Home
http://www.faz.net/-gq9-762m2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsche Dschihadisten Die Gotteskrieger vom Nil

 ·  Ägypten ist das neue Lieblingsziel deutscher Dschihadisten. Es ist eine Drehscheibe für Ausbildungslager in anderen Staaten geworden. Kairo reagiert nicht. In wenigen Tagen kommt Präsident Mursi zu Besuch nach Berlin.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (49)
© ddp images Ägyptische Stempel im Reisepass

Ist es nicht Zeit, dass du die Pflicht des Dschihad erfüllst? Ist es nicht Zeit, dass du deine Waffe in die Hand nimmst?“ Der Mann in der Tarnuniform, mit dem schwarzen Vollbart und dem Gewehr auf dem Rücken ist Abu Usama Al-Gharib. Gott sei gepriesen, ruft er auf Arabisch. Immer dann, fährt er auf Deutsch fort, wenn die Mudschahedin die Ungläubigen abschlachteten, wenn eine Kugel den Feind treffe.

Es sind solche Hasspredigten, die Mohamed Mahmoud, wie der Mann aus dem Video heißt, bekanntgemacht haben. Der Österreicher mit ägyptischen Wurzeln hatte von 2007 bis 2011 für seine Aufforderung zur Gewalt, die er unter der Marke Globale Islamische Medien Front (GIMF) verbreitete, eine Haftstrafe in Österreich abgesessen. Nach deren Verbüßung ging er nach Deutschland, scharte in Solingen eine Gruppe radikaler Anhänger um sich und warb weiter für den Heiligen Krieg gegen Ungläubige und Kreuzzügler. Sein salafistischer Verein „Millatu Ibrahim“ wurde im Juni vergangenen Jahres von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich verboten. Seiner Ausweisung kam Mahmoud zuvor, indem er mit seiner Frau, der Konvertitin Miranda K., vom hessischen Erbach nach Ägypten zog.

Die ersten Märtyrerinnen

Mahmoud folgten zahlreiche Anhänger, viele mit ihren Frauen und Kindern. Rund zwei Dutzend halten sich heute in Ägypten auf. Zwei Frauen kamen Ende Oktober vergangenen Jahres bei einem Verkehrsunfall ums Leben, als ein Reisebus sich überschlug. Eine war die Frau des Konvertiten „Abu Dawud“, der in Solingen gepredigt hatte. In einem Schreiben der Salafistengruppe im Internet wurden die Frauen als die „ersten Märtyrerinnen von Millatu Ibrahim“ bezeichnet. Sie hätten sich geweigert, „unter den kreuzzüglerischen Götzenanbetern in Deutschland zu leben“.

Mahmoud wohnte zuerst bei seinen Eltern, dann zog er mit Anhängern in den Nordosten Libyens. Er soll sich in Darna, knapp 300 Autokilometer von Benghasi, aufgehalten haben, in einer Gegend, wo islamistische Milizen das Sagen haben. Ursprüngliches Ziel der Gruppe soll Nord-Mali gewesen sein, wo Islamisten den Staat Azawad ausgerufen hatten. Doch die 3000 Kilometer weite Reise durch die Wüste war für die Gruppe aus Deutschland zu schwer - ob zwei, die dennoch losgezogen sein sollen, je ankamen, ist ungewiss.

Gewaltverherrlichende Gedichte und islamistische Kampflieder

Mahmoud, der von seinen Anhängern als Emir betrachtet werden will, hat seine Medienarbeit wiederaufgenommen, er will sich als propagandistische Schlüsselfigur der Al Qaida verbundenen Gruppen für Deutschland etablieren. In seinem Gefolge ging auch Denis Cuspert nach Ägypten. Der ehemalige Gangsta-Rapper aus Berlin, der als Deso Dogg bekannt wurde und wegen Rauschgiftdelikten verurteilt worden war, hat sich nach einer Blitz-Radikalisierung zum militanten Islamisten gewandelt. Heute verbreitet er als „Abu Talha al-Amani“ im Internet gewaltverherrlichende Gedichte und islamistische Kampflieder. Mittlerweile sei Cuspert zum Kämpfen nach Syrien gegangen, heißt es in Sicherheitskreisen.

Ebenfalls nach Ägypten gereist ist Sven Lau, ein Konvertit aus Mönchengladbach und ehemals Vorsitzender des Vereins „Einladung zum Paradies“, der in Mönchengladbach ein salafistisches Zentrum eröffnen wollte. Er arbeitet mittlerweile beim „Easy Language Center“ in Alexandria. Die Schule ruft zum Arabischlernen auf, um den Islam und den Propheten wirklich zu verstehen, und nicht „eine verwässerte, schwache deutsche Übersetzung“ lesen zu müssen.

Dass deutsche Islamisten nach Ägypten reisten, um dort Sprach- und Koranschulen zu besuchen, die manchem den Weg in ein Ausbildungslager im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ebnete, ist seit Jahren bekannt. Als beunruhigend betrachten die Sicherheitsbehörden aber die Zahl der Ausreisen nach Ägypten. Zählte der Verfassungsschutz 2011 zwölf solcher Ausreisen, waren es im vergangenen Jahr fast 60. Auch in diesem Jahr planten radikale Islamisten den Umzug nach Ägypten, heißt es. Manche pendeln zwischen Deutschland und dem Land am Nil, um ihren Führungsanspruch in der deutschen Salafistengemeinde zu festigen, wie etwa der frühere Boxer und heutige Prediger Pierre Vogel. Oder sie nutzen die neue Freiheit in Ägypten, um den „wahren Islam“ zu leben. Manche Stadtviertel in Alexandria, wo die Frauen verschleiert gehen und muslimische Sittenwächter unterwegs sind, gelten als besonders geeignet.

Dschihadisten-Tourismus

Wieder andere nutzen Ägypten als Ausgangspunkt, um von dort in den Kampf zu ziehen - nach Syrien, Libyen oder Somalia. Ägypten sei zur Drehscheibe geworden, heißt es beim Verfassungsschutz. Die Grundorientierung des Dschihad-Milieus habe sich verschoben. Warum soll man auf beschwerlichem Weg über Iran und mit Hilfe von Schleusern in die Berge Pakistans und Afghanistans reisen, wenn Ägypten und sein nahöstliches und afrikanisches Hinterland bessere Aktionsmöglichkeiten bieten? Zumal der Hauptfeind Israel, mit dem Deutschland besonders enge Beziehungen hat, gleich nebenan liegt, und der Weg zurück nach Deutschland schnell und leicht ist. Immerhin zehn Dschihadisten sollen 2012 aus Ägypten nach Deutschland zurückgekehrt sein.

Schon ist von einer Art Dschihadisten-Tourismus die Rede. Denn für den Trip nach Ägypten braucht es weder Reisepass noch Visum, es reicht ein Personalausweis. Schließlich verbringen im Jahr eine Million Deutsche ihren Urlaub in Ägypten. Die deutschen Sicherheitsbehörden können die Dschihadisten nicht wie bei anderen Reisezielen durch den Entzug des Reisepasses an der Ausreise hindern. Eine gemeinsame Delegation von Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Bundesnachrichtendienst hat deshalb im vergangenen Herbst in Kairo den zuständigen Stellen den Vorschlag gemacht, die ägyptischen Sicherheitsbehörden sollten - nach einer entsprechenden Information durch die Deutschen - Dschihadisten bei der Einreise festnehmen, damit jene in die Bundesrepublik zurückgebracht werden können. Doch im ägyptischen Sicherheitsapparat herrscht Zurückhaltung. Schließlich weiß man nicht genau, ob nicht doch eine an der Scharia orientierte Politik die Zukunft bestimmen wird.

Berlin ist besorgt über die Stabiltät des Landes

Wie schnell eine solche Zurückhaltung dazu führt, dass staatliche Strukturen zerfallen, erlebt Ägypten derzeit auf dem Sinai. Das Gebiet, in dem Beduinen die Mehrheit stellen, war schon früher schwer zu kontrollieren. Vom Schmuggel von Waffen, Rauschgift oder Menschen leben manche Stämme. Doch nun wird unter Beduinen eine rasche Islamisierung beobachtet. Dschihadistische Kämpfer, etwa aus dem Gazastreifen, üben Einfluss aus. Die ägyptische Polizei ist schlecht ausgerüstet und in der Bevölkerung unbeliebt. Im vergangenen Sommer hatten islamistische Kämpfer 14 ägyptische Polizisten getötet und mit einem der erbeuteten Fahrzeuge die Grenze nach Ägypten durchbrochen, bevor israelische Kampfflugzeuge sie stoppten. Die ägyptische Regierung reagierte mit einer Großoffensive. Dass es gegenwärtig eher ruhig ist, liegt an der Präsenz der Streitkräfte. Präsident Muhammad Mursi hat den Sinai zwar rhetorisch zur Chefsache gemacht, doch seinen Ankündigungen, das arme Gebiet wirtschaftlich zu entwickeln, ist bisher wenig gefolgt.

In Berlin sorgt man sich um die Stabilität des Landes. Man lobt die Anstrengungen Mursis, die Hamas im Gazastreifen ruhig zu halten. Was den Sinai angeht, so fragt man sich, warum Mursi, der diese Woche in Berlin erwartet wird, das gefährliche Machtvakuum dort nicht beenden will. Was die Dschihadisten aus Deutschland angeht, so wünscht man sich dringend Kooperation. Auf die Bitte der deutschen Delegation, die Dschihadisten aus Deutschland nach ihrer Einreise festzunehmen, antworteten die Ägypter im Herbst, sie wollten sich die Sache überlegen. Eine Antwort gibt es bis heute nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Gestutzte Flügel

Von Günther Nonnenmacher

Bisher ist kein in der Sache triftiger Grund zu sehen, warum die Union de Maizière fallen lassen sollte. Angesichts eigener Mitwirkung am Drohnenprojekt kann ihm auch die SPD keinen Fallstrick drehen. Mehr 7 15