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Gazastreifen : Kaum Hoffnung auf Heilung

Kriegserfahren: Palästinensische Kinder in Beit Hanun im Gazastreifen spielen während des islamischen Opferfestes inmitten der Trümmerlandschaft Bild: AFP

An diesem Wochenende soll in Kairo über den Wiederaufbau in Gaza beraten werden. Das wird schwierig: Die seelischen Wunden der Menschen sind schlimmer als die Kriegsschäden.

          Das zerborstene Schaufenster hat Wissams Vater ersetzt. Der Junge sitzt auf den Stufen des Ladens. „Genau hier stand Jussuf. Er war mein bester Freund, seit ich auf der Welt bin. Wir waren zusammen im Meer schwimmen oder sind gemeinsam Rad gefahren“, sagt der elf Jahre alte Palästinenser und zeigt auf die Straße. Der Asphalt ist aufgerissen, die Häuserwände gegenüber sind von faustgroßen Einschlaglöchern übersät. Ende Juli war der Fastenmonat Ramadan gerade vorüber, und es begann das Fest des Fastenbrechens, als die Rakete mitten im Beach-Camp einschlug. So heißt das Flüchtlingslager am Strand von Gaza-Stadt, in dem Wissam wohnt. Sein Vater Jassir warf sich im Laden schützend über seinen Sohn. Sie bekamen einige Schrapnellsplitter ab, aber sie überlebten. Vierzehn Menschen kamen ums Leben, elf von ihnen waren Kinder. Fünf von ihnen kauften gerade im Geschäft Süßigkeiten ein. Auf der anderen Straßenseite sah Wissam wenig später die Leiche seines Lieblingsonkels. Er hatte auf einem Stuhl im Schatten gesessen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Es dauert eine Weile, bis der Junge zu erzählen beginnt. Sein Vater ergreift das Wort: Seit dem Tag im Juli müsse er seinen Sohn zum Essen zwingen. Wenn überhaupt, dann schlafe er noch im Bett seiner Eltern. Im Traum ruft er nach seinem Freund und seinem Onkel. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, bricht es aus ihm heraus: „Wenn ich groß bin, werde ich ein Kämpfer. Ich bin so wütend. Ich hasse die Juden.“

          Unter den fast 2200 palästinensischen Toten des Krieges sind 505 Kinder und Jugendliche, mehr als 3300 wurden verletzt. Für die Einwohner des Lagers am Strand ist klar, dass es eine israelische Rakete war. Das bestreitet die israelische Armee, nach deren Angaben es sich, um ein palästinensisches Geschoss handelte, das sein Ziel in Israel verfehlte. Aber für die meisten Menschen in Gaza spielt das längst keine Rolle mehr.

          „Gaza Community Center“ hilft traumatisierten Kindern

          Hasan Zeyada, ein Psychologe, der das „Gaza Community Center“ leitet, ist von Wissams Hass und seinen Wünschen für die Zukunft nicht überrascht. „Es besteht die große Gefahr, dass in Gaza eine Generation heranwächst, die mit Gewalt auf Gewalt reagiert. Die Kinder kennen es nicht anders“, sagt er. Für Elfjährige wie Wissam ist es schon der dritte Krieg in nur fünfeinhalb Jahren.

          Ein Blick in das Spielzimmer des Therapiezentrums zeigt, was er meint. Dort sind die Regale voller Spielzeug aller Art. Während ihres ersten Besuchs lassen die Psychologen die Kinder erst einmal spielen und schauen ihnen dabei nur zu. Ein fünf Jahre alter Junge und seine Schwester greifen sofort nach den Maschinenpistolen, Raketenwerfern und Granaten aus Plastik. „Die Kinder fühlen sich nirgendwo mehr sicher. Sie fragen sofort, wann der Krieg wieder losgeht. Wir haben keine Antwort darauf“, sagt Hasan Zeyada.

          Nach Untersuchungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef brauchen mehr als 370.000 Kinder in Gaza psychologische Hilfe; ein Drittel aller Kinder leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In Kindergärten und Schulen versuchen Betreuer und Lehrer, ihr Leid etwas zu lindern. Wie die Eltern der Kinder kämpfen sie selbst oft mit traumatischen Erinnerungen. Hasan Zeyada vom „Gaza Community Center“ hat noch erwachsene Patienten, die seit dem Gaza-Krieg vom November 2012 zu ihm kommen. Mehr Therapeuten reichen seiner Ansicht nach nicht aus, um die Probleme zu lösen. „Das Trauma dauert schon seit der zweiten Intifada an, die vor 14 Jahren begann. Es wird immer schlimmer. Die psychische Verfassung der Menschen ist eine Folge der politischen Lage. Die israelische Blockade muss aufhören“, fordert der Psychologe.

          Zehntausende Wohnungen wurden im Krieg zerstört

          Für den elf Jahre alten Wissam gäbe es Hilfe, doch sein Vater hat keine Zeit, mit ihm zu den Therapiestunden zu gehen. Sein kleines Geschäft ist jeden Tag von 6 bis 23 Uhr geöffnet. „Ich muss so lange aufmachen, damit ich überhaupt noch etwas verdiene. Die meisten Kunden lassen nur noch anschreiben“, sagt der Vater von fünf Kindern. Die Wirtschaftskrise ist durch den jüngsten Krieg noch einmal verschärft worden. Dabei hatte seine Familie Glück im Unglück. Bei dem Raketenangriff ging nur das Schaufenster zu Bruch, das restliche Haus wurde nicht beschädigt.

          Im Wohnzimmer von Nidal Nadschar tropft Wasser von der Decke. Sie besteht aus Plastikplanen, die der 25 Jahre alte Mechaniker über den wenigen Wänden aufgespannt hat, die von seinem zwei Stockwerke hohen Haus stehen geblieben sind. Es ist der erste Wolkenbruch seit dem Ende des Sommers und ein Vorbote des Winters. „Wir müssen hier raus, bevor es richtig losgeht und kalt wird“, sagt Nadschar. Aber er weiß immer noch nicht, wohin. Fast 20.000 Wohnungen wurden im Krieg irreparabel zerstört, 60.000 beschädigt. 110.000 Menschen sind obdachlos.

          Vom Haus der Familie Nadschar in Khuzaa ist nur ein Schuttberg übrig geblieben. Ganz oben baumelt ein Waschbecken an den Überresten der pinkfarbenen Badezimmerwand. Trotzdem hat sich die Großfamilie in den letzten drei halbwegs intakten Zimmern im Erdgeschoss notdürftig eingerichtet. Sogar ein paar rote Plastikblumen haben sie gerettet. Von Khuzaa aus sind hinter dem Grenzzaun die ersten israelischen Häuser zu sehen. Soldaten suchten dort im Krieg nach Tunneln, die die Hamas nach Israel gegraben hatte. Mit ihren Panzern und Baggern durchwühlten sie die Felder und zerstörten Dutzende Häuser. Das Bauerndorf am südöstlichen Rand des Gazastreifens gehört zu den am stärksten zerstörten Gegenden.

          Internationale Geberkonferenz weckt Hoffnung

          Nidal Nadschar hofft auf den 12. Oktober. Dann tagt in Kairo die internationale Geberkonferenz für den Wiederaufbau des Gazastreifens. Er schätzt, dass es drei bis vier Jahre dauert, bis er sein Haus wieder aufgebaut hat. Mitarbeiter des UN-Hilfswerks UNRWA waren schon da und haben die Schäden begutachtet. Jetzt wartet die Familie auf die erste Nothilfe. Mehr als 1500 Dollar zahlen die Vereinten Nationen aber nicht aus. Das muss dann für den Winter reichen. „Wir müssen uns irgendwo etwas mieten, auch wenn die Mieten wahnsinnig gestiegen sind“, sagt Nidal Nadschar. In einen der 26 Wohncontainer, die eine britische Hilfsorganisation gerade in Khuzaa aufstellt, will Nidal Nadschar auf keinen Fall ziehen. Zwei Zimmer, eine Kochnische und eine Toilette auf weniger auf 30 Quadratmetern – das sei zu klein für alle 14 Familienmitglieder.

          Karte Gazastreifen
          Karte Gazastreifen : Bild: F.A.Z.

          Einige Einwohner des Gazastreifens haben ihre erste Wiederaufbauhilfe für andere Zwecke verwendet. Sie nutzten sie für ihre Flucht aus der Hoffnungslosigkeit und bezahlten damit die Schlepperbanden, die ihnen versprachen, sie von Ägypten aus übers Mittelmeer nach Europa zu bringen. Niemand kennt ihre Zahl, aber in Gaza spricht man von Hunderten und erzählt neue Horrorgeschichten wie die der Familie Bakr. Im Juli verlor sie fünf Söhne, die am Strand Fußball spielten, als die israelische Armee das Feuer auf sie eröffnete. Seit Anfang September vermissen sie 25 Verwandte. Kaum war der Krieg vorüber, machten sie sich auf den Weg nach Europa. Sie waren wahrscheinlich auf dem Flüchtlingsboot, das Schlepper vor Malta versenkten. Von den mehr als 500 Passagieren überlebten nur zehn. In Gaza heißt es, die Mehrheit seien Palästinenser gewesen. Mit jedem Tag wächst nicht nur in der Familie Bakr die traurige Gewissheit, dass sie nie wieder von ihnen hören werden.

          Islamisten haben weiterhin das Sagen

          „Die Flüchtlinge kamen aus allen Gruppen und Schichten. Ihr Tod muss ein Warnsignal für alle Palästinenser sein“, sagt Abdallah Franghi. Seit dem Tag vor dem Kriegsbeginn ist der frühere PLO-Vertreter in Deutschland Gouverneur von Gaza-Stadt. Doch viel Einfluss bedeutet das Amt bisher nicht, für das Präsident Mahmud Abbas seinen außenpolitischen Berater Franghi persönlich ernannt hatte. Die Hamas und Abbas’ Fatah-Organisation einigten sich zwar vor Monaten auf eine gemeinsame Übergangsregierung, – aber in Gaza haben weiterhin die Islamisten das Sagen.

          Franghi kehrte Anfang Juli in sein Elternhaus im Gazastreifen zurück. Jetzt nimmt er die Hamas in die Pflicht, dem Abkommen, das die beiden Palästinensergruppen Ende September in Kairo unterzeichnet haben, auch Taten folgen zu lassen. Er gibt sich zuversichtlich. Er spüre eine „neue, bessere Atmosphäre“, sagt er. „Beide Seiten zeigen mehr Verantwortungsbewusstsein. Jetzt muss die Einheit so schnell wie möglich umgesetzt werden.“ Beiden Seiten ist klar, dass die nächsten Tage entscheidend für den Wiederaufbau sind: Nur unter einer Regierung unter der Führung von Präsident Abbas wird sich die internationale Gemeinschaft in Kairo großzügig erweisen – werden Israel und Ägypten ihre Grenzen weiter öffnen.

          Quelle: F.A.Z.

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