„Thank you Germany“, ruft Muhammad, als er von Deck hinunter schreitet. Nach 54 Stunden Fahrt betritt er ägyptischen Boden. Noch einmal ruft er ekstatisch und hebt dabei die Hände: „I love you Germany!“ Mehr Englisch spricht der 23 Jahre alte Bauarbeiter aus dem ägyptischen Fayyum nicht. Nach zwei Jahren Arbeit in Libyen kehrt er in seine Heimat zurück. Er verlässt als erster der 612 ägyptischen Flüchtlinge, die die Bundesmarine aus dem tunesischen Hafen Ghannoush nahe Ghabez evakuiert hat, die Fregatte Brandenburg. Wieder festen Grund unter den Füßen, wirft sich Muhammad zu Boden, küsst ihn mit Tränen in den Augen und erhebt beide Arme zu einem kurzen Dankgebet für Deutschland.
Dann erzählt er von der Höllenfahrt. Noch in Tripolis seien er und seine ägyptischen Kollegen von Einheiten des Gaddafisohns Chamis malträtiert worden. Sie mussten sich auf den Boden knien, die Pistole wurde ihnen ins Genick gedrückt, und dann hieß es: „Haut ab!“ Mehr als nur eine Scheinexekution hatten sie über sich ergehen lassen. Auf dem Weg zur tunesischen Grenze seien dann Gaddafis schwarze Söldner über sie hergefallen, hätten sie beraubt, geprügelt. Sie seien an der Grenze bis auf die Haut gefilzt worden. Die Mobilfunkgeräte wurden ihnen weggenommen, Kameras, vor allem Speicherkarten, damit niemand die Bilder der Gräuel der vergangenen Wochen sehen würde.
Jetzt endlich lacht Muhammad verschmitzt, zieht das rechte Bein hoch, und holt aus dem Innern des Saumes seiner Jeans eine Speicherkarte heraus. Stolz hält er sie zwischen Daumen und Zeigefinger. So hat der, der gedemütigt wurde, doch noch einen kleinen Sieg errungen. Mit umschnürten Ballen und abgewetzten Koffern verlassen die Ägypter das Schiff, einer nach dem anderen. Das ist ihr Hab und Gut, das sie gerettet haben. 54 Stunden waren sie auf dem Schiff unterwegs, 1900 Kilometer hatte die Brandenburg zurückgelegt. Nun legt sie als erste im Hafen von Alexandria an.
Zwei Stunden später folgt die Fregatte Rheinland-Pfalz, dann das Versorgungsschiff Berlin. Zusammen bilden sie den Einsatz- und Ausbildungsverband der Marine. „Auf Fahrten in allen Weltmeeren werden auf den Schiffen Soldaten ausgebildet, sie befinden sich aber auch im Einsatz“, erklärt der deutsche Militärattache in Kairo, Albert Dietmann, die Aufgabe. Zuletzt war die Fregatte Brandenburg in der zweiten Jahreshälfte an der Bekämpfung der Piraterie vor Somalia beteiligt. Als sich die humanitäre Krise der aus Libyen flüchtenden Massen abzeichnete, hatten die drei Schiffe in der Großen Sirte vor der libyschen Küste gelegen. Die Luftwaffe hatte mit Transallflugzeugen Bundesbürger aus Libyen evakuiert. Der Schiffsverbund sollte sich zu Wasser für den Notfall bereithalten.
An Bord sind auch 80 Verstärkungskräfte anderer Waffengattungen. Sie wurden nicht gebraucht, der Notfall trat nicht ein. Stattdessen wurden Schiffe gebraucht, um in Tunesien gestrandete Flüchtlinge in ihre Heimat zu bringen. Betroffen ist vor allem Ägypten. Mehr als 1 Million Ägypter hatten in Gaddafis Libyen Arbeit gefunden. Die ägyptische Luftwaffe startete mit ihren Transportflugzeugen C130 eine Luftbrücke zwischen dem tunesischen Djerba und Kairo, ihr schloss sich Egypt Air an. Viele strandeten erschöpft in Ghabez. Dort hatte die ägyptische Fregatte Mubarak sechs Stunden vor der Brandenburg, der Rheinland-Pfalz und Berlin am Samstagabend abgelegt. Sie hatte 600 Ägypter aufgenommen und nahm ebenfalls Kurs auf Alexandria.
Ohne Hektik und Chaos werden Pässe abgestempelt
Zuvor hatte die türkische Fregatte F493 als Flüchtlingsschiff den gleichen Weg zurückgelegt. Für 8 Uhr war die Ankunft der Brandenburg angesagt. Um 7 Uhr 53 biegt sie in das Becken des Hafens von Alexandria ein. 14 Busse parken in Reih und Glied ein, ägyptische Passbeamte in ihren dunkelblauen Uniformen stellen zwei Tischchen auf, um die Pässe abzustempeln. Ein Offizier trägt ein Bündel von Einreiseformularen mit sich und meint beiläufig, das könne nun etwas chaotisch werden. Wird es aber nicht. In einem Rucksack bringt ein deutscher Marineoffizier alle Pässe vom Schiff.
Nach und nach werden sie ohne jegliche Hektik abgestempelt. Es hilft, dass jeder Flüchtling eine Nummer auf der Brust trägt, Muhammad hat die 2050. Sie klebt auch auf dem Pass. Damit umgeht man die nicht immer einfachen arabischen Namen. Nicht alle hatten aber Pässe, als sie Libyen verließen. Ägyptische Konsularbeamte hatten diese Unglücklichen im Hafen von Ghannoush mit vorübergehenden Reisedokumenten ausgestattet. Weitere Flüchtlinge steigen herab, sie schwingen die ägyptische Fahne, auch die tunesische. „Den ersten Tag an Bord haben wir nur geschlafen“, sagt Ahmad aus Damiyat.
Die Hangars für die Hubschrauber waren leer geräumt, auf dem Boden lagen die Matratzen, die der Schiffsagent in Ghabez entlang der tunesischen Küste in wenigen Stunden gekauft hatte. An den Wänden hingen Fernsehgeräte, wo die Ägypter, denen Libyen zur zweiten Heimat geworden war, auf Al Dschazira erfuhren, was in Libyen auch anderen passiert.
Alle Ersparnisse sind verloren
Hussein ist 54 Jahre alt, sieht aber älter und verbrauchter aus. Mit anderen hatte er sich in Tripolis auf den Weg zum Flughafen gemacht, in der trügerischen Hoffnung, von dort ausreisen zu können. Die Ersparnisse aller Jahre hatte er am Körper getragen, 1200 Dollar. Dann seien Angehörige der gefürchteten Brigade des Gaddafisohns Chamis aufgetaucht, hätten sie geschlagen, hätten ihnen alles, aber auch alles weggenommen, das einen Wert hatte. „Mit leeren Hände komme ich jetzt nach Hause“, sagt verbittert der alte Mann mit dem zahnlosen Mund.
Und setzt hinzu: „Diese Hunde!“ Bevor sie in den Hafen von Alexandria eingefahren sind, haben sie an diesem Morgen den Hangar noch aufgeräumt, haben die Matratzen säuberlich aufeinandergelegt, haben den Raum gefegt. Nun verschwinden sie und ihre Habseligkeiten in den Bussen. Fregattenkapitän Axel Deertz, der Leiter des Schiffsverbands, kann den Befehl geben abzulegen. Die drei Schiffe nehmen Kurs auf Kreta und den Hafen Heraklion. Ein weiterer Einsatz in der Flüchtlingskrise ist nicht bekannt. Sollte sich daran nichts ändern, werden die Schiffe, die am 21. Januar in Wilhelmshaven ausgelaufen sind, nach den letzten Stationen in Heraklion und Lissabon bald wieder in ihren Heimathafen einlaufen.