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Veröffentlicht: 22.08.2014, 15:03 Uhr

Geldquellen des IS Geiseln, Beutekunst und Rohöl

Entführungen von Ausländern haben sich für den „Islamischen Staat“ zu einem Millionengeschäft entwickelt. So wie die Schutzgelderpressung, der Handel mit Rohöl und Beutekunst. Das macht sie unabhängig – und gefährlicher als Al Qaida.

© AP Dschihadisten des IS fahren mit einem von der irakischen Armee erbeuteten Militärfahrzeug durch Mossul

Etwa 20 ausländische Geiseln sollen sich nach der brutalen Ermordung des amerikanischen Journalisten James Foley noch in der Gewalt der Terrormiliz „Islamischer Staat“ befinden. Wie die Zeitung „The Guardian“ berichtet, wurden in Syrien zuletzt zwei Italienerinnen entführt sowie eine dänische und eine japanische Geisel genommen. Es soll sich um Fotografen, Journalisten und humanitäre Helfer handeln, die von Aleppo oder Idlib in die Stadt Raqqa, die Hochburg der Dschihadisten in Nordsyrien, verschleppt wurden. Um das Leben der Entführten zu schützen, werden entsprechende Berichte häufig zurückgehalten.

Auch der Organisation „Komitee zum Schutz von Journalisten“ zufolge werden in Syrien rund 20 Journalisten vermisst, von denen sich viele in der Hand des „Islamischen Staates“ befinden. Darunter befindet sich auch der seit Juli 2013 vermisste amerikanische Journalist Steven Sotloff. Er ist in dem am Dienstag vom „Islamischen Staat“ veröffentlichten Video von der Enthauptung des Kriegsreporters James Foley kurz zu sehen. Darin hatte der „Islamische Staat“ mit der Tötung Sotloffs und weiterer Amerikaner gedroht, sollten die Luftangriffe fortgesetzt werden.

Zuvor soll der „Islamische Staat“ noch weitere Forderungen gestellt haben. Philip Balboni, der Chef der Internetnachrichtenseite „GlobalPost“, für die Foley arbeitete, sagte dem „Wall Street Journal“, die Entführer hätten von ihm und Foleys Familie insgesamt 100 Millionen Euro Lösegeld verlangt. Offenbar wurde das Geld nicht gezahlt. Im Gegensatz etwa zu einigen europäischen Ländern sollen die Vereinigten Staaten auch informell keine Lösegelder an Extremisten zahlen.

© REUTERS, reuters Amerika warnt vor Terrorgruppe „Islamischer Staat“

Dennoch haben sich die Entführungen für IS offenbar zu einem einträglichen Geschäft entwickelt. In den vergangenen sechs Monaten wurden laut „Guardian“ mindestens zehn Geiseln - darunter ein Däne, drei Franzosen und zwei Spanier - nach langen Verhandlungen mit den Entführern und wohl auch Lösegeldzahlungen freigelassen.

Laut „New York Times“ sind Lösegelder aus europäischen Ländern zum Haupteinkommen des Terrornetzwerkes Al Qaida und seiner Ableger geworden. Sie hätten in den vergangenen fünf Jahren mindestens 125 Millionen Dollar an Lösegeldern eingenommen, ergab demnach eine Studie der Zeitung.

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Gerade der „Islamische Staat“ hat sich aber auch andere Einnahmequellen erschlossen. Die Miliz kontrolliert große Teile des Iraks und Syriens, etwa ein Drittel des jeweiligen Territoriums. In vielen Städte dort würden die Dschihadisten den Bürgern Geld abpressen, sagte der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Volker Perthes, in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. „Sie können das eine moderne Form der Schutzgelderpressung nennen – der Islamische Staat nennt das Steuern.“

Einen Einblick in die Finanzsituation des IS bekamen amerikanische und britische Geheimdienste schon vor einigen Wochen, als ihnen 160 Memorysticks der Gruppe in die Hände fielen. Das Vermögen des IS lag einem Geheimdienstler zufolge, den der Guardian zitiert, damals schon bei 875 Millionen Dollar. Nach weiteren Eroberungen, etwa der Großstadt Mossul, sollen noch einmal Hunderte Millionen aus geplünderten Banken und Geschäften hinzugekommen sein.

Den Grundstock für ihr Vermögen hat IS den Geheimdiensterkenntnissen zufolge auch mit dem Handel antiker Kunstwerke aus den eroberten Gebieten gelegt. Auch hierbei soll es um Summen in Millionenhöhe gehen. Finanzhilfe von außen habe IS deshalb gar nicht nötig, zitiert der Guardian die Geheimdienstquelle weiter. „Das haben sie alles selbst aufgebaut. Es gab keinen staatlichen Spieler, der hinter ihnen stand. Sie brauchen keinen.“

Seit dem Frühjahr 2013 füllen zudem Öl-Geschäfte die Kriegskasse der Dschiadisten. IS verkaufe Öl in Millionenhöhe aus den von ihnen besetzten Gebieten im Norden und Ostens Syriens an die Zentralregierung in Damaskus, berichtete im Januar die britische Tageszeitung „The Telegraph“. Die Diktatur Baschar al Assads bezahle die Terroristen für den Schutz von Öl- und Gaspipelines und erlaube den Transport in von Regierungstruppen gehaltene Gegenden, hätten britische MI6-Mitarbeiter herausgefunden.

IS sei „so hoch entwickelt und gut finanziert wie keine andere“, sagte an diesem Donnerstag nun auch der amerikanische Verteidigungsminister Chuck Hagel. „Es ist weit mehr als eine Terrorgruppe.“

Er schloss deshalb nicht aus, Luftangriffe gegen IS-Stellungen in Syrien in Betracht zu ziehen. „Wir denken über alle Optionen nach“, sagte er auf konkrete Nachfrage eines Reporters. Generalstabschef Martin Demspey sagte, die Organisation könne nicht besiegt werden, ohne ihren Arm in Syrien ins Kalkül zu ziehen. Der Kampf müsse auf beiden Seiten der „quasi nicht existierenden Grenze“ zwischen dem Irak uns Syrien geführt werden. „Das wird passieren, wenn wir ein Bündnis in der Region haben, das die Aufgabe übernimmt, IS langfristig zu besiegen“, sagte Dempsey mit Blick auf die internationale Gemeinschaft. Luftangriffe seien aber nur ein kleiner Teil der dafür notwendigen Werkzeuge. Er wolle aber nicht ankündigen, dass die Vereinigten Staaten sie ausführen würden.

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Von Helene Bubrowski

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