Beten Sie für uns!

          Koran und Kreuz: die Proteste in Ägypten sind noch nicht vorbei
          Koran und Kreuz: die Proteste in Ägypten sind noch nicht vorbei : Bild: REUTERS

          Kritiker fürchten, dass Ägypten ein Gottesstaat werden könnte.

          Wir glauben nicht an einen Gottesstaat. Den Begriff der Theokratie gibt es bei uns nicht. Wir sprechen immer von einem zivilen Staat. In dem Dokument der Al-Azhar-Universität, das wir alle unterschrieben haben (Am 20. Juni 2011 hatten führende islamische und säkulare Gelehrte das Konzept eines islamischen Staates abgelehnt und stattdessen einen zivilen Staat gefordert., d. Red.), ist von einem modernen Staat die Rede, von einem demokratischen Staat, von einem Rechtsstaat und von einem Staat, in dem die Freiheiten garantiert sind. Das ist der Begriff des Staats, den wir vertreten. Im Laufe der islamischen Geschichte haben wir verstanden, dass es einen theokratischen Staat nicht gibt. Der Staat, an den wir glauben, ist ein moderner Staat, in der die Machtübergabe friedlich verläuft, in der Demokratie und Freiheiten herrschen, in der die Opposition und soziale Gerechtigkeit respektiert werden. In diesem Staat ist das Volk der Souverän, von dem alle Gewalt ausgeht.

          In Europa herrscht Sorge über die Lage der Kopten in Ägypten. Was tun Sie zu ihrem Schutz?

          Topmeldungen

          Wolfgang Kubicki will sich von der AfD nicht provozieren lassen.

          Bundestag : Kubicki rät zu gelassenem Umgang mit der AfD

          Heute dürfte FDP-Politiker Kubicki zu einem der Vizepräsidenten des Bundestages gewählt werden. Er rät, mit der AfD im Parlament „vernünftig und fair“ umzugehen. Abgeordnete bekräftigen ihre Ablehnung gegen den umstrittenen AfD-Kandidaten Glaser.
          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.
          Pirat an einer Küste Afrikas

          Nigeria : Piraten überfallen deutsches Containerschiff

          Das Schiff einer Hamburger Reederei ist vor Nigeria von Piraten angriffen worden. Die Seeräuber verschleppten sechs Besatzungsmitglieder, darunter ist auch der Kapitän.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.