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Veröffentlicht: 16.02.2016, 16:03 Uhr

Gazastreifen Die unterirdische Kriegsvorbereitung der Hamas

In Israel ist die Angst zurück. Denn die Hamas hat wieder damit begonnen, Tunnel zu graben - um den Terror nach Israel zu tragen. Doch derzeit leiden darunter eher die Menschen in Gaza selbst.

von , Netiv Haasara/Gaza
© dpa Ein Tunnel der Hamas: 33 davon konnte die israelische Armee 2014 aufspüren und zerstören.

Die alte Angst ist wieder da. „Ich bin sehr, sehr besorgt“, sagt Hila Fenlon. Die israelische Mutter von zwei Kindern kennt die Gefahr aus nächster Nähe. Von ihrem Bauernhof am Rand von Netiv Haasra zeigt sie auf ein Gewächshaus. Bis dorthin hatte ein Hamas-Kommando aus dem Gazastreifen einen unterirdischen Gang gegraben. Er war groß genug, damit ein Auto durchfahren konnte; 170 Meter weit reichte der Tunnel unter den israelischen Ort. Während des Gaza-Kriegs im Sommer 2014 wurde er entdeckt und rechtzeitig zerstört, bevor ihn die Hamas für einen Angriff nutzen konnte. „Uns war klar, dass die Palästinenser wieder graben werden. Aber mich überrascht, wie schnell sie wieder damit anfingen“, sagt Hila Fenlon. Die israelische Armee fand insgesamt 33 solcher Tunnel aus Gaza während des Krieges und machte sie unschädlich. Doch nur eineinhalb Jahre später bereitet sich ihr bewaffneter Arm unter der Erde auf den nächsten Kampf vor.

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Die hohe, graue Betonmauer hinter den letzten Häusern von Netiv Haasara haben die Bewohner mit bunten Farben bemalt. Die Wandgemälde sollen den Eindruck erwecken, als schimmere dahinter das Meer, das sich im Westen tatsächlich hinter den Dünen erstreckt. Kein anderer israelischer Ort liegt so nahe am Gazastreifen. Misstrauisch lauschen alle israelischen Bewohner der Grenzorte auf jedes verdächtige Geräusch, das von unten zu ihnen heraufdringt. Im Nachbar-Kibbuz Nir Am rückte vor wenigen Tagen wieder ein Suchtrupp der Armee an, ohne fündig zu werden. Im Juli 2014 war dort ein Albtraum wahr geworden, von dem viele Gaza-Anlieger befürchten, dass er sich bald wiederholen könnte: Aus einem Tunnel, den die Hamas bis dorthin gegraben hatte, krochen 14 bis auf die Zähne bewaffnete Kämpfer. Israelische Soldaten stoppten sie, bevor sie die ersten Häuser erreichen konnten. Zehn Palästinenser und vier Soldaten kamen in dem Feuergefecht ums Leben; an zwei weiteren Orten waren damals Hamas-Mitglieder auf diesem Weg nach Israel gelangt.

Die Soldaten gehen jedem Verdacht nach

Während am Himmel das israelische Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“ fast alle Raketen aus Gaza stoppen kann, zeigt sich die stärkste Armee im Nahen Osten unter der Erde bisher machtlos. Mit großem Aufwand baue die Hamas wieder an ihren Tunneln, sagt der israelische Generalstabschef Gadi Eizenkot. Die Suche habe höchste Priorität, und man setze dabei die „beste Technologie auf der Welt“ ein. Mit seinen Äußerungen wollte der Armeechef nicht nur die Gaza-Anlieger beruhigen. Er wies damit indirekt auch die Forderung von Erziehungsminister Naftali Bennett zurück, der verlangt hatte, die Tunnel präventiv zu bombardieren. Bisher waren die Soldaten auf israelischem Gebiet nicht fündig geworden. Sie gehen aber weiterhin jedem noch so kleinen Verdacht nach. Auf den großen Feldern entlang des Grenzzauns sind Pioniereinheiten mit Bohrvorrichtungen und anderem Spezialgerät bei der Arbeit.

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Zunächst hatte es die Hamas vorgezogen, über ihre unterirdischen Aktivitäten zu schweigen. Ende Januar ging der Hamas-Führer Ismail Hanija dann an die Öffentlichkeit. „Östlich von Gaza-Stadt sind Helden unter der Erde, die durch Felsen graben und Tunnel bauen“, sagte er. Diese Tunnel seien doppelt so lang wie die unterirdischen Gänge, die einst die Vietcong in Vietnam errichtet hatten, prahlte Hanija. Sein Lob für die heldenhaften Tunnelbauer hatte jedoch einen weniger rühmlichen Anlass: Die Hamas konnte nicht mehr länger leugnen, dass beim Einsturz eines Tunnels kurz zuvor sieben ihrer Mitglieder umgekommen waren. Bei drei weiteren Vorfällen unter der Erde wurden darüber hinaus vier Männer getötet. Als Grund dafür werden in Gaza die starken Regenfälle der vergangenen Wochen genannt.

Hanija, der auch die Raketenbauer des bewaffneten Arms lobte, ließ jedoch offen, ob die Tunnel bis nach Israel führen. Er erwähnte nur, wie wichtig die unterirdischen Gänge für den „Sieg“ im vorletzten Sommer gewesen seien. Dem Hamas-Führer war anzumerken, dass er derzeit nicht die nächste militärische Konfrontation mit Israel sucht und dafür auch keinen Vorwand liefern will. Sein Sprecher bestätigt nur, dass es Tunnel „unter Gaza“ gibt. „Wir sind bereit. In jedem Krieg hat man das Recht, seinen Feind von hinten anzugreifen. Das tun andere Armeen doch auch“, sagt Taher al Nunu.

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