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Genozid an Armeniern : Es war einmal ein gutes Osmanisches Reich

Die Nachgeborenen: Armenische Schulkinder am Völkermord-Denkmal in Eriwan. Bild: AFP

In türkischen Schulbüchern wird der Völkermord an den Armeniern geleugnet. Stattdessen lernen Zehntklässler, es habe ein „Armenierproblem“ gegeben, das gelöst worden sei.

          Der Historiker wolle „bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen“, lautet ein berühmter, oft zitierter Satz Leopold von Rankes, des Begründers der modernen deutschen Geschichtswissenschaft. Leopold von Ranke ist seit bald 130 Jahren tot und der Optimismus seines nur scheinbar bescheidenen Satzes längst überholt. Die Ansicht, es gebe eine einzige (und zudem einzig richtige) Deutung der Vergangenheit, ist schon vor Generationen der Einsicht gewichen, dass die Geschichtswissenschaft nur Interpretationsangebote machen kann. „Denn Geschichte ist nicht naturgegeben, sondern eine kulturelle Schöpfung, ein Artefakt... im Spannungsfeld von Fakt und Fiktion“, wie es die deutsche Historikerin Nicole Münnich von der Humboldt-Universität ausdrückt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Freilich hat sich diese alte Einsicht nicht überall durchgesetzt. An türkischen Schulen wird Geschichte noch so gelehrt, als sei die Vergangenheit ein Raum, der sich mit dem historischen Zollstock exakt nach Höhe, Breite und Tiefe ausmessen ließe. Wer verstehen will, woher die türkische Empörung über die angeblich falsche und widersinnige, gar „rassistische“ Darstellung der „Ereignisse von 1915“ als Völkermord stammt, muss die Bücher studieren, nach denen Millionen Schulkinder in der Türkei Geschichte lernen. Ein Blick in diese Bücher ist ebenso erschreckend wie erhellend.

          Genozid 1915 in der Türkei : 100 Jahre nach dem Massenmord an Armeniern

          Armenier waren einst „die treue Nation“

          Anders als in Deutschland gibt es in den 81 Provinzen der Türkei nur ein Geschichtsbuch für jeden Schuljahrgang, wenn auch von verschiedenen Verlagen herausgegeben und in der Aufmachung leicht variierend. Die „Ereignisse von 1915“ werden ausführlich nur im Geschichtsbuch für die zehnten Klassen behandelt. Die jüngste Ausgabe, erschienen im Esen-Verlag 2014, verfasst von Ziya Demirel, Murat Iseri und Avni Arslan, umfasst die Zeit vom Aufstieg des Osmanischen Reiches bis ins 20. Jahrhundert. Das sechste und letzte Kapitel des Buches trägt den Titel: „Der Osmanische Staat im 20. Jahrhundert“.

          Die Armenier, heißt es darin einleitend, seien anfangs loyale Untertanen des Sultans gewesen, die „lange Zeit auf osmanischem Gebiet mit dem Staat in Frieden gelebt haben und für den Staat keinerlei Problem darstellten. Deshalb hat der osmanische Staat für die Armenier die Bezeichnung ‚die treue Nation‘ (Millet-i sadika) verwendet“. Die treuen Armenier hätten mit den Türken „in den gleichen Dörfern und Kleinstädten gelebt, die meisten sprachen Türkisch und (manche) sind in hohe Staatsämter aufgestiegen“. Als Beispiel wird Gabriel Noradungyan angeführt, der in der für das Land äußerst schwierigen Zeit der Balkankriege von 1912/13 Außenminister des Osmanischen Reiches war.

          Es war einmal ein gutes Land, in dem alle Menschen Brüder waren – so klingt, sinngemäß, die einleitende Beschreibung. Doch rot hervorgehoben heißt es dann im nächsten Satz: „Der Staat, der die Armenier aufgehetzt hat, war Russland. Weil Russland ein Armenien als Puffer benötigt hat, um vom Kaukasus zum Mittelmeer zu gelangen.“ Fortan, so wird es in dem Buch nicht nur sinngemäß vermittelt, waren „die Armenier“ die fünfte Kolonne ausländischer Feinde der Türkei, gleichsam der Dolch im Rücken des Sultans und seiner treuen Untertanen. „Am 7. November 1877 haben die Russen auch mit Hilfe der Armenier die in Erzurum befindliche Festung Aziziye erobert“, lernen türkische Zehntklässler, und weiter: „Während dieses Krieges haben die Armenier, die von den Russen unterstützt wurden, zum ersten Mal rebelliert.“

          Gerettet: Armenische Flüchtlinge 1915 auf einem französischen Schiff vor der osmanischen Küste nördlich von Latakia.
          Gerettet: Armenische Flüchtlinge 1915 auf einem französischen Schiff vor der osmanischen Küste nördlich von Latakia. : Bild: Ullstein

          Es waren demnach die Schwierigkeiten des Osmanischen Reiches auf dem unruhigen Balkan, die zum Berliner Kongress von 1878 führten und auch die Armenier anstachelten. Als die damaligen Großmächte in Berlin unter Vermittlung Bismarcks ihre Einflusssphären auf dem Balkan neu zuschnitten, sei in der osmanischen Geschichte zum ersten Mal „das Armenierproblem“ („Ermeni sorunu“) aufgetaucht. Die Armenier hätten Vereinigungen und Verbände gegründet, um Aufstände zu organisieren. Warum und wogegen die Armenier aber rebelliert haben könnten, erfahren die Schüler nicht. Auch eine Proklamation oder zeitgenössische Aussagen aus armenischer Perspektive fehlen gänzlich. Stattdessen wird resümiert: „Merke: Das Armenierproblem ist zum ersten Mal mit dem... Berliner Abkommen aufgetreten.“ Die Armenier hätten nämlich einen Bericht an die Delegationen des Berliner Kongresses geschickt, laut dem in Erzurum, Van sowie in Diyarbakir mehr als 1,3 Millionen Armenier, aber nur 729000 Türken lebten, und deshalb „dort die Gründung eines armenischen Staates“ gefordert. Doch habe der britische Außenminister Salisbury diese „gefälschten Dokumente der Lüge überführt“. Doch wenn die Dokumente gefälscht waren, wie war die Zusammensetzung der Bevölkerung in der Region dann tatsächlich? Wie sahen Armenier selbst ihre Lage? Darauf finden die Lernenden in ihrem Schulstoff keine Antwort.

          Blutiger Fehlbetrag von fast einer Million Menschen

          Nach dieser Vorbereitung steuert das Kapitel unter der Überschrift „Die armenischen Ereignisse“ auf seinen Höhepunkt zu. Die Russen hätten im Ersten Weltkrieg an der Kaukasus-Front „auch die Armenier aufgewiegelt, und viele Zivilisten haben ihr Leben verloren“. Deswegen habe der osmanische Staat 1915 ein „Deportationsgesetz“ verabschiedet und beschlossen, „etwa 700000 armenische Staatsbürger in ein kriegsfreies Gebiet nach Syrien umzusiedeln. Während bei dieser Umsiedlung ein Teil der Armenier sein Leben verlor, hat die europäische Öffentlichkeit begonnen, dies als Völkermord an die Welt zu lancieren. Aber so einen Völkermord gibt es eigentlich nicht“. Wie die Beschuldigungen der europäischen Öffentlichkeit lauten und warum es einen Genozid „eigentlich“ nicht gegeben habe, obwohl „ein Teil“ der Armenier sein Leben verlor, erfahren die Schüler nicht. In einem Kasten heißt es stattdessen: „Merke: Nach der Volkszählung von 1912 gab es auf osmanischem Territorium 1,3 Millionen Armenier. Umgesiedelt wurden 702900. Die Deportation wurde am 24. Oktober 1916 gestoppt.“ Es gibt eine andere Zahl aus türkischen Quellen, die das Buch den Schülern verschweigt: Demnach waren im Osmanischen Reich vor dem Jahr 1915 mehr als 1250000 Armenier registriert, während es zwei Jahre später, wiederum laut osmanischen Quellen, nur noch 284000 waren. Was geschah mit den anderen? Das ist eine Frage, die sich türkische Schüler nicht stellen können, weil ihnen der blutige Fehlbetrag von fast einer Million Menschen vorenthalten wird. Sie sollen es nicht wissen. Sie sollen nicht fragen. Dass der Istanbuler Historiker Halil Berktay schon im Jahr 2000 mit soliden Belegen von „Todesschwadronen“ und kriminellen Freischärlereinheiten berichtete, die den Armeniern 1915 auf den Hals gehetzt wurden, ist nie in die Schulbücher vorgedrungen.

          Stattdessen werden, gleichsam als erläuternde Vorgeschichte zu den Deportationen, ein Dutzend Aufstände und blutige Übergriffe armenischer Terroristen (die es tatsächlich gab) aufgelistet: die Rebellionen in Erzurum und Adana im Jahr 1890 oder eine Erhebung in Merzifon drei Jahre später, als „25 unserer Soldaten zu Märtyrern wurden“, wie es in dem säuberlich zwischen „uns“ und „denen“ unterscheidenden Buch heißt. Es folgten der Angriff auf die Osmanische Bank in Istanbul 1896 und ein Bombenanschlag auf Sultan Abdülhamit II. 1905. Doch all die Zahlenkolonnen marschieren nackt durch das Schulbuch.

          Warum es zu den Aufständen und Überfällen kam, was die Forderungen der Täter waren, bleibt im Dunkeln. Ausführlich erläutert wird hingegen unter der Überschrift „Das Armenierproblem im Ersten Weltkrieg“, dass und wie „die Armenier“ nach 1914 mit „den Russen“ gegen „die türkische Nation“ gekämpft haben. Es habe Anweisungen von „den Armeniern“ (welchen, bleibt unklar) an „die Armenier“ (unklar) für zahlreiche Verbrechen gegeben. So kursorisch der Stoff zu den Deportationen der Armenier ist, so detailliert werden vermeintliche Anweisungen an „die Armenier“ geschildert: „Die bewaffneten Armenier sollen einen Weg finden,... sich den armenischen Banden anschließen... Hinter der Front werden alle Muslime im Alter von über zwei Jahren an dem Ort, an dem sie gesehen werden, umgebracht. Nahrungsmittel, Güter und Eigentum des muslimischen Volkes werden beschlagnahmt. Verlassene Häuser, Kirchen und Hilfsinstitutionen werden verbrannt und dafür die Muslime verantwortlich gemacht. Die von der Front zurückkehrenden verwundeten osmanischen Soldaten werden getötet. Für die Alliierten wird Spionage betrieben. Muslime werden für die von Armeniern begangenen Aufstände und Massaker beschuldigt, und dies wird der in- und ausländischen Öffentlichkeit mitgeteilt.“

          Tötung Hunderttausender wird Schulkindern verschwiegen

          Die Armenier, so lernen es Schulkinder in der Türkei, hätten „diese Anweisungen buchstabengetreu befolgt und dem türkischen Volk großen Schaden zugefügt“. Erst vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen habe der osmanische Staat das „Deportationsgesetz“ verabschiedet, das laut Schulbuchschilderung jedoch von geradezu rührender Harmlosigkeit war. Laut diesem Gesetz wurden nämlich nur Armenier, die an Aufständen teilnahmen, „von den Kriegsgebieten in sicherere Gebiete (im Süden Anatoliens und im Norden Syrien) umgesiedelt“. Das Ziel sei es gewesen, „die Sicherheit für das Leben der türkischen und armenischen Nationen zu sichern“. Darunter zeigt ein Foto Menschen in einem Eisenbahnwaggon. Die Bildzeile darunter lautet: „Umsiedelnde Armenier“. Dass im Zuge dieser „Umsiedlung“ Hunderttausende Menschen getötet wurden, erfahren die Schüler selbstredend nicht – schließlich haben sie ja schon gelernt, dass „ein Teil“ der Armenier die Umsiedlung nicht überlebte.

          Wenn sie gut aufpassen und in der Geschichtsarbeit danach gefragt werden, wie sich die Behörden 1915 um das Wohlergehen der umgesiedelten Armenier kümmerten, können die Schulkinder die auswendig gelernten Sätze aus ihrer Geschichtsfibel hinschreiben: „Während der Umsiedlung hat der Osmanische Staat die Sache nicht sich selbst überlassen. Obwohl es während eines Krieges war, hat er jede Form der Vorkehrung getroffen. Mit diesem Ziel hat das Innenministerium 1915 verschiedene Male Direktiven veröffentlicht betreffend der Unterkunft und Verpflegung der Armenier, die wegen des Kriegszustandes und der außerordentlichen politischen Schwierigkeiten in andere Gebiete geschickt wurden.“ Beamte hätten den Auftrag erhalten, dafür zu sorgen, dass es den Deportierten während ihrer Reise an nichts fehle. (Tatsächlich verdursteten und verhungerten Zehntausende.) Es seien zudem „die nötigen Vorkehrungen“ getroffen worden, „dass die Umzusiedelnden... nicht angegriffen werden“. (Tatsächlich wurden ungezählte Armenier Opfer von Banden und den von Halil Berktay erwähnten „Todesschwadronen“, an denen sich oft auch kurdische Banden beteiligten.) Zudem heißt es: „Es wurde gewollt, dass die Orte der Verschickung fruchtbare Ackerböden enthalten und Wasser vorhanden ist, für die Garantie der Sicherheit des Lebens und Eigentums wurden Polizeistationen errichtet. Alte, Schwache, Blinde, Witwen und Waisen wurden nicht Teil der Deportationen.“

          Der detailreichen Schilderung osmanischer Fürsorgemaßnahmen steht die kryptische und nicht nur für Zehntklässler kaum greifbare Darstellung über „das Ende des Armenierproblems“ gegenüber. Demnach ist der gesamte Zwischenfall letztlich durch einen Verwaltungsakt beendet worden. In einem Kasten zum Auswendiglernen heißt es dazu: „Wichtig:... Im Ersten Weltkrieg und danach waren die Armenier nicht untätig und wurden von einigen Staaten gegen die türkische Nation aufgewiegelt. Während des Befreiungskrieges hat das türkische Parlament die Armenier besiegt und mit ihnen am 3. Dezember 1920 das Gümrü-Abkommen unterzeichnet, und somit ist das Armenierproblem verschwunden.“ Klingt wie: „Eines Tages legte Wilhelm Tell seinem Sohn einen Apfel auf den Kopf, und schon gab es die Schweiz“ – steht aber tatsächlich so in einem türkischen Schulbuch.

          Armeniens angeblicher Plan der vier Ts

          Das „Armenierproblem“ war da, und dann ist es an einem Dezembertag im Jahr 1920 „verschwunden“. Jedenfalls fast, denn: „Unsere Nachbarn und Europäer, die nicht wollen, dass die Türkei eine große Macht in der Region wird, haben 1965 die armenische Sache wieder auf die Tagesordnung gebracht. In Frankreich und den USA haben einige Organisationen der armenischen Diaspora begonnen, Propaganda zu machen.“ Die Armenier hätten einen „Plan der vier Ts“ verfolgt, nämlich „Bekanntmachung, Anerkennung, Entschädigung, Land“ (auf Türkisch Tanitim, Taninma, Tazminat, Toprak) und dazu am 20. Januar 1975 die Terrororganisation „Asala“ gegründet. Deren Ziel sei es gewesen, Teile Ostanatoliens an Armenien anzuschließen. Eine armenische Terrorgruppe namens Asala gab es tatsächlich. Ihre Angehörigen verübten zahlreiche Attentate auf türkische Diplomaten. So ermordeten armenische Terroristen am 9. März 1983 in Belgrad den türkischen Botschafter in Jugoslawien. Durch die nahtlose Verbindung des armenischen Terrorismus mit dem „Armenierproblem“ von 1915 soll der staatsterroristische osmanische Völkermord an den Armeniern vor einem Jahrhundert gleichsam als Antiterrormaßnahme dargestellt werden. Von einem Völkermord sprechen nach dieser Lesart dagegen nur Armenier und böswillige Ausländer. Die Türkei habe daher im Jahr 2001 „gegen die Behauptungen der Armenier den ,Koordinationsrat für die Bekämpfung der haltlosen Völkermordsbehauptungen‘“ gegründet.

          Das ist alles, was türkische Kinder aus ihrem Geschichtsbuch über den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts erfahren. Regierungschef Ahmet Davutoglu wird es besser wissen, doch auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat aus solchen (und schlimmeren) Schulbüchern sein Geschichtsbild gezogen.

          Im aktuellen Geschichtsbuch – das gegenüber den Ausgaben früherer Jahre schon deutlich entschärft wurde – ist auf Seite 317 abschließend ein Foto mit einem Leichenberg abgedruckt. „Massenhaft getötete Türken“ lautet die Bildzeile darunter. Wer diese Menschen wo und wann tötete, geht aus der Unterschrift nicht hervor, aber nach all dem Gelesenen werden die Schüler gewiss den von den Verfassern gewollten Schluss ziehen, dass die Täter Armenier waren – wer sonst? So wird, im Jahr 2015, Schulkindern in der Türkei die Geschichte ihres Landes vermittelt. Wiederum mit Leopold von Ranke ließe sich sagen, dass die glücklichen Zeiten der Menschheit die leeren Blätter im Buch der Geschichte sind. Der April 1915 aber war kein leeres Blatt in der Geschichte des Omanischen Reiches.

          Quelle: F.A.Z.

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