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Aktualisiert: 23.09.2014, 13:19 Uhr

Hinrichtungen in Saudi-Arabien Die Schwerter des Islams

In Saudi-Arabien haben die Enthauptungen drastisch zugenommen. Auch wenn das Königreich die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ bekämpft, sind die Gemeinsamkeiten in religiösen Fragen nicht so einfach beiseite zu wischen. Das wird besonders deutlich bei einer öffentlichen Hinrichtung.

von , Riad
© Katharina Eglau Blutspuren: Der Safa-Platz im Zentrum der Altstadt von Riad wird nach der öffentlichen Enthauptung zweier Mörder gereinigt.

Gespenstische Stille liegt über dem Platz, als die beiden Henker zur Tat schreiten. Silbern blitzen die hüfthohen Krummsäbel in ihren Händen, ihre Augen sind hinter schwarzen Sonnenbrillen verborgen. Ein heißer Windstoß treibt Plastiktüten und einen Pappkarton über das Areal, Scharfschützen stehen auf den Dächern. Strammen Schrittes marschieren die großen Männer in ihren hellen Gewändern zur Mitte des Platzes, Mund und Nase sind mit Tüchern bedeckt. Vornübergebeugt auf zwei dünnen Stapeln Decken knien die beiden zum Tode Verurteilten Männer. Ihre Augen sind verbunden, Hals und Schultern freigelegt.

Kurz nach vier ist es an diesem September-Nachmittag in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Gerade eben hat der Großmufti des Königsreichs, Abd al Aziz Al Sheikh, das Freitagsgebet in der Turki-bin-Abdullah-bin-Mohammed-Moschee beendet. In einem verdunkelten Geländewagen war der blinde Prediger vorgefahren und auf Krücken gestützt die Treppe zu einem Seiteneingang hinaufgestiegen. Jetzt strömen Hunderte Männer und ein paar Frauen mit Kinderwagen aus der Moschee und sammeln sich hinter den Absperrgittern, die Militärpolizisten und Sondereinheiten des Innenministeriums rund um den Platz in der Altstadt Riads aufgestellt haben. Unter den Arkaden ist bald kein Platz mehr frei. Dazwischen warten Justizbeamte, Sanitäter, Ärzte und Angehörige der beiden wegen Mordes angeklagten Männer. Als wollten sie den Blick freimachen, fahren die Polizeiwagen zur Seite.

Eine rote Blutfontäne schießt nach oben

Der Oberkörper des Scharfrichters spannt sich wie der eines Tennisspielers beim Aufschlag. Sein Säbel saust nieder. Eine rote Blutfontäne schießt nach oben, der Kopf des Opfers fällt auf das Deckenlager. Dort bleibt er neben dem reglosen Körper liegen. Bevor der zweite Henker zuschlägt, korrigiert er noch kurz die Haltung des zweiten Mannes. Nach dem Schlag klappt der Rumpf nach hinten.

Erst jetzt verkündet ein Mann in blauem Anzug das Urteil, blechern schallt die Begründung aus Lautsprechern über den Platz. Sanitäter wickeln die beiden Leichen in die blutgetränkten Tücher ein, hieven sie auf zwei Bahren und schieben diese in den Krankenwagen, der rückwärts an die Deckenstapel in der Mitte des Platzes herangefahren ist.

Sanft im Wind weht über dem Safa-Platz die grüne Flagge des wahhabitischen Königreichs mit dem weißen Schwert, verziert mit dem Glaubensbekenntnis des Islams, der Schahada, mit der auch der Großmufti eine Stunde zuvor das Gebet eingeleitet hatte: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet.“

„Muslime sind ihre ersten Opfer“

Es waren schwarze Fahnen, die in jenen über das Internet verbreiteten Filmen zu sehen waren, die zuletzt die Welt entsetzten. Die Szenen waren ähnlich. Als die islamistische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ die Schreckensbilder von der Enthauptung des Journalisten James Foley verbreitete, entschied Präsident Barack Obama, Stellungen der Terroristen zu bombardieren. Die Führung in Riad hat sich der neuen Allianz gegen die Einheiten des selbsternannten Kalifen und Terroristenführers Abu Bakr al Bagdadi angeschlossen. Ende August hatte der Großmufti Bagdadis Organisation zum „Feind Nummer eins des Islams“ erklärt und gesagt: „Muslime sind ihre ersten Opfer.“ Da hatten andere religiöse Führer in der Region den Völkermord an den Yeziden und die Vertreibung der Christen aus dem Nordirak schon lange als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt. Am Montag verkündet die saudische staatliche Nachrichtenagentur vier Todesurteile gegen Mitglieder einer der „blutigsten Terrorzellen“ des Königreichs. Das Denken der Dschihadisten stehe im Gegensatz zum Koran.

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