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Veröffentlicht: 11.10.2014, 10:51 Uhr

Gazastreifen Kaum Hoffnung auf Heilung

An diesem Wochenende soll in Kairo über den Wiederaufbau in Gaza beraten werden. Das wird schwierig: Die seelischen Wunden der Menschen sind schlimmer als die Kriegsschäden.

von , Gaza-Stadt
© AFP Kriegserfahren: Palästinensische Kinder in Beit Hanun im Gazastreifen spielen während des islamischen Opferfestes inmitten der Trümmerlandschaft

Das zerborstene Schaufenster hat Wissams Vater ersetzt. Der Junge sitzt auf den Stufen des Ladens. „Genau hier stand Jussuf. Er war mein bester Freund, seit ich auf der Welt bin. Wir waren zusammen im Meer schwimmen oder sind gemeinsam Rad gefahren“, sagt der elf Jahre alte Palästinenser und zeigt auf die Straße. Der Asphalt ist aufgerissen, die Häuserwände gegenüber sind von faustgroßen Einschlaglöchern übersät. Ende Juli war der Fastenmonat Ramadan gerade vorüber, und es begann das Fest des Fastenbrechens, als die Rakete mitten im Beach-Camp einschlug. So heißt das Flüchtlingslager am Strand von Gaza-Stadt, in dem Wissam wohnt. Sein Vater Jassir warf sich im Laden schützend über seinen Sohn. Sie bekamen einige Schrapnellsplitter ab, aber sie überlebten. Vierzehn Menschen kamen ums Leben, elf von ihnen waren Kinder. Fünf von ihnen kauften gerade im Geschäft Süßigkeiten ein. Auf der anderen Straßenseite sah Wissam wenig später die Leiche seines Lieblingsonkels. Er hatte auf einem Stuhl im Schatten gesessen.

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Es dauert eine Weile, bis der Junge zu erzählen beginnt. Sein Vater ergreift das Wort: Seit dem Tag im Juli müsse er seinen Sohn zum Essen zwingen. Wenn überhaupt, dann schlafe er noch im Bett seiner Eltern. Im Traum ruft er nach seinem Freund und seinem Onkel. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, bricht es aus ihm heraus: „Wenn ich groß bin, werde ich ein Kämpfer. Ich bin so wütend. Ich hasse die Juden.“

Unter den fast 2200 palästinensischen Toten des Krieges sind 505 Kinder und Jugendliche, mehr als 3300 wurden verletzt. Für die Einwohner des Lagers am Strand ist klar, dass es eine israelische Rakete war. Das bestreitet die israelische Armee, nach deren Angaben es sich, um ein palästinensisches Geschoss handelte, das sein Ziel in Israel verfehlte. Aber für die meisten Menschen in Gaza spielt das längst keine Rolle mehr.

„Gaza Community Center“ hilft traumatisierten Kindern

Hasan Zeyada, ein Psychologe, der das „Gaza Community Center“ leitet, ist von Wissams Hass und seinen Wünschen für die Zukunft nicht überrascht. „Es besteht die große Gefahr, dass in Gaza eine Generation heranwächst, die mit Gewalt auf Gewalt reagiert. Die Kinder kennen es nicht anders“, sagt er. Für Elfjährige wie Wissam ist es schon der dritte Krieg in nur fünfeinhalb Jahren.

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Ein Blick in das Spielzimmer des Therapiezentrums zeigt, was er meint. Dort sind die Regale voller Spielzeug aller Art. Während ihres ersten Besuchs lassen die Psychologen die Kinder erst einmal spielen und schauen ihnen dabei nur zu. Ein fünf Jahre alter Junge und seine Schwester greifen sofort nach den Maschinenpistolen, Raketenwerfern und Granaten aus Plastik. „Die Kinder fühlen sich nirgendwo mehr sicher. Sie fragen sofort, wann der Krieg wieder losgeht. Wir haben keine Antwort darauf“, sagt Hasan Zeyada.

Nach Untersuchungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef brauchen mehr als 370.000 Kinder in Gaza psychologische Hilfe; ein Drittel aller Kinder leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In Kindergärten und Schulen versuchen Betreuer und Lehrer, ihr Leid etwas zu lindern. Wie die Eltern der Kinder kämpfen sie selbst oft mit traumatischen Erinnerungen. Hasan Zeyada vom „Gaza Community Center“ hat noch erwachsene Patienten, die seit dem Gaza-Krieg vom November 2012 zu ihm kommen. Mehr Therapeuten reichen seiner Ansicht nach nicht aus, um die Probleme zu lösen. „Das Trauma dauert schon seit der zweiten Intifada an, die vor 14 Jahren begann. Es wird immer schlimmer. Die psychische Verfassung der Menschen ist eine Folge der politischen Lage. Die israelische Blockade muss aufhören“, fordert der Psychologe.

Zehntausende Wohnungen wurden im Krieg zerstört

Für den elf Jahre alten Wissam gäbe es Hilfe, doch sein Vater hat keine Zeit, mit ihm zu den Therapiestunden zu gehen. Sein kleines Geschäft ist jeden Tag von 6 bis 23 Uhr geöffnet. „Ich muss so lange aufmachen, damit ich überhaupt noch etwas verdiene. Die meisten Kunden lassen nur noch anschreiben“, sagt der Vater von fünf Kindern. Die Wirtschaftskrise ist durch den jüngsten Krieg noch einmal verschärft worden. Dabei hatte seine Familie Glück im Unglück. Bei dem Raketenangriff ging nur das Schaufenster zu Bruch, das restliche Haus wurde nicht beschädigt.

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