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Veröffentlicht: 19.09.2012, 16:10 Uhr

Im Gespräch: Günter Nooke „Wir haben kein Gefühl für Religion mehr“

Günter Nooke, Afrika-Beauftragter der Bundeskanzlerin, verurteilt im F.A.Z-Gespräch die Angriffe auf westliche Botschaften. Die religiösen Gefühle von Menschen seien „instrumentalisiert worden“. Gleichwohl dürfe der Westen nicht mit dem „Allerheiligsten von Menschen“ spielen.

© dapd Protest gegen den Mohammed-Schmähfilm vor der amerikanischen Botschaft in Kairo am vergangenen Mittwoch

Günter Nooke ist Afrika-Beauftragter der Bundeskanzlerin. Auf Einladung der vom Auswärtigen Amt finanzierten Mediationsorganisation CSSP hält er sich zurzeit in Ägypten auf. Mit dem früheren Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung sprach in Kairo F.A.Z.-Korrespondent Markus Bickel.

Herr Nooke, sind die Angriffe auf westliche Botschaften in Afrika ein verständlicher Ausdruck freier Meinungsäußerung nach dem Sturz autoritärer Führer in Ägypten, Libyen, Jemen und Tunesien?

Ich finde, dass Gewaltausübung und das Recht auf freie Meinungsäußerung überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Ich kämpfe sehr dafür, dass Menschen sagen können, was sie denken, selbst wenn mir ihre Meinung nicht passt. Ich bin aber strikt dagegen, dass außerhalb des Gewaltmonopols des Staates überhaupt Gewalt zugelassen wird. Von daher sind die jüngsten Vorfälle nur zu verurteilen, vor allem, wenn sie geplant waren und möglicherweise sogar staatliche Stellen dahinter standen.

Günter Nooke im Interview © Thiel, Christian Vergrößern Afrika-Beauftragter Günter Nooke: „Wir müssen uns gegenüber der arabischen Welt besser erklären – ohne unser Werteverständnis zu verstecken“

Sind die Proteste ein Ergebnis der Übergangsprozesse in demokratischere Systeme?

Damit hat es sicherlich zu tun, aber die Schlussfolgerung, dass Diktaturen eben doch besser sind als die neuen politischen Strukturen, werde ich deshalb nicht ziehen. Man muss sich bewusst machen, dass offene Gesellschaften mit mehr individuellen Freiheitsrechten Möglichkeiten schaffen, die das Regieren schwieriger machen, manchmal auch das Sichern von Botschaften. Zugleich sind hier aber auch die religiösen Gefühle von Menschen instrumentalisiert worden. Wir müssen uns gegenüber der arabischen Welt besser erklären – ohne unser Werteverständnis zu verstecken.

Sollte der Film „Unschuld der Muslime“ in Deutschland verboten werden?

So wie ich verurteile, dass Menschen in Afrika bei Botschaftsstürmungen instrumentalisiert werden, würde ich mir in Deutschland nicht von einigen Gruppen Probleme bereiten lassen, nur weil diese hoffen, dadurch die eigenen Regierenden unter Druck zu setzen. Ich bin gegen Gesetze, die einem vorschreiben, was man nicht sagen und nicht machen darf. Und schon gar nicht mag ich Gesetze, die Religionsgemeinschaften vorschreiben, was sie dürfen und nicht dürfen.

Das heißt, Sie sind gegen eine Vorführung des Films in Deutschland?

Ich finde, dass sich der Staat von Leuten, die es darauf anlegen, nicht vorführen lassen sollte. Deshalb kann er einen solchen Film verbieten – solange klar bleibt, dass das nicht der Normalfall ist. Die idealistische Vorstellung von Gesellschaft beinhaltet zwar, dass jeder seine eigene Verantwortung sieht. Aber in einem solchen Fall, wo bereits viele Menschen zu Schaden gekommen sind, kann man darauf allein offenbar nicht setzen.

Beugen Sie sich damit nicht den Extremisten?

Aus Sicherheitsgründen kann man auch einmal etwas verbieten. Grundsätzlich bleiben wir aber nur glaubwürdig, wenn wir unsere Freiheitsrechte gerade dann verteidigen, wenn es kompliziert wird. Eine Gesellschaft wird durch Verbote mehr zerstört als wenn sie eine gewisse Freiheit der Meinung zulässt – selbst wenn man bestimmte Karikaturen oder Filme nicht mag.

Woher kommt dieser Widerspruch zwischen Pochen auf Religionsfreiheit in muslimisch geprägten Ländern – und dem westlichen Beharren auf Meinungsfreiheit, auch in religiösen Angelegenheiten?

Wir müssen in der Menschenrechtsdebatte viel mehr Widersprüche aushalten. Das ist so kompliziert nicht, schließlich wägt auch das Bundesverfassungsgericht Grundrechte gegeneinander ab. Wenn man jedoch anfängt, Religion zu schützen, dreht man das ganze Menschenrechtsverständnis um – schließlich basiert es darauf, dass es individuelle Freiheitsrechte gibt, die selbst im Dienste der edelsten höheren Interessen nicht eingeschränkt werden dürfen. Das ist ein wichtiger Teil unserer politischen Überzeugung. Gibt man diesen auf, gibt man das ganze westliche Werteverständnis auf.

Religiöse Werte zählen doch auch dazu.

Aber der Westen hat sein Gefühl für Religion verloren. Deshalb habe ich überhaupt kein Verständnis dafür, dass in Diskussionen über Religion die atheistische Position abgedeckt werden muss. Religionsfreiheit ist schließlich mehr als Meinungsfreiheit. Was Religion wirklich meint, haben wir im Westen vergessen, weil wir nur noch auf unsere individuellen Rechte schauen. Dass es bei Religionsfreiheit um eine individuelle Beziehung zu meinem Gott geht, um persönliches Heilsversprechen und Transzendenz, lässt sich nicht einfach mit dem Verweis auf Meinungsfreiheit abtun.

Feature Koptische Christen in Ägypten © dapd Vergrößern Koptische Christen in Kairo protestieren gegen Angriffe von Islamisten auf ihre Kirchen

Menschen fühlen sich davon so existenziell betroffen, dass ein ganz anderes Potential an Instrumentalisierung dahinter steht. Das muss man sich bewusst machen – unabhängig davon, ob es sich um fundamentalistische christliche Sekten in Amerika handelt oder Muslime. Die Demonstranten vor den Botschaften sind ja nicht alles Islamisten, sondern Menschen, denen Mohammed heilig ist.

Was kann der Westen daraus lernen?

Wenn wir im Westen nicht bald ein Gefühl dafür entwickeln, dass man mit dem Allerheiligsten von Menschen nicht spielen kann, wird der Konflikt wieder eskalieren. Wir müssen uns bewusst machen, dass es etwas anderes ist, einfach nur eine Meinung zu äußern, um eine schöne Debatte zu erzeugen, als religiöse Gefühle zu verletzen. Wenn man in dieser Frage richtig diskutiert, kann es sogar zu einer Annäherung und einer verbesserten Auseinandersetzung kommen. Aber wir befinden uns leider nicht unbedingt auf diesem Weg.

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