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Dschihadisten im Irak und Syrien : Eine Region zerfällt

  • -Aktualisiert am

Islamistisches Herz der Finsternis: Deir al Zour Bild: REUTERS

Nach der Eroberung irakischer Städte steht auch die syrische Provinzhauptstadt Deir al Zour vor der Einnahme durch Dschihadisten. Territorialordnungen kippen, die seit hundert Jahren wie in Stein gemeißelt schienen.

          Nach dem Blitzkrieg der Dschihadisten im Irak zieht sich nun auch die Schlinge um das syrische Deir al Zour enger. Doch die verzweifelten Hilferufe der Bewohner der Stadt am Euphrat dürften die Kämpfer des Islamischen Staats im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) in ihrem Eroberungsdrang nicht aufhalten: Bewohner berichten, alle Ausgänge aus dem syrischen Ort unweit der irakischen Grenze seien versperrt, Frauen und Kindern eine Rettung vor der Belagerung unmöglich gemacht durch die Terrorgruppe. So könnte an diesem Donnerstag mit Deir al Zour nach Mossul und Tikrit bereits die dritte Provinzhauptstadt in die Hände von Isis fallen – innerhalb von drei Tagen, in zwei verschiedenen Ländern.

          Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der die aus Al Qaida hervorgegangene Gruppe militärisch vorgeht, verursacht Schockwellen in einer Region, die noch immer unter den Folgen des Aufstandsjahres 2011 leidet. Territorialordnungen kippen, die seit hundert Jahren wie in Stein gemeißelt schienen: „Die Sykes-Pycot-Grenze zerschlagen“, schrieben die sunnitischen Krieger auf ein Schild an einem syrisch-irakischen Grenzübergang und rodeten mit Bulldozern eine Böschung. Deutlicher lässt sich nicht ausdrücken, dass für sie die imperialistische Ära, in der sich die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich Irak und Syrien unter den Nagel rissen, erst jetzt zu Ende geht. Und dass sie sich selbst für die neuen Herren halten.

          Wie zum Ende des Ersten Weltkriegs, als die damaligen Großmächte ihre Gebietsansprüche in der Levante und in Kernarabien festigten, birgt der scheinbar nicht zu stoppende Vormarsch der selbsternannten Gotteskrieger wieder das Potential, zu einem blutigen Regionalkonflikt zu werden– mit unabsehbaren Konsequenzen. Allein das Hineinziehen Ankaras durch die Geiselnahme Dutzender Diplomaten im türkischen Konsulat in Mossul und die Hilferufe der autoritären Regierung Nuri al Malikis an Washington und Teheran, Isis zu bremsen, bergen Sprengstoff auf Jahre hinaus. Ganz zu schweigen vom Anspruch des Isis-Führers Abu Bakr al Bagdhadi, ein alle alten Grenzen sprengendes Kalifat zu errichten: an den Ufern von Euphrat und Tigris ebenso wie am Mittelmeer.

          Längst auch Libanon im Visier

          Denn nicht nur der Irak und das syrische Grenzgebiet zur Türkei mit der historischen Handelsstadt Aleppo, sondern auch die libanesische Hafenstadt Tripolis ist längst im Visier Bagdhadis und seiner Untergebenen. Seit Mai gibt es in Beirut keinen Präsidenten mehr – der Zerfall staatlicher Ordnung, der in Irak und Syrien zum prägenden Merkmal der dysfunktionalen politischen Systems geworden ist, schreitet auch in der einstigen syrischen Vasallenrepublik Libanon munter voran. Für die nach einem Gottesstaat strebenden Kämpfer ist das der perfekte Nährboden, auf dem ihre lebensverachtende Vision gedeiht.

          Der Vormarsch der Terrorgruppe ISIS im Irak und Syrien geht weiter

          Drei Jahre nach Beginn der Revolution gegen Malikis Verbündeten Baschar al Assad rächt sich, dass der Westen dessen Gegner nie ausreichend unterstützte. Nur weil die moderaten Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) von Washington, Brüssel, London und Paris immer wieder hingehalten wurden, gelang es dem syrischen Ableger Al Qaidas, der Al-Nusra-Front, und den Isis-Terroristen, zu den stärksten Milizen in Syrien heranzuwachsen – und weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Dass Assad seine Truppen aus den Gegenden abzog, in denen Isis nun stark ist, ist kein Zufall: Der Feind meines Feindes ist mein Freund, lautet die Devise des Diktators in Damaskus. Eine Lesart, die sich auch in den westlichen Hauptstädten immer weiter durchsetzt: Wenn Maliki gegen Isis aufgerüstet wird, warum dann auch nicht Assad?

          Schwarze Flagge: Von Isis eroberte irakische „Humvee“-Fahrzeuge:

          Der im Februar wegen seiner Frustration über die amerikanische Syrien-Politik zurückgetretene Botschafter in Damaskus, Robert Ford, hat darauf am Dienstag in der „New York Times“ eine klare Antwort gegeben: Assad könne schon deshalb „kein Partner“ sein, weil ihn eine „Geschichte stillschweigender Zusammenarbeit mit Al Qaida verbindet“ – vor allem im Irak, wo sunnitische Kämpfer nach dem amerikanischen Einmarsch 2003 nach Belieben aus Syrien einsickern konnten. Ford fordert deshalb das gleiche wie die Führung der Freien Syrische Armee (FSA) in Anbetracht des bevorstehenden Falls von Deir al Zour: Granatwerfer, Raketen und Boden-Luft-Raketen für die Rebellen. Damit könnten die Revolutionäre der ersten Stunde die Versorgung von Assads Truppen aus der Luft ebenso stoppen wie den Vormarsch der Isis-Terroristen.

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