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Demografie : Warum sind die Ägypter nur so arm?

Kairo erlebt einen Aufstand junger Männer: Mehr als die Hälfte der Ägypter sind unter 25 Jahre alt Bild: Helmut Fricke

Kaum ein Land hat so wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht wie Ägypten. Eine korrupte Elite lenkte die Einnahmen aus Entwicklungshilfe, Ölverkäufen und dem Suezkanal in die eigenen Taschen - und übersah die demografische Zeitbombe.

          Die Unruhen in Ägypten, Tunesien und Jordanien haben der Welt ein paar Lektionen erteilt. Zum Beispiel die, dass die schärfsten Konfliktlinien in den arabischen Staaten nicht etwa zwischen den autoritären Regimen und den Islamisten verlaufen. Nein, jetzt lernt die Welt, dass die Unruhen nicht von Hasspredigern ausgehen: Am Anfang der revolutionären Proteste stand die Selbstverbrennung eines ausgebildeten tunesischen Informatikers, der sich mangels Jobangebot als Obsthändler durchschlug, bis die Polizei ihm den Laden dichtmachte. So will es zumindest die Legende, die sich hartnäckig hält.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte spielt keine Rolle, solange diese Legende traurige Realität für Millionen junger arabischer Männer ist. Getrieben von Verzweiflung und Perspektivlosigkeit, verschaffen sie sich jetzt Gehör in Tunis, Amman und Kairo. Sie kämpfen für Selbstverständlichkeiten: Arbeit, Geld, eine Wohnung, um eine eigene Familie gründen zu können und politische Teilhabe.

          Die Proteste sind das unmittelbare Ergebnis der Unfähigkeit dieser Länder, ihre jungen Leute – viele mit hohen Bildungsabschlüssen – in die Gesellschaft und die Volkswirtschaft zu integrieren. Selbst Königin Rania von Jordanien warnte, bis 2020 werde die Zahl der Arbeitslosen unter 30 Jahren im Nahen Osten von heute 15 auf 100 Millionen steigen. Das Schlimme ist, dass gerade ein Land wie Ägypten beste Voraussetzungen hat, zu prosperieren. Seinen Bürgern könnte es gutgehen.

          Seit mehr als 30 Jahren lebt das Land, das immer noch vor Militär strotzt, in Frieden. Die Lage an Mittelmeer, Rotem Meer und Suezkanal prädestiniert das Land für die Siegerrolle der Globalisierung. Denn die wichtigsten Handelsströme ziehen an Ägyptens Küstenstreifen entlang. Rund acht bis zehn Prozent des globalen Seehandels müssen durch das Nadelöhr Suezkanal. Das Land erzielt jedes Jahr rund fünf Milliarden Dollar aus den 22.000 Frachtschiffspassagen. Das sind gut 200.000 Dollar pro Schiff, die an den staatlichen Kanalbetreiber fließen.

          Ein gelähmtes Land

          Das Land im Nildelta gehört zu den fruchtbarsten Agrarflächen der Welt und bestätigt heute wieder den in der Antike lebendigen Ruf des Landes als Kornkammer. Und sogar die sengende Sonne über den großen Wüstengebieten, die neun Zehntel des Landes einnehmen, ist seit der Erfindung von Solarzellen ein Quelle potentiellen Reichtums. Ägypten verfügt über Ölquellen und, wie sich jüngst herausstellte, riesige Gasreserven. Kulturschätze und Strände laden Touristen aus aller Welt ein, und in keiner Megapolis kann man sich so sicher fühlen wie in Ägyptens Hauptstadt.

          Besonders lukrativ ist schließlich die Verbindung mit dem amerikanischen Schatzamt. Ägypten ist Amerikas größter Empfänger von Entwicklungs- und Militärhilfe. Seit dem Friedensvertrag von Camp David 1979 hat Ägypten von den Vereinigten Staaten 60 Milliarden Dollar erhalten, von anderen Ländern zehn Milliarden. Die kommerzielle Tradition des Basars, die frühe Blüte von Bildung und Wissenschaft im arabischen Raum und mit dem Islam eine Religion, die vom Kaufmann Mohammed gestiftet wurde – all das könnte Ägypten stimulieren. Stattdessen wirkte das Land gelähmt – bis zu den revolutionären Protesten dieser Tage.

          Vergleich mit Südkorea

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