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Gaza-Krieg : Krieg um die Opfer

Bücher retten: Am Samstag nach dem Angriff auf eine Moschee Bild: AP

Während in Gaza noch immer kein Frieden absehbar ist, haben Israel und die Hamas längst einen weiteren Krieg begonnen: den um die Opferzahlen. 

          Der Geruch des Todes hat sich nicht ganz verzogen. Noch immer liegen Leichen unter den Trümmern von Sadschaija, Rafah und Beit Hanun, als der Krieg nach drei Tagen Pause zurückkehrt – und mit ihm das altbekannte Ritual. Vor dem Schifa-Krankenhaus jagen die Kamerateams den ankommenden Rettungswagen hinterher. Wenig später gibt der Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums die neuesten Opferzahlen bekannt: Der zehn Jahre alte Ibrahim Zuheir al Dawawseh ist am Freitag der erste Tote, nachdem Hamas und Islamischer Dschihad die Feuerpause beendet hatten. Gleich neben dem Haupteingang der größten Klinik in Gaza-Stadt hat die Hamas ihr Pressezentrum eingerichtet. Tief unter dem Gebäude wird der Bunker vermutet, in dem sich die Hamas-Führer verstecken, weil sie dort keine israelischen Angriffe befürchten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Hassan Destawi beobachtet seit mehr als zwei Wochen die Ankunft der Krankenwagen. „Die Israelis töten unsere Kinder. Aber unser Widerstand verteidigt uns“, sagt der Palästinenser. Auf einem Stück Pappkarton harren er und sein zwei Jahre alter Sohn im Schatten neben dem Krankenhaus aus, zusammen mit einem Dutzend anderer Familien. Ihre Häuser in Sadschaija wurden zerstört, in den Notunterkünften fanden sie keinen Platz. „Hier sind wir wenigstens sicher“, hofft Hassan Destawi.

          Noch bevor die Waffen schweigen, hat der Krieg um die Opfer begonnen. Auf der israelischen Seite kamen 64 Soldaten und drei Zivilisten ums Leben – obwohl aus Gaza fast 3500 Raketen abgefeuert wurden. Im Gazastreifen stieg am Samstag die Zahl der Toten nach neuen Luftangriffen auf fast 1900. Die hohen palästinensischen Verluste werden auch in Israel nicht in Zweifel gezogen. Heftigen Streit gibt es aber darüber, wie hoch der Anteil der Zivilisten unter den Toten und Verletzten ist: Je höher er ist, desto massiver fallen die Vorwürfe gegen die israelische Armee aus, ihre Soldaten hätten nicht genug getan, um die unbeteiligte Bevölkerung zu verschonen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon spricht schon von einer „groben Verletzung des humanitären Völkerrechts“.

          Israel wirft Hamas Verschleierungs-Taktik vor

          Das Büro des UN-Nothilfekoordinators (Ocha) zählte bis zum Freitag 1869 Tote. Davon seien 1380 Zivilisten, 217 „Mitglieder bewaffneter Gruppen“ und 272 „unbekannt“. Das palästinensische Menschenrechtszentrum Al Mezan bezifferte in der vergangenen Woche den Anteil der getöteten Zivilisten mit fast 82 Prozent. Die Menschenrechtler aus Gaza-Stadt überprüfen mit fünf Mitarbeitern jeden Todesfall, bevor sie ihn in ihre Liste aufnehmen. „Bisher konnten wir etwa 300 Tote identifizieren, die eine Verbindung zu politischen Gruppierungen wie Hamas und Islamischer Dschihad hatten“, sagt Samir Zaqut, der bei Al Mezan die Statistik zusammenstellt. Er vermutet, dass noch nicht alle Leichen der Kämpfer dieser Organisation gefunden wurden. Sie lägen wahrscheinlich noch unter den Trümmern oder Tunneln in schwer zugänglichen Gebieten.

          Die israelische Armee macht eine andere Rechnung auf: Man habe in Gaza „zwischen 700 und 1000 Terroristen“ getötet, teilt eine Sprecherin mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Nach Einschätzung israelischer Militärs verschweigen die bewaffneten Gruppen absichtlich ihre eigenen Verluste oder geben ihre Kämpfer, die meistens keine Uniform tragen, als Zivilisten aus. Als Beweis für diese Strategie verweisen Armeesprecher auf einen im Internet veröffentlichten Aufruf des Innenministeriums in Gaza aus der vergangenen Woche. Darin wird die Bevölkerung aufgefordert, „keine Fotos von Märtyrern des Widerstands zu verbreiten“, weil sie „der Feind“ nutze, um seine Verbrechen zu rechtfertigen.

          Israelische Soldaten fanden zudem in Sadschaija ein „Handbuch“ für Hamas-Kämpfer vor, dessen Echtheit sich nicht unabhängig überprüfen lässt. Der Leitfaden empfiehlt, sich hinter Zivilisten zu verschanzen, denn dann müsse die israelische Armee Zurückhaltung üben. Zerstörten die Israelis Wohnhäuser, steigere das den Hass auf die Soldaten und lasse zugleich die Unterstützung für die Hamas wachsen, heißt es weiter.

          Was geschieht mit hingerichteten Kollaborateuren?

          Die Rechercheure von Al Mezan erwarten jedoch nicht, dass Hamas und Islamischer Dschihad ihre eigenen Toten dauerhaft verschweigen werden. „Für diese Gruppen ist das eine Frage der Ehre. Je größer der Blutzoll in den eigenen Reihen, desto höher ist ihr Ansehen“, sagt Samir Zaqut. Er hat in seiner Statistik andere Schwierigkeiten zu bewältigen, wie ein prominentes Beispiel zeigt. Am Donnerstag wurde die aus einer Ruine geborgene Leiche des Hamas-Führers Aiman Taha ins Schifa-Krankenhaus gebracht. Der Sohn eines Mitgründers der Hamas war jedoch nicht durch israelischen Beschuss gestorben, sondern von den eigenen Leuten hingerichtet worden, wie die palästinensische Presse berichtet. Er sei der Korruption und der Spionage für Ägypten beschuldigt worden. Ihn nimmt Al Mezan ebensowenig in die Statistik auf, wie mehr als 20 weitere Tote. Auch diese Männer wurden erkennbar aus nächster Nähe erschossen. Auf diese Weise werden in Gaza „Kollaborateure“ getötet, denen man vorwirft, als Informanten für Israel gearbeitet zu haben.

          Bei der Gesamtzahl der Toten fällt auf, dass der größte Teil von ihnen Männer im kampffähigen Alter zwischen 20 und 30 Jahren waren. Das zeigen Übersichten, die die Zeitung „New York Times“ und der Sender „Al Dschazira“ veröffentlicht haben. Ob das bedeutet, dass viele von ihnen auch an den Kämpfen beteiligt waren, lässt sich bisher nicht sicher sagen. Traurige Klarheit herrscht dagegen schon heute bei den anderen Einwohnern, die nicht sich nicht an den Kämpfen beteiligten: 244 Frauen, 85 ältere Menschen und mindestens 447 Kinder kamen ums Leben. Ihre Zahl ist höher als in allen früheren Gaza-Konflikten.

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