Home
http://www.faz.net/-gq9-73tc4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Emir von Qatar in Gaza Hanija reich beschenkt

Der Emir von Qatar besucht den Gazastreifen. Präsident Abbas in Ramallah trifft er nicht. Der Monarch wirbt um die Hamas, um diese von Iran und Syrien zu lösen.

© REUTERS Vergrößern Herzlicher Empfang: Hamad bin Khalifa al Thani und Hamas-Führer Ismail Hanija (links)

Als Gastgeschenk brachte der Emir von Qatar gleich eine ganze Stadt mit. Unweit der Ruinen des früheren israelischen Siedlungs Gusch Katif soll „Hamad City“ entstehen, benannt ihm, Scheich Hamad Bin Chalifa Al Thani. Rund 250 Millionen Dollar hat der Emir für neue Wohnungen, Straßen und ein Krankenhaus in Gaza zugesagt - und in Aussicht gestellt, die Summe noch einmal zu verdoppeln. Für die von der islamistischen Hamas-Organisation geführte Regierung ist schon der wenige Stunden dauernde Besuch der Delegation ein politischer Triumph: Zum ersten Mal seit der gewaltsamen Machtübernahme durch die Hamas stattet ein Staatsoberhaupt Gaza einen Besuch ab. Das sei ein „historisches Ereignis“ und bedeute das Ende der israelischen Blockade, sagte Hamas-Ministerpräsident Hanija. Er hoffe, dass bald andere Staatschefs dem Beispiel des qatarischen Emirs folgen werden.

Hans-Christian Rößler Folgen:  

Das kleine Golfemirat hatte sich zuletzt stark in den Palästinensergebieten engagiert. Erfolgreich hatte sich der Emir darum bemüht, die Hamas dazu zu bewegen, ihre langjährige Freundschaft zu Syrien und Iran aufzugeben. Von dort erhielten die Islamisten in Gaza bisher großzügige Unterstützung, die jetzt aus Qatar kommt. Nach dem Ausbruch der Unruhen in Syrien zog Hamas-Politbürochef Meschal in die qatarische Hauptstadt Doha. Dort schien dem Emir zu Anfang 2012 das zu gelingen, woran Ägypten im Jahr zuvor gescheitert war: Meschal und Fatah-Führer Mahmud Abbas unterzeichneten ein weiteres Versöhnungsabkommen. Doch auch mit dem Vertrag gelang es nicht, den innerpalästinensischen Machtkampf zu beenden und endlich wieder eine gemeinsame Regierung zu bilden.

Qatar setzte seine Vermittlungsarbeit fort. Der qatarische Kronprinz wurde in Jordanien zu einer Art Türöffner. In Amman empfing König Abdullah Hamas-Führer Meschal, den er 13 Jahre zuvor selbst ausgewiesen hatte. Mittlerweile hat jedoch Meschal angekündigt, sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen. So war sein Rivale, der Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija, am Dienstag der Gastgeber von Hamad Bin Chalifa Al Thani. Nach Ansicht von Beobachtern in Gaza wird sich Hanija ein weiteres Mal aufgewertet fühlen, dessen Einfluss in der Hamas wie im Ausland weiter wächst - auch auf Kosten des palästinensischen Präsidenten Abbas.

Qatar braucht gute Beziehungen zu Israel

Hamad Bin Chalifa Al Thani hatte Abbas nur in einem Telefongespräch über seine Reisepläne unterrichtet, ohne dem Präsidenten ebenfalls ein Treffen anzubieten. Angeblich erinnerte PLO-Chef Abbas den Emir daran, dass alles getan werden müsse, um die Spaltung der Palästinenser zu überwinden. Ungewohnt deutlich äußerte sich am Vorabend des qatarischen Besuchs in Gaza das PLO-Exekutivkomitee. Es appellierte in Ramallah an „alle arabischen Brüder“ alles zu vermeiden, was zur Gründung einer „separaten Einheit im Gazastreifen“ führe, was letztlich nur Israel in die Hände spiele.

Der Scheich aus Qatar blieb jedoch bei seinen Plänen: Statt dem gewählten und international anerkannten Palästinenserführer Abbas machte er am Dienstag nur der Hamas in Gaza seine Aufwartung; die Hamas hatte im Jahr 2007 gewaltsam die Fatah aus dem Gazastreifen vertrieben. Örtliche Fatah-Politiker waren angeblich zu den Empfängen in Gaza nicht eingeladen. Die Fatah, die gerade bei den Kommunalwahlen im Westjordanland Verluste hinnehmen musste, sieht sich immer stärker isoliert. Seit dem Machtwechsel in Ägypten werden Hamas-Politiker von Präsident Mursi und den regierenden Muslimbrüdern in Kairo freundlich empfangen und gehen und dort in Regierungsbüros ein- und aus, wie einst Fatah-Vertreter unter Präsident Mubarak.

Um die ehrgeizigen Aufbauprojekte in Gaza in die Tat umzusetzen und das benötigte Baumaterial zu importieren, braucht auch Qatar gute Beziehungen nach Ägypten - und nach Israel. Ägypten kontrolliert den Personenübergang in Rafah und hat seit dem Sommer damit begonnen, immer mehr Schmuggeltunnel zu zerstören. Israel überwacht den einzigen Warenübergang in Kerem Schalom. Israel habe prinzipiell zusätzliche Lieferungen für die qatarischen Baustellen zugesagt, heißt es vage in Gaza.

In seinen Beziehungen zu Israel war Qatar in der Vergangenheit pragmatisch. Zeitweise unterhielt das Emirat eine Handelsvertretung in Israel, das wiederum in Doha eine ähnliche Mission hatte. Regelmäßig trafen sich Politiker beider Seiten. In den vergangenen Tagen veröffentlichten Palästinenser im Internet Fotos eines Treffens des Emirs mit dem israelischen Staatspräsident Schimon Peres. Sie wollten damit deutlich machen, dass nicht alle Menschen im Gazastreifen über den Besucher und seine Politik erfreut sind. Nach Umfragen ist die Hamas-Regierung nicht sonderlich beliebt. Nicht nur Fatah-Anhänger beobachten mit Unbehagen, wie sehr sich Qatar auf die Seite der Islamisten stellt und der Hamas den Rücken stärkt.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
+++ Bagdad Briefing +++ Assads stiller Freund

Ägypten leistet kaum einen Beitrag zur Anti-Terror-Koalition. Aus gutem Grund. Das Sisi-Regime sieht Assads Repressionskurs als Vorbild für den Umgang mit der eigenen Opposition. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

29.10.2014, 12:21 Uhr | Politik
Einigung auf unbefristete Waffenruhe

Israel und die Palästinenser haben sich im Gaza-Krieg auf eine neue Waffenruhe geeinigt. Dem Vorschlag Ägyptens stimmten am Dienstag beide Seiten zu. Die neue ägyptische Initiative sieht nach Angaben seitens der Palästinenser weitreichende Vorschläge zu ihren Gunsten vor. Israel und Ägypten betrachten die Hamas ihrerseits als Sicherheitsbedrohung und fordern Garantien dafür, dass keine Waffen in den Gazastreifen gelangen. Mehr

26.08.2014, 23:27 Uhr | Politik
Dschihadisten in Ägypten Neue Terrorgruppe will Kalifat auf dem Sinai errichten

Nicht nur die Terrororganisation Ansar Beit al Maqdis erinnert immer mehr an den Islamischen Staat. Auch eine neue Gruppe mit dem Namen Soldaten des Kalifats im Land Ägypten versucht, ihren Einfluss auf der Sinai-Halbinsel auszudehnen. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

28.10.2014, 15:30 Uhr | Politik
Waffenruhe in Gaza vereinbart

Drei Tage lang sollen im Gazastreifen die Waffen schweigen. Israel und die radikalislamische Hamas haben sich ebenso dazu bereit erklärt, über eine dauerhafte Waffenruhe zu verhandeln. Mehr

01.08.2014, 09:26 Uhr | Politik
Ägypten Eine neue Welle der Repression

Ägyptens Präsident gibt den Militärgerichten nach einem schweren Selbstmordanschlag auf der Halbinsel Sinai weitere Befugnisse im Kampf gegen sunnitischen Terrorismus. Die harte Linie zeigt jedoch keinen Erfolg. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

26.10.2014, 16:49 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.10.2012, 15:07 Uhr

Anarchie oder Diktatur

Von Rainer Hermann

Der „Arabische Frühling“ ist gescheitert. Der Nahe Osten ist entgegen aller Hoffnung weder demokratisch noch stabil. Die Möglichkeiten lauten nun Anarchie oder Diktatur. Mehr 4