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Gaza Eine Offensive mit Ansage

Der israelische Ministerpräsident Netanjahu gilt als Zauderer. Viele bezweifeln seine Entschlossenheit, notfalls auch Bodentruppen zu schicken, um den Raketenbeschuss zu stoppen. Innenpolitisch wäre das Risiko groß.

© REUTERS Vergrößern Rauch über Gaza: Die Palästinenserstadt am Freitagmorgen, nach neuen Angriffen israelischer Kampfflugzeuge

Israel habe selbst die „Tore der Hölle geöffnet“ und müsse nun die Folgen tragen: Das hatte der bewaffnete Arm der Hamas am Mittwoch mitgeteilt. Doch die angedrohte „Hölle“ mussten in den ersten 24 Stunden nach dem Tod des Hamas-Militärführers Ahmed al Dschabari vor allem die radikalen Islamisten in Gaza selbst durchleben.

Hans-Christian Rößler Folgen:  

Israel setzte seine Militäroperation „Säule der Verteidigung“ mit unverminderter Härte fort: Die Armee beschoss mehr als 150 Ziele im Gazastreifen. Damit  wollte sie Hamas, den Islamischen Dschihad und andere Terrorgruppen  daran hindern, ihre „Weltuntergangswaffen“ einzusetzen und weitreichende Raketen auf Großstädte wie Tel Aviv abzufeuern – dennoch wurde in der Millionenstadt am Donnerstagabend Luftalarm ausgelöst. Auf der israelischen Seite des Grenzzauns fing das Abwehrsystem „Iron Dome“ mehr als 50 Raketen ab, konnte aber einen Treffer auf ein Wohnhaus in Kirjat Malachi nicht verhindern; drei Menschen kamen dort ums Leben. Aus Gaza wurden mindestens 16 Tote gemeldet. Die Zahl der Toten im Gazastreifen stieg auf 16. Als bislang letztes Opfer  sei ein Baby im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben, teilte das Gesundheitsministerium in Gaza-Stadt mit.

Entschlossenheit demonstriert

Israel habe den Terrororganisationen eine „eindeutige Botschaft“ übermittelt, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zufrieden. Man sei bereit, die Militäroperation auszuweiten, wenn es nötig sein sollte. Auch die führenden israelischen Kommentatoren zollten am Donnerstagmorgen Netanjahu Respekt für den Überraschungsschlag, den viele dem Regierungschef nicht zugetraut hatten, der bisher eher als Zauderer bekannt war. Selbst die Hamas hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass Netanjahu es wagen würde, in Gaza vor der Parlamentswahl am 22. Januar so hart durchzugreifen, wie es jetzt geschah.

Thousands attend Hamas military commander's funeral Auf beiden Seiten: Palästinenser am Donnerstag bei der Beisetzung Ahmed al Dschabaris in Gaza-Stadt und ... © dpa Bilderstrecke 

Am Mittwoch wirkte es lange Zeit, als stehe die Führung der islamistischen Organisation unter Schock. Ohne ihren wichtigsten Militärführer sieht sich die Hamas einem schwer lösbaren Dilemma gegenüber: Hält sich sie sich bei ihrer Rache für Dschabaris Tod zu stark zurück, diskreditiert sie sich gegenüber ihren radikalen Herausforderern in Gaza; mit ihren andauernden Angriffen auf Israel hatten der Islamische Dschihad und kleinere salafitische Gruppen die Hamas zuletzt so stark unter Zugzwang gebracht, dass ihr bewaffneter Arm selbst wieder Raketen abfeuerte. Wenn die Hamas aber ohne Rücksicht auf Verluste zurückschießt, droht eine Bodenoffensive. Die israelische Armee könnte die dann Aufbauerfolge der vergangenen Jahre zunichte und die in der Bevölkerung nicht sonderlich beliebte Hamas noch unpopulärer machen - wenn sich nicht die israelische Regierung gleich dazu entschließt, so lange zu kämpfen, bis die Hamas ganz von der Macht vertrieben ist.

Eine Bodenoffensive ist jedoch auch für Ministerpräsident Netanjahu und seine Koalitionspartner riskant. Mit dem Überraschungsangriff konnten er und sein Verteidigungsminister Ehud Barak Entschlossenheit demonstrieren und zeigen, dass sie alles tun, dass sie bereit sind zum Äußersten zu gehen, damit der Raketenbeschuss im Süden endlich aufhört. Sollte die israelische Armee in Gaza einmarschieren, sind Verluste unter den eigenen Soldaten zu befürchten und die Militäroperation könnte in einen wochenlangen Krieg mit offenem Ausgang ausarten. Israelische Politiker haben nicht vergessen, dass die letzte Gaza-Offensive vor vier Jahren der bis damals regierenden Kadima-Partei nicht half, bei den Wahlen im Februar 2009 das Amt des Ministerpräsidenten zu verteidigen.

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