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Flüchtlinge in der Türkei : Falsches Spiel

Tausende, aber nicht Hunderttausende: Auf der Flucht vor der Terrormiliz IS überqueren syrische Kurden die Grenze zwischen Syrien und der Türkei nahe der Stadt Suruc. Bild: AFP

150.000 Kurden seien zuletzt aus Syrien in die Türkei geflohen, behauptet das UN-Flüchtlingshilfswerk. Die Zahlen stammen aus Ankara, doch sie sind viel zu hoch. Das zeigt ein Besuch im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Dennoch beharrt der UNHCR auf den hohen Zahlen. Warum?

          Zühal Ekmez, 35 Jahre jung, schlank, dunkle Augen, heller Blick, offenes Haar, Jeans, kettenrauchend, ist eine hinreißende Hardlinerin. Erst seit März dieses Jahres ist sie Bürgermeisterin der türkischen, fast nur von Kurden bewohnten Kleinstadt Suruc an der syrischen Grenze, aber die selbstbewusste Frau spricht schon so routiniert über die Politik der Türkei, der Region und der Welt, als sei sie soeben zur UN-Generalsekretärin gewählt worden. Vier Zigaretten wird sie rauchen während unseres Gesprächs und dabei eine Geschichte erzählen, die zunächst wie eine gigantische Verschwörungstheorie klingt. Aber schon nach der dritten Zigarette wird klar – Frau Ekmez könnte zumindest zum Teil recht haben.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Erste Zigarette: Frau Ekmez erzählt ein wenig über sich, und es wird deutlich, dass sie eine besonders linientreue Anhängerin der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) und ihres seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan ist. Kein Wunder, sie ist ja ins Amt gewählt worden als Kandidatin der wichtigsten türkischen Kurdenpartei, die als politischer Arm der PKK gilt. Ihr ältester Bruder sitzt sogar noch länger im Gefängnis als Öcalan, seit 18 Jahren schon. Er schloss sich als junger Mann der PKK an und wurde nach vier Jahren verhaftet. „Er ist der angesehenste Mann in meiner Familie“, sagt seine Schwester voller Stolz. Dann sagt Frau Ekmez, sie glaube nicht mehr an einen Erfolg der Friedensverhandlungen zwischen der türkischen Regierung und den Kurden. „Niemand will, dass wieder Menschen sterben. Aber leider scheitert es immer an der türkischen Seite.“ Sie traut dem türkischen Staat nicht. „Die kurdische Widerstandsbewegung meint es ernst, aber die türkische Seite spielt auf Zeit.“

          Kurdischer Keil im IS-Gebiet

          Hat man solche Worte nicht schon irgendwo gehört dieser Tage? Hat man. Von Murat Karayilan, einem der wichtigsten Männer der PKK. Während Abdullah Öcalan auf seiner Insel im Marmarameer gleichsam die Ikone der PKK ist, befehligt Murat Karayilan von den nordirakischen Kandil-Bergen aus deren Kämpfer. In der vergangenen Woche sagte Karayilan, der Friedensprozess zwischen Kurden und Türken sei beendet, man warte nur noch auf eine endgültige Aussage Öcalans. „Für uns ist es wichtig, was Öcalan dazu sagt, darauf warten wir“, echot Frau Ekmez die Worte Karayilans. Zu viel sei geschehen in den vergangenen Tagen, als dass der Friedensprozess einfach weitergehen könne wie bisher. Ende der ersten Zigarette.

          Die zweite beginnt Frau Ekmez mit einem Bericht über Kobane. Noch vor zehn Tagen hätten 99,9 Prozent der Weltbevölkerung nicht gewusst, wer oder was Kobane überhaupt ist. Eine japanische Kampfsportart? Das spanische Wort für Meerschweinchen? Ein seltenes Mineral? Inzwischen haben alle, die sich nur ein wenig für den Irrsinn der Welt interessieren, von Kobane gehört: eine von Kurden bewohnte Kleinstadt im Norden Syriens, belagert von den Glaubenskriegern des „Islamischen Staats“ (IS). Der IS will den Ort einnehmen, um seine Gebietsgewinne in der Region zu konsolidieren. Kobane ist ein kurdischer Keil im Schreckensreich des Terrorfürsten Abu Bakr al Bagdadi. Außerdem ist Kobane die Nachbarstadt von Suruc, das in den vergangenen Tagen, glaubt man den Aussagen der türkischen Regierung, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) und Berichten internationaler Medien, von einer Flüchtlingswelle biblischen Ausmaßes überschwemmt wurde. Mehr als 140.000 Leute aus Kobane und Umgebung seien in einer Woche vor den IS-Kriegern in die Türkei geflohen, heißt es aus diesen Quellen.

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