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Veröffentlicht: 14.09.2011, 08:23 Uhr

Das neue Libyen Die Burg der Furcht ist gefallen

Kamele und Beduinenzelt - das war das Libyens, das Gaddafi in die Welt hinaustrug. Nach dem Sturz des Diktators schwirren viele Ideen durch die Köpfe, wie das neue Libyen aussehen könnte.

von , Tripolis

Die Festung der Furcht hat ihren Schrecken verloren. Von Bab al Azizija, dem mächtigen, durch mehrere Wälle geschützten Militärkomplex, hatte Muammar al Gaddafi Libyen über Jahrzehnte fest im Griff. Auch seine letzten Ansprachen hatte der Diktator von der Balustrade des Gebäudes gehalten, das seit einem amerikanischen Angriff 1986 schon leicht zerstört war. Nun haben Flugzeuge der Nato den gesamten Komplex, der mitten in der Hauptstadt Tripolis liegt, in Schutt und Asche gelegt – und Gaddafi ist abgetaucht.

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Seither ist Bab al Azizija zu einem beliebten Ziel für Familienausflüge geworden. Eine scheinbar endlose Autokarawane hupender und Fahnen schwingender Libyer zieht durch den Komplex, junge Männer schießen als Ausdruck der Freude mit der Kalaschnikow in die Luft, andere rufen „Allahu akbar“. Auf dem plattgedrückten Rasen liegt ein grünes, mit Schreibmaschine getipptes Handbuch zu Konferenztechnik einer Firma aus Königswinter. Daneben hat eine Rakete einen Schlund geschaffen, durch ein Eisengitter fällt der Blick hinab in einen Bunker. Dort beginnt einer der vielen Tunnel, die sich Gaddafi hatte anlegen lassen. Er führt über vier Kilometer in den Stadtteil Abu Salim, der für sein Gefängnis berüchtigt ist. Heute machen sich die Libyer einen Spaß daraus, in das Labyrinth der unterirdischen Gänge hinabzusteigen.

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Muhammad steht vor den verkohlten Überresten eines einst runden Zelts und schüttelt den Kopf. Hier hatte Gaddafi, auf dem Boden sitzend, Gäste empfangen, und das Bild Libyens in der Welt geprägt. Im Palmenhain daneben lagen die Stallungen für die Kamele, deren Milch Gaddafi trank. „Das ist doch nicht libysch“, sagt Muhammad, „in einem Beduinenzelt zu schlafen und sich mit Kamelen zu umgeben.“

Arabellion in Tripolis - Rebellische Milizen erobern die Hauptstadt des nordafrikanischen Staates Libyen. Nach dem Staatsoberhaupt Oberst Muammar Gaddafi wird gesucht. © Daniel Pilar Vergrößern Revolutionszubehör: Ein Aufständischer mit einem Aufkleber auf dem Magazin seines Sturmgewehrs

Gaddafi hatte sich den Lebensstil der Beduinen zu eigen gemacht, bei ihnen fand er Verbündete. Die Beduinenstämme in Süden des Landes sind loyal zu ihm, anders als die Städter wie Muhammad, ein Juwelier aus Misrata. Viele ihrer Vorfahren waren während der italienischen Kolonialherrschaft vom Norden in den Süden geflüchtet, hatten sich in der Wüste niedergelassen – nicht nur in Libyen, sondern auch im Tschad und in Niger. Sie sprechen Arabisch und haben häufig mehrere Staatsangehörigkeiten.

Gaddafis Vater hatte in Sirte, das als Zentrum des Kamelhandels bekannt ist, für die Notabelnfamilie Saif al Nasr gearbeitet. Die schickte den aufgeweckten Jungen Muammar nach Sebha im Süden zur Schule. „Sirte und Sebha sind Teile Libyens, aber nicht repräsentativ“, sagt der Bauunternehmer Abdullah aus Tripolis. Alle Städter fühlten sich zunächst als Libyer, dann als Muslime, dann zu einer Stadt gehörend und erst danach als Mitglieder eines Stammes, sagt Abdullah. Noch einmal waren die Stämme nun wichtig, weil sie Schutz gegen die Willkür der Diktatur geboten hatten. „Je mehr Sicherheit und Gerechtigkeit es nun gibt, je mehr man frei sprechen kann, desto weniger braucht man einen solchen Sicherheitsschirm“, sagt Galal aus Benghasi.

Es sind Städter wie Muhammad, Abdullah und Galal, aber auch Mustafa Abd al Dschalil, der Vorsitzende des Nationalen Übergangrats, und Mahmud Dschibril, der Vorsitzende des Exekutivkomitees, die das neue Libyen prägen. Trotz Defiziten sei er „sehr optimistisch“, dass in Libyen eine funktionierende Demokratie mit einer offenen, pluralistischen Gesellschaft entstehe, sagt der Politikprofessor Said Laswad, der auch eine Zeitung herausgibt. Die Revolution habe viel Energie freigesetzt. Wäre sie kurz und mit nur wenigen Opfern verlaufen wie in Ägypten, würde die Gesellschaft die Ziele der Revolution wahrscheinlich nicht so vehement verteidigen, wie sie es tue. Der lange Kampf habe den Willen geschärft, Energien mobilisiert und die korrupte Kultur des alten Regimes gereinigt.

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