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Gazastreifen : Kaum Hoffnung auf Heilung

Im Wohnzimmer von Nidal Nadschar tropft Wasser von der Decke. Sie besteht aus Plastikplanen, die der 25 Jahre alte Mechaniker über den wenigen Wänden aufgespannt hat, die von seinem zwei Stockwerke hohen Haus stehen geblieben sind. Es ist der erste Wolkenbruch seit dem Ende des Sommers und ein Vorbote des Winters. „Wir müssen hier raus, bevor es richtig losgeht und kalt wird“, sagt Nadschar. Aber er weiß immer noch nicht, wohin. Fast 20.000 Wohnungen wurden im Krieg irreparabel zerstört, 60.000 beschädigt. 110.000 Menschen sind obdachlos.

Vom Haus der Familie Nadschar in Khuzaa ist nur ein Schuttberg übrig geblieben. Ganz oben baumelt ein Waschbecken an den Überresten der pinkfarbenen Badezimmerwand. Trotzdem hat sich die Großfamilie in den letzten drei halbwegs intakten Zimmern im Erdgeschoss notdürftig eingerichtet. Sogar ein paar rote Plastikblumen haben sie gerettet. Von Khuzaa aus sind hinter dem Grenzzaun die ersten israelischen Häuser zu sehen. Soldaten suchten dort im Krieg nach Tunneln, die die Hamas nach Israel gegraben hatte. Mit ihren Panzern und Baggern durchwühlten sie die Felder und zerstörten Dutzende Häuser. Das Bauerndorf am südöstlichen Rand des Gazastreifens gehört zu den am stärksten zerstörten Gegenden.

Internationale Geberkonferenz weckt Hoffnung

Nidal Nadschar hofft auf den 12. Oktober. Dann tagt in Kairo die internationale Geberkonferenz für den Wiederaufbau des Gazastreifens. Er schätzt, dass es drei bis vier Jahre dauert, bis er sein Haus wieder aufgebaut hat. Mitarbeiter des UN-Hilfswerks UNRWA waren schon da und haben die Schäden begutachtet. Jetzt wartet die Familie auf die erste Nothilfe. Mehr als 1500 Dollar zahlen die Vereinten Nationen aber nicht aus. Das muss dann für den Winter reichen. „Wir müssen uns irgendwo etwas mieten, auch wenn die Mieten wahnsinnig gestiegen sind“, sagt Nidal Nadschar. In einen der 26 Wohncontainer, die eine britische Hilfsorganisation gerade in Khuzaa aufstellt, will Nidal Nadschar auf keinen Fall ziehen. Zwei Zimmer, eine Kochnische und eine Toilette auf weniger auf 30 Quadratmetern – das sei zu klein für alle 14 Familienmitglieder.

Karte Gazastreifen
Karte Gazastreifen : Bild: F.A.Z.

Einige Einwohner des Gazastreifens haben ihre erste Wiederaufbauhilfe für andere Zwecke verwendet. Sie nutzten sie für ihre Flucht aus der Hoffnungslosigkeit und bezahlten damit die Schlepperbanden, die ihnen versprachen, sie von Ägypten aus übers Mittelmeer nach Europa zu bringen. Niemand kennt ihre Zahl, aber in Gaza spricht man von Hunderten und erzählt neue Horrorgeschichten wie die der Familie Bakr. Im Juli verlor sie fünf Söhne, die am Strand Fußball spielten, als die israelische Armee das Feuer auf sie eröffnete. Seit Anfang September vermissen sie 25 Verwandte. Kaum war der Krieg vorüber, machten sie sich auf den Weg nach Europa. Sie waren wahrscheinlich auf dem Flüchtlingsboot, das Schlepper vor Malta versenkten. Von den mehr als 500 Passagieren überlebten nur zehn. In Gaza heißt es, die Mehrheit seien Palästinenser gewesen. Mit jedem Tag wächst nicht nur in der Familie Bakr die traurige Gewissheit, dass sie nie wieder von ihnen hören werden.

Islamisten haben weiterhin das Sagen

„Die Flüchtlinge kamen aus allen Gruppen und Schichten. Ihr Tod muss ein Warnsignal für alle Palästinenser sein“, sagt Abdallah Franghi. Seit dem Tag vor dem Kriegsbeginn ist der frühere PLO-Vertreter in Deutschland Gouverneur von Gaza-Stadt. Doch viel Einfluss bedeutet das Amt bisher nicht, für das Präsident Mahmud Abbas seinen außenpolitischen Berater Franghi persönlich ernannt hatte. Die Hamas und Abbas’ Fatah-Organisation einigten sich zwar vor Monaten auf eine gemeinsame Übergangsregierung, – aber in Gaza haben weiterhin die Islamisten das Sagen.

Franghi kehrte Anfang Juli in sein Elternhaus im Gazastreifen zurück. Jetzt nimmt er die Hamas in die Pflicht, dem Abkommen, das die beiden Palästinensergruppen Ende September in Kairo unterzeichnet haben, auch Taten folgen zu lassen. Er gibt sich zuversichtlich. Er spüre eine „neue, bessere Atmosphäre“, sagt er. „Beide Seiten zeigen mehr Verantwortungsbewusstsein. Jetzt muss die Einheit so schnell wie möglich umgesetzt werden.“ Beiden Seiten ist klar, dass die nächsten Tage entscheidend für den Wiederaufbau sind: Nur unter einer Regierung unter der Führung von Präsident Abbas wird sich die internationale Gemeinschaft in Kairo großzügig erweisen – werden Israel und Ägypten ihre Grenzen weiter öffnen.

Quelle: F.A.Z.

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