In Tripolis soll kein Machtvakuum entstehen. Bis Freitag will der Nationale Übergangsrat aus der östlichen Hafenstadt Benghasi in die Hauptstadt umgezogen sein. Dort wird sich auch die Zusammensetzung des Gremiums ändern. Bisher sind Tripolis und der Westen kaum vertreten; die meisten Mitglieder aus dem Osten kommen, den die Rebellen seit Monaten kontrollieren. In Benghasi hatte sich freilich erst Ende Juli gezeigt, wie zerbrechlich das Bündnis ist. Bis heute ist der Mord an Abd al Fattah Junes nicht aufgeklärt. Der frühere libysche Innenminister war der wichtigste Kommandeur der Aufständischen. In Benghasi wurden Islamisten bezichtigt, ihn am 28. Juli getötet zu haben. Sieben Männer in der Führung der Aufständischen ragen heraus.
Mustafa Abd al Dschalil: Der Vorsitzende des Übergangsrats gehörte zu den Männern der ersten Stunde des Aufstands und dürfte deshalb auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Der fromme Muslim mit dem Gebetsmal auf der Stirn trat als erstes prominentes Mitglied der alten Führung unter Muammar al Gaddafi im Februar zurück. Als Justizminister hatte er zuvor durch sein Engagement für Menschenrechte auf sich aufmerksam gemacht. So drohte der frühere Richter wegen Exzessen der Sicherheitskräfte schon 2010 mit seinem Rücktritt. Dschalil stammt aus dem Osten, wurde 1952 in Al Baida geboren und hat lange in Benghasi gelebt.
Mahmud Dschibril: Der Chef der Übergangsregierung verdankt seine erste Karriere in Tripolis Saif al Islam al Gaddafi. Der Sohn des Machthabers hatte den libyschen Wirtschaftswissenschaftler aus Amerika zurückgeholt, um die Privatisierung der maroden Staatsbetriebe voranzutreiben. Doch was Dschibril in Libyen vorfand, hielt er bald für nicht mehr reformierbar. Im Frühjahr schloss sich der 1952 geborene Dschibril den Rebellen an und wurde zunächst einer ihrer beiden „Außenminister“, bevor er Ende März zum Chef des Exekutivkomitees des Nationalen Rats ernannt wurde. Auch danach reiste er ruhelos durch die Welt, um ausländische Regierungen dazu zu bewegen, die Rebellen als legitime Vertreter des libyschen Volks anzuerkennen.
Ali al Issawi: Der frühere libysche Botschafter in Indien zählte in den vergangenen Jahren ebenfalls zu den Wirtschaftsreformern. Auch dem 1966 in Benghasi geborenen Issawi gingen die Veränderungen zu langsam voran, um die er sich zeitweise in Tripolis als Wirtschaftsminister bemühte. Schon in den ersten Wochen des Aufstands trat er als Botschafter in Delhi zurück und ist heute Sprecher und eine Art „Außenminister“ des Übergangsrats.
Omar al Hariri: Hariri gehörte 1969 der Gruppe junger Offiziere an, die zusammen mit Muammar al Gaddafi 69 den Monarchen Idris I. stürzten. 1975 versuchte er dann vergeblich, Gaddafi von der Macht zu vertreiben. Er wurde dafür zunächst zum Tode verurteilt. Nach 15 Jahren im Gefängnis lebte er bis Anfang dieses Jahres unter Hausarrest. Im Übergangsrat ist der 67 Jahre alte General für militärische Fragen zuständig.
Khalifa Haftar: Viele Libyer verehren den Militär immer noch wegen seiner Rolle, die er bei der Invasion im Nachbarland Tschad gespielt hatte. In den achtziger Jahren brach Haftar mit Gaddafi und soll an mehreren Putschversuchen beteiligt gewesen sein. Erst nach dem Ausbruch der Unruhen kehrte er Anfang des Jahres nach Libyen zurück, wo er bald einer der wichtigsten Kommandeure der Rebellen wurde.
Abdelhafis Ghoga: Der Anwalt aus Benghasi hat sich früh den Rebellen angeschlossen. Zunächst war er der Sprecher des Übergangsrats, heute ist er dessen stellvertretender Vorsitzender. Früher hatte der Jurist vor Gericht Familien vertreten, deren Angehörige bei der Gefangenenrevolte im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis von Tripolis umgekommen waren. Saif al Islam al Gaddafi nannte ihn gegenüber der arabischen Zeitung „Al Sharq al Awsat“ einmal einen „Wendehals“, der lange Zeit die Nähe des alten Regimes gesucht habe. Auch in Benghasi kritisierten ihn zuletzt junge Rebellen.
Fathi Terbil: Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Time“ nahm den jungen Anwalt schon auf seine Liste der „100 einflussreichsten Menschen der Welt“ auf. Scheinbar unerschrocken hatte Terbil Angehörige des Massakers im Abu-Salim-Gefängnis verteidigt. Im Jahr 1996 waren bei einem Gefangenenaufstand mehr als tausend Menschen umgekommen. Als die libyschen Behörden Fathi Terbil im Februar in Benghasi festnahmen, kam es dort zu einer ersten größeren Demonstration. Sie gilt in Libyen als Anfang der Proteste, die zum Ende des Gaddafi-Regimes führten. Terbil war maßgeblich daran beteiligt, den Aufstand zu organisieren. Heute vertritt der 39 Jahre alte Libyer die jüngere Generation im Übergangsrat.