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Gazastreifen : Die unterirdische Kriegsvorbereitung der Hamas

Ein Tunnel der Hamas: 33 davon konnte die israelische Armee 2014 aufspüren und zerstören. Bild: dpa

In Israel ist die Angst zurück. Denn die Hamas hat wieder damit begonnen, Tunnel zu graben - um den Terror nach Israel zu tragen. Doch derzeit leiden darunter eher die Menschen in Gaza selbst.

          Die alte Angst ist wieder da. „Ich bin sehr, sehr besorgt“, sagt Hila Fenlon. Die israelische Mutter von zwei Kindern kennt die Gefahr aus nächster Nähe. Von ihrem Bauernhof am Rand von Netiv Haasra zeigt sie auf ein Gewächshaus. Bis dorthin hatte ein Hamas-Kommando aus dem Gazastreifen einen unterirdischen Gang gegraben. Er war groß genug, damit ein Auto durchfahren konnte; 170 Meter weit reichte der Tunnel unter den israelischen Ort. Während des Gaza-Kriegs im Sommer 2014 wurde er entdeckt und rechtzeitig zerstört, bevor ihn die Hamas für einen Angriff nutzen konnte. „Uns war klar, dass die Palästinenser wieder graben werden. Aber mich überrascht, wie schnell sie wieder damit anfingen“, sagt Hila Fenlon. Die israelische Armee fand insgesamt 33 solcher Tunnel aus Gaza während des Krieges und machte sie unschädlich. Doch nur eineinhalb Jahre später bereitet sich ihr bewaffneter Arm unter der Erde auf den nächsten Kampf vor.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die hohe, graue Betonmauer hinter den letzten Häusern von Netiv Haasara haben die Bewohner mit bunten Farben bemalt. Die Wandgemälde sollen den Eindruck erwecken, als schimmere dahinter das Meer, das sich im Westen tatsächlich hinter den Dünen erstreckt. Kein anderer israelischer Ort liegt so nahe am Gazastreifen. Misstrauisch lauschen alle israelischen Bewohner der Grenzorte auf jedes verdächtige Geräusch, das von unten zu ihnen heraufdringt. Im Nachbar-Kibbuz Nir Am rückte vor wenigen Tagen wieder ein Suchtrupp der Armee an, ohne fündig zu werden. Im Juli 2014 war dort ein Albtraum wahr geworden, von dem viele Gaza-Anlieger befürchten, dass er sich bald wiederholen könnte: Aus einem Tunnel, den die Hamas bis dorthin gegraben hatte, krochen 14 bis auf die Zähne bewaffnete Kämpfer. Israelische Soldaten stoppten sie, bevor sie die ersten Häuser erreichen konnten. Zehn Palästinenser und vier Soldaten kamen in dem Feuergefecht ums Leben; an zwei weiteren Orten waren damals Hamas-Mitglieder auf diesem Weg nach Israel gelangt.

          Die Soldaten gehen jedem Verdacht nach

          Während am Himmel das israelische Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“ fast alle Raketen aus Gaza stoppen kann, zeigt sich die stärkste Armee im Nahen Osten unter der Erde bisher machtlos. Mit großem Aufwand baue die Hamas wieder an ihren Tunneln, sagt der israelische Generalstabschef Gadi Eizenkot. Die Suche habe höchste Priorität, und man setze dabei die „beste Technologie auf der Welt“ ein. Mit seinen Äußerungen wollte der Armeechef nicht nur die Gaza-Anlieger beruhigen. Er wies damit indirekt auch die Forderung von Erziehungsminister Naftali Bennett zurück, der verlangt hatte, die Tunnel präventiv zu bombardieren. Bisher waren die Soldaten auf israelischem Gebiet nicht fündig geworden. Sie gehen aber weiterhin jedem noch so kleinen Verdacht nach. Auf den großen Feldern entlang des Grenzzauns sind Pioniereinheiten mit Bohrvorrichtungen und anderem Spezialgerät bei der Arbeit.

          Zunächst hatte es die Hamas vorgezogen, über ihre unterirdischen Aktivitäten zu schweigen. Ende Januar ging der Hamas-Führer Ismail Hanija dann an die Öffentlichkeit. „Östlich von Gaza-Stadt sind Helden unter der Erde, die durch Felsen graben und Tunnel bauen“, sagte er. Diese Tunnel seien doppelt so lang wie die unterirdischen Gänge, die einst die Vietcong in Vietnam errichtet hatten, prahlte Hanija. Sein Lob für die heldenhaften Tunnelbauer hatte jedoch einen weniger rühmlichen Anlass: Die Hamas konnte nicht mehr länger leugnen, dass beim Einsturz eines Tunnels kurz zuvor sieben ihrer Mitglieder umgekommen waren. Bei drei weiteren Vorfällen unter der Erde wurden darüber hinaus vier Männer getötet. Als Grund dafür werden in Gaza die starken Regenfälle der vergangenen Wochen genannt.

          Hanija, der auch die Raketenbauer des bewaffneten Arms lobte, ließ jedoch offen, ob die Tunnel bis nach Israel führen. Er erwähnte nur, wie wichtig die unterirdischen Gänge für den „Sieg“ im vorletzten Sommer gewesen seien. Dem Hamas-Führer war anzumerken, dass er derzeit nicht die nächste militärische Konfrontation mit Israel sucht und dafür auch keinen Vorwand liefern will. Sein Sprecher bestätigt nur, dass es Tunnel „unter Gaza“ gibt. „Wir sind bereit. In jedem Krieg hat man das Recht, seinen Feind von hinten anzugreifen. Das tun andere Armeen doch auch“, sagt Taher al Nunu.

          „Die Leute sind noch nicht so weit“

          In Gaza sind die letzten Trümmer noch nicht beseitigt, während die bewaffneten Kassam-Brigaden der Hamas offenbar schon wieder aufgerüstet haben. „Kassam-Kommandeure berichten mir, dass sie alle ihre militärischen Möglichkeiten wiederherstellen konnten“, sagt der palästinensische Kolumnist Ibrahim Madhun. Das gelte für Tunnels genauso wie für Raketen. „Momentan ist die Hamas aber an keinem neuen Krieg interessiert. Die Leute sind noch nicht so weit, die Folgen von 2014 sind noch nicht beseitigt“, sagt Madhun, der auch für das der Hamas nahestehende Forschungszentrum „Al Mustaqbal“ arbeitet. International würde sich die Hamas durch einen neuen Waffengang noch stärker isolieren, meint er.

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          In Gaza enden die Gespräche schnell, wenn die neuen Kriegsvorbereitungen unter der Erde zur Sprache kommen. Dabei ist seit langem bekannt, dass es ein unterirdisches Gaza gibt: Tunnel werden nicht nur in Richtung Israel gegraben. Ihr Netz umfasst Fluchtwege und führt zu Bunkern für die Hamas-Führung, zu Raketenarsenalen und Abschussrampen. Ein vor kurzem eingestürzter Gang endete direkt am Strand, was Anlass zu der Vermutung gab, dass er für die Tauchereinheit gebaut war, deren Mitglieder während des Krieges 2014 nördlich von Netiv Haasara an Land kamen. In Israel werden mehr Einzelheiten genannt. Nach Informationen der Zeitung „Jediot Ahronot“ arbeiten derzeit gut tausend Menschen an dem Tunnelsystem, das jeden Tag um 50 Meter wächst. In israelischen Sicherheitskreisen vermute man, dass die Hamas jetzt versuchen könnte, einen einzigen, langen Tunnel nach Israel zu graben, statt mehrere Dutzend, wie vor dem Krieg im Sommer 2014.

          Die unterirdischen Arbeiten sind jedoch schwieriger geworden, da praktisch das gesamte Baumaterial über einen einzigen, von Israel kontrollierten Warenübergang nach Gaza gelangt. Früher konnte sich die Hamas über Hunderte von Schmuggeltunnel unter der ägyptischen Grenze versorgen. Doch die meisten von ihnen hat die ägyptische Armee zerstört. In Gaza ist die Rede davon, dass höchstens noch zwanzig übrig geblieben sind, durch die zum Beispiel die Zigaretten aus dem Nachbarland kommen, die es überall zu kaufen gibt. Anfangs soll die Hamas noch über größere Zementvorräte verfügt haben, die sie vor dem Krieg und dem Einschreiten der Ägypter angelegt hatte. Zudem konnten die Kassam-Brigaden auf dem Schwarzmarkt in Gaza einkaufen.

          „Man braucht Vitamin B“

          Das knappe Baumaterial brauchen eigentlich die Menschen viel dringender, die durch die Bombardierung vor eineinhalb Jahren obdachlos geworden sind. Doch über den aufwendigen Tunnelbau will niemand reden oder ihn gar kritisieren. „Ich habe davon gehört, aber nie Beweise dafür gesehen“, sagt Sabr Nassir in Beit Hanun. Der pensionierte Polizist ärgert sich viel mehr über die langsame Bürokratie. Er wartet immer noch auf die Entschädigung, damit er endlich die beiden oberen Stockwerke seines Hauses wieder aufbauen kann, die im Krieg zerstört wurden. „Man braucht Vitamin B“, sagt er und zeigt auf Nachbarhäuser, wo längst gebaut wird. Deren Besitzer haben offenbar bessere Beziehungen zu den Behörden als er, vermutet der 71 Jahre alte Großvater.

          Die Folgen des Tunnelbaus bekommen die Menschen trotzdem zu spüren. So gibt es für die neuen Wohnhäuser und Schulen keine hölzernen Türrahmen. Israel erlaubt es nicht, Holzbalken, die dicker als fünf Zentimeter sind, nach Gaza einzuführen: Sie könnten als Stützen in den Tunnels eingesetzt werden. „Wir müssen für unsere Projekte Metall verwenden. Das macht alles noch viel teurer“, sagt ein Mitarbeiter des UN-Entwicklungsprogramms UNDP in Gaza-Stadt.

          Diese Einschränkungen haben auch Auswirkungen auf die einst blühende Möbelindustrie in Gaza. Israel hatte erst vor kurzem den Export erlaubt. Aber ohne die nötigen Holzlieferungen aus Israel können die Schreinerbetriebe nicht dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Sie liegt bei fast 50 Prozent.

          Quelle: F.A.Z.

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