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Syrien : Die Völkerschlacht von Aleppo

Stellvertreterkrieg: Auch in dieser Woche litt die Bevölkerung Aleppos wieder unter schweren Bombardements. Bild: AFP

Die Großmächte sind sich uneinig über mögliche Lösungen für den Krieg in Syrien. Aber auch an der Front wird die Lage immer unübersichtlicher. Längst kämpfen nicht mehr nur Syrer gegen Syrer.

          Als die Schlacht um Aleppo am 19. Juli 2012 begann, standen sich auf dem Schlachtfeld noch überwiegend Syrer gegenüber. Heute geben auf beiden Seiten aber externe Akteure den Ton an. Die Schlacht um Aleppo zeigt zweierlei: Der Krieg in Syrien ist kein lokaler Konflikt mehr, sondern ein internationaler Stellvertreterkrieg. Und der Graben zwischen den Akteuren verläuft nicht mehr entlang ideologischer, sondern entlang konfessioneller Linien: Auf der Seite des Damaszener Regimes ziehen die schiitischen Milizen mit ihren Schlachtrufen in den Krieg, und auf der Seite der Rebellen kämpfen sunnitische Krieger unter dem Banner des Dschihads. Beides – die Ausweitung auf einen Stellvertreterkrieg und die Konfessionalisierung des Konflikts – verlängert den Krieg und erschwert eine Lösung.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Auf der Seite des Regimes stehen noch immer einige Einheiten der regulären syrischen Armee an der Front von Aleppo. So kommandiert Maher al Assad, der jüngere Bruder von Machthaber Baschar al Assad, die Präsidentengarde und die Eliteeinheiten der 4. Division; Assad vertraut auch Suheil al Hassan, der ebenfalls zur Religionsgemeinschaft der Alawiten gehört und vor Aleppo die 5. Division kommandiert.

          Externe Unterstützer stehen in Aleppo an der Front

          Die regulären Einheiten spielen aber eine immer geringere Rolle. Zehntausende sind desertiert, und Assad vertraut nur noch Offizieren und Soldaten, die keine Sunniten sind – damit bleiben nur noch wenige loyale Einheiten. Zudem sind die bewaffneten Kräfte des Regimes ausgeblutet. So schätzt die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, dass jedes vierte der mehr als 430000 Kriegsopfer (die Foltertoten in den Gefängnissen sind dabei nicht enthalten) auf die syrische Armee, Polizei oder die Schabiha-Milizen des Regimes entfällt.

          Das Regime wäre daher ohne externe Unterstützer längst kollabiert. Die stehen auch in Aleppo an der Front. Die Milizionäre und Söldner, die die Bodentruppen stellen, kommen aus dem Libanon und dem Irak, aus Iran und aus Afghanistan, sogar aus Pakistan; es sollen in Aleppo mehr als 10000 sein. Die Lufthoheit gehört, neben wenigen veralteten syrischen Flugzeugen, der russischen Luftwaffe. Wie sie sich untereinander sprachlich verständigen, ist ein Rätsel.

          Mehr als 250000 Menschen in Aleppo eingekesselt

          Bereits Ende 2011, ein halbes Jahr nach dem Ausbruch des Konflikts, hatten Einheiten der Hizbullah aus dem Libanon die Regimekräfte verstärkt. Seit dem vergangenen Sommer haben ihre Truppen im Nordwesten Aleppos die Einnahme des Streifens um die strategisch wichtige Castello Road vorbereitet. Vor einem Monat wurde dann diese letzte Verbindung des von den Rebellen gehaltenen Ostteils Aleppos zur Außenwelt durchschnitten, so dass dort seither mehr als 250000 Menschen eingekesselt sind.

          An der Front von Aleppo kämpft ferner der iranische General Qassem Soleimani, der in seiner Heimat als Star gefeiert wird. Er führt die Eliteeinheiten der Quds-Brigaden an. Sie sind der internationale Arm der iranischen Revolutionsgarden und stellen in Aleppo auch eigene kämpfende Bodentruppen mit iranischen Staatsbürgern; sie übernehmen überwiegend Kommandofunktionen. Die Quds-Brigaden haben in den vergangenen Jahrzehnten eine kämpfende schiitische Internationale aufgebaut, und so rekrutieren sie für Syrien Söldner aus dem Irak, Afghanistan und Pakistan.

          Iran sorgt für Kanonenfutter

          Nach dem Juni 2014, als der „Islamische Staat“ (IS) weite Teile des Iraks erobert hatte, haben die Qods-Brigaden und Soleimani in kürzester Zeit unter den schiitischen Irakern die Milizen der „Volksmobilisierung“ (Haschd Schaabi) auf die Beine gestellt; diese haben den vorstürmenden IS von Bagdad und dem schiitischen Südirak ferngehalten. Heute kämpfen viele von ihnen in Syrien und vor allem in Aleppo. Zum zweiten Mal haben die Quds-Brigaden damit loyale und proiranische bewaffnete Einheiten im Ausland geschaffen; das erste Mal war die Gründung der Hizbullah 1982 im Libanon gewesen. Im Irak sind diese schiitischen „Volksmobilisierung“-Milizen für die Amerikaner ein Partner, nämlich im Krieg gegen den IS; in Syrien stehen sie sich gegenüber.

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