Dumpf donnert es von oben. Doch die meisten Menschen in Gaza sind zu erschöpft, um über das Grollen noch zu erschrecken. Dieses Mal ist es auch nur ein Gewitter – mit ihm geht ein Wolkenbruch nieder und lässt Sturzbäche durch die Straßen der Stadt schießen. „Endlich macht der Regen alles sauber“, sagt eine Passantin in der Omar-al-Muchtar-Straße. Sie klingt, als wünsche sie sich nicht nur, dass der Regenguss nicht nur den seit Tagen liegengebliebenen Müll ins Meer schwemme, sondern auch die vergangenen eineinhalb Wochen.
Am einen Ende der mit Bäumen bestandenen Muchtar-Straße hatte am 14. November alles begonnen, als die israelische Luftwaffe das Auto des Hamas-Militärführers Ahmed al Dschabari angriff. Wenige hundert Meter weiter Richtung Strand löscht nun der Regen die letzten Feuer, die noch immer in dem riesigen Trümmerfeld kokeln. Dort stand bis vor gut einer Woche ein wuchtiges Betongebäude, das mehrere Abteilungen des mächtigen Innenministeriums beherbergte. Israelische Kampfflugzeuge haben es in Schutt und Asche gelegt. Zwischen den Trümmern liegen überall Formulare, auf denen der palästinensische Adler zu sehen ist, neben grotesk verformten Überresten von Bürostühlen.
Überall in der Stadt stehen große Trauerzelte
Der Anblick der Ruine hat in Gaza nicht nur Empörung, sondern auch Beunruhigung hervorgerufen: Die Akten des Personenstandsregisters, die dort lagerten, reichten angeblich siebzig Jahre zurück. Die Regierung versucht die Bürger mit der Mitteilung zu beruhigen, dass die meisten Unterlagen aus dem Standesamt elektronisch erfasst und weiter zugänglich seien. „Manch einer ist vielleicht froh, wenn die Behörden seine Akte nicht mehr findet“, scherzt Ihab, ein Handwerker, der an einem Laden gegenüber die ersten Schäden behebt. Doch dann wird er ernst. „Das palästinensische Volk hat einen Sieg über die Israelis davongetragen“, sagt er. Ob dieser Erfolg von Dauer ist, wagt er aber nicht vorherzusagen. „Wir bauen auf Gott“, fügt er vorsichtshalber hinzu.
Am Donnerstag, dem ersten Tag, an dem die Waffen schwiegen, besichtigten viele Menschen in Gaza zum ersten Mal die Schäden, die sie bis dahin selbst nur aus dem Fernsehen kannten. Acht Tage lang hatten sich die meisten von ihnen nicht aus den Häusern gewagt. Schulen und Universitäten waren geschlossen. Eine halbe Million Schüler musste zu Hause bleiben. Die meisten der mehr als 1,6 Millionen Einwohner Gazas sind jung – die Hälfte jünger als 15 Jahre. Und doch sind fast alle alt genug, um sich an die letzte israelische Großoffensive zu erinnern. Neben den neuen Schutthügeln klaffen in der Stadt noch immer die Lücken, die das israelische Bombardement vor knapp vier Jahren während der Militäroperation „Gegossenes Blei“ hinterlassen hatte. Damals, als die israelische Armee auch noch im Gazastreifen einmarschierte, kamen mehr als 1100 Menschen um. Dieses Mal fielen die Schäden weniger schlimm aus. 165 Tote, mehr als 1200 Verletzte und 55 zerstörte Gebäude meldete die von der Hamas kontrollierte Regierung am Freitag.
Seit die Siegesfeiern vorbei sind, zu der die islamistische Hamas sogar ihre politischen Konkurrenten von der Fatah-Organisation eingeladen hatte, holen jetzt viele Menschen den Schlaf nach, den sie während des acht Tage und Nächte andauernden Bombardements nicht fanden. Müdigkeit steht ihnen ins Gesicht geschrieben – bei manchen kommt noch tiefe Traurigkeit dazu. Überall in der Stadt stehen große Trauerzelte. Sie werden im Nahen Osten aufgestellt, um in den ersten Tagen nach dem Tod eines Angehörigen die zahlreichen Kondolenzbesuche zu empfangen. Man umarmt sich, sitzt zusammen, trinkt aus kleinen Mokkatassen starken Kaffee; Tabletts mit Datteln werden herumgereicht. Der Hautarzt Majdy Naim lebt in einem guten Viertel im Zentrum der Stadt. Neben dem unscheinbaren Eingang seines Hauses führt eine Treppe in die „Gaza Mall“. Bunte Lichter blinken in den Auslagen des Einkaufszentrums, dessen Regale auch während der Kriegstage gut gefüllt blieben.
Für die Zivilbevölkerung gibt es keine Schutzräume
Familie Naim hat kein Zelt aufgestellt. Unter dem Vordach ihres mehrstöckigen Wohnblocks ist Platz genug für Dutzende weiße Plastikstühle, die trotzdem nicht für alle Besucher ausreichen. Sechs Stunden vor Beginn der Waffenruhe wurde Abdelrahman Naim beim Spielen getötet. Im Januar wäre der Junge mit den großen dunklen Augen drei Jahre alt geworden. Ein israelischer Kampfhubschrauber hatte im Gebäude gegenüber eine Wohnung beschossen. Herumfliegende Trümmer und Splitter flogen bis ins Wohnzimmer der Familie Naim. Zunächst kümmerte sich Abdelrahmans Vater um seinen Neffen, weil er stark blutete. Er brachte ihn ins Krankenhaus. Kurz darauf wurde Naim in einen anderen Raum gerufen: Dort lag sein jüngster Sohn Abdelrahman, er war tot. „Das ist unser Schicksal. Aber trotzdem frage ich mich, warum es geschah. Was hat er getan?“, fragt sein Vater Majdy Naim auf Deutsch. Er hat in der Bundesrepublik studiert, drei seiner vier Söhne wurden dort geboren.
Er kann sich immer noch nicht erklären, was geschehen ist. Das von den Israelis beschossene Bürogebäude gegenüber seiner Wohnung habe doch seit dem Beginn der Militäraktion leer gestanden, sagt der Hautarzt. Nach Angaben der Hamas-Regierung wurden insgesamt 41 Kinder getötet. Kinder sind demnach alle, die jünger als 18 Jahre alt sind. Das Büro des UN-Nothilfekoordinators „Ocha“ spricht von mindestens 30 umgekommenen Kindern, von denen zwölf unter zehn Jahren gewesen seien.
Nicht nur der Tod des Jungen im Mehrfamilienhaus der Familie Naim macht deutlich, dass auch ein Hochtechnologiekrieg mit Präzisionswaffen zivile Opfer fordert. Im Vergleich zum Krieg vor vier Jahren sind die Treffer zwar viel genauer. Aber im Gazastreifen, der zu den Gebieten der Welt gehört, die am dichtesten besiedelt sind, waren sie oft nicht präzise genug. Für die Zivilbevölkerung gibt es keine Bunker oder Schutzräume. Vor herumfliegenden Trümmern und Splittern waren sie auch in ihren Wohnungen nicht sicher, wie das Beispiel des Jungen zeigt.
Im Gazastreifen heißen alle Toten „Märtyrer“
Dann verschanzten sich auch noch Kämpfer von Hamas und Islamischem Dschihad hinter den Einwohnern der Stadt. Von ihnen hört man, dass Kämpfer in ihren Hinterhöfen oder den Straßen vor ihren Häusern Raketen abfeuerten. Munition und Ausrüstung versteckten die bewaffneten Islamisten mitten in Wohnvierteln wie Tal al Hawa. Dort nutzte die Hamas das stattliche Haus eines früheren Geheimdienstchefs als Raketenlager. Das war ein Seitenhieb auf die Rivalen der Fatah-Organisation, der der Geheimdienstler angehörte; die Islamisten hatten die Fatah im Jahr 2007 in Gaza gewaltsam von der Macht vertrieben.
Heute ist an der Stelle des Hauses nur ein tiefer Krater zu sehen. Durch das israelische Bombardement explodierte auch noch der Sprengstoff und zerfetzte die Fassaden der umliegenden Gebäude. Auch von einem dreistöckigen Haus im Viertel Scheich Radwan ist fast nichts übrig geblieben. Dort lebte bis zum vergangenen Sonntag die Familie Dalu. Zehn Familienmitglieder wurden getötet, unter ihnen vier Kinder und fünf Frauen, dazu noch zwei Nachbarn. Der Anschlag galt dem wichtigsten Raketenbauer der Hamas, Jihija Abija. Die israelische Armee bekundete anschließend öffentlich ihr Bedauern über den Tod der Zivilisten und ordnete eine Untersuchung an. Die Überreste des Hauses sind inzwischen zu einer improvisierten palästinensischen Gedenkstätte für den jüngsten Krieg geworden.
Auf großen Plakaten, die in der Straße neben dem blauen Trauerzelt hängen, sind die vier toten Kinder auf einem Metalltisch einer Leichenhalle zu sehen. Ein Besuch der Ruine gehört zum Programm, das die Hamas-Regierung gerne für offizielle Besucher organisiert – der Kampf um die Deutungshoheit der jüngsten Runde der Gewalt ist auch drei Tage nach Beginn der Waffenruhe nicht vorüber. In Israel beharren Armeesprecher darauf, dass rund zwei Drittel aller Getöteten an bewaffneten Aktivitäten beteiligt waren. Im Gazastreifen heißen alle Toten „Märtyrer“, egal ob sie Raketen abfeuerten oder spielende Kinder waren.
Zum Ausgehen ist noch nicht vielen Menschen zumute
Für kurze Zeit sah es am Wochenende aus, als wollten einige in Gaza schon wieder kämpfen. Im Süden drangen Palästinenser bis zum israelischen Grenzzaun vor; einige versuchten, den Stacheldraht zu überwinden. Israelische Soldaten erschossen einen Mann aus Gaza. Die Hamas sandte zusätzliche Sicherheitskräfte an den Grenzzaun. Sie sollen verhindern, dass es zu weiteren Auseinandersetzungen kommt.
„Die Hamas will keine Eskalation. Jetzt genauso wenig wie vor eineinhalb Wochen“, sagt Usama Antar. Der islamistischen Regierung sei es wichtiger, Gaza wiederaufzubauen und den Menschen eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten, sagt der Politikwissenschaftler. Aus diesem Grund brauche man Ruhe und möglichst offene Grenzen. Am Samstag kündigte ein Sprecher der Hamas-Regierung an, dass die israelische Seeblockade vor Gaza gelockert werde. Fischer dürften von nun an sechs statt bisher drei Meilen vor Gaza fischen.
Zum Ausgehen ist am regnerischen Freitagabend in Gaza noch nicht vielen Menschen zumute. Einige suchen bei „Carino’s“ Entspannung, einem orientalisch-italienischen Lokal am Strand. Nicht weit entfernt schlug vor wenigen Tagen ein israelisches Geschoss ein. Nun läuft auf dem Großbildschirm im Innern des Restaurants „Die Stimme“, das arabische Gegenstück zur deutschen Fernsehshow „Voice of Germany“. Nach der Pasta gönnen sich die Gäste in den Clubsesseln eine Wasserpfeife. Geredet wird nicht über die Feuerpause, sondern über die gesanglichen Qualitäten der Kandidaten.
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