„Seid ja vorsichtig“, sagt der Soldat an der Straßenkontrolle, bevor er den Weg freigibt. Er steht neben aufgeschichteten Sandsäcken, eine Maschinenpistole hängt über seiner Schulter. Die Innenstadt von Damaskus liegt nur wenige Minuten entfernt. Dort pulsiert das Leben weiter in einem fast normalen Rhythmus. Autos schieben sich durch den Stau, Menschen kaufen ein. Nur wenige Kilometer östlich des Zentrums beginnt in Ain Terme eine andere Welt: Vor drei Monaten hat hier im Schatten der großen Moscheekuppel eine der ersten großen Schlachten zwischen der regulären Armee und der aufständischen Freien Syrischen Armee stattgefunden. Mauern sind durchlöchert, Fensterscheiben zerborsten.
In Kafr Batna, dem nächsten Vorort, sind die Straßen nahezu menschenleer. Auch tagsüber steht das Leben still, obwohl kein Streik ausgerufen wurde. In der Ladenzeile sind die von Kugeln durchsiebten Rollläden nach unten gezogen. An einer Straßenecke ist ein Panzer in die Erde eingegraben. Am Vortag wurde hier eine Gruppe von Soldaten entführt, ihre ausgebrannten Militärbusse stehen am Straßenrand. Hinter den Kulissen laufen die Verhandlungen über einen Austausch der Soldaten gegen festgenommene Rebellen. Die Wände sind vielfach überstrichen worden. An einer Stelle schimmert die Losung „Baschar stürze!“ durch den neuen Anstrich, an einer anderen: „Die Stunde null“. Auch hier ermahnt ein junger Soldat an einer Straßensperre: „Seid ja vorsichtig.“ Auf der Straße bewegt sich kaum ein anderes Auto. Am Straßenrand sitzen einzelne Männer auf Plastikstühlen.
Aufruf zum Generalstreik per Facebook
Wir erreichen Saqba, den nächsten Vorort, einst das Zentrum der syrischen Möbelhandwerker. Sie sind ohne Arbeit, seit ein Freihandelsabkommen mit der Türkei ihren Betrieben den Todesstoß versetzt hat - und haben sich auch deshalb dem Aufstand angeschlossen. Von Saqba aus führt die Straße weiter nach Bait Sawwa, doch dort wird auch tagsüber gekämpft - während in den meisten anderen Vorstädten von Damaskus nur nachts geschossen wird. Also biegen wir links ab nach Arbeen und Harasta, in zwei weitere Zentren des Aufstands gegen das Regime von Präsident Baschar al Assad. In Harasta ist entlang der Hauptverkehrsstraße damit begonnen worden, einige Spuren der Zerstörung zu beseitigen. An einer weiteren Straßenkontrolle, die alle wenige hundert Meter errichtet sind, ist zu hören, wie ein Vorgesetzter den nervösen Soldaten per Funk beruhigt: „Bei diesem Auto keine Angst.“ Vielleicht überwacht der Offizier die Straße von einem Dach aus. Auf jeden Fall tummeln sich auf den Dächern Heckenschützen beider Seiten.
In trostlosen sunnitischen Vorstädten wie Ain Terme, Kafr Batna, Saqba, Bait Sawwa, Arbeen und Harasta leben Millionen junger Syrer. Diese Orte tragen die größte Last des gewaltigen Bevölkerungswachstums, und sie sind Zeugen eines Versagens des Staates. Die Häuser dort sind illegal errichtet worden, weil die ineffziente und korrupte Bürokratie nicht in der Lage war, auf Bauanträge zu reagieren. Dem Staat war es einfach gleichgültig, wo und wie diese Menschen lebten. Nun bekämpfen sie ihn.
Auch in Douma weiter im Norden wird gekämpft, also geht es zurück in Richtung Zentrum nach Midan. Von diesem Stadtteil aus waren über Jahrhunderte Pilger nach Mekka aufgebrochen. Sie deckten sich entlang der Einkaufsstraße bei den vielen Händlern ein, die aus ganz Syrien hierher gezogen waren. Vergangene Woche waren dort alle Geschäfte acht Tage geschlossen. Die Besitzer befolgten - ob freiwillig oder nicht - einen Aufruf zum Generalstreik, den der radikale syrische Scheich Sari al Rifai aus seinem saudischen Exil per Facebook angeordnet hatte.
Dschihadisten aus dem Irak
Der Scheich ist ein Sohn des Viertels. 1982 hatten er und sein Bruder Usama al Rifai Syrien verlassen müssen. Hafiz al Assad, der Vater des heutigen Staatspräsidenten, hatte einen Aufstand niedergeschlagen, der im Wesentlichen von den Muslimbrüdern getragen worden war. Zentren des Widerstands gegen Assads Herrschaft waren die Städte Hama, Dschisr al Schughur nahe Idlib und in der Hauptstadt Midan. Die beiden Rifais und andere radikale Scheichs aus dem frommen Midan flüchteten nach Saudi-Arabien. Der vor einigen Jahren in die Heimat zurückgekehrte Usama al Rifai, heute über 80 Jahre alt, ruft nun in seinen Predigten in der nach seiner Familie benannten Moschee zum Sturz des Regimes auf. Dafür wir er regelmäßig von Agenten des Regimes verprügelt. Ein anderer zorniger alter Mann im Minbar, der mehr als 90 Jahre alte Scheich Korayyem Rascheh, war im Midan und in ganz Damaskus der erste Prediger, der von der Kanzel der Moschee aus im Juni 2011 zum Sturz des Regimes aufgerufen hat.
Ein gemäßigter Vorbeter, der seinen Namen nicht genannt sehen will, sieht vier Gründe dafür, dass sich im Midan in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikales salafistisches Denken so schnell ausgebreitet hat: Erstens - die Achse von Midan über Daraa nach Saudi-Arabien. Aus Daraa in Südsyrien, wo am 15. März 2011 der Aufstand gegen das Assad-Regime begonnen hatte, waren in den vergangenen Jahrzehnten viele Einwohner auf der Suche nach Brot und Arbeit nach Saudi-Arabien ausgewandert. Einige kehrten zurück - und mit ihnen radikale Scheichs. In Damaskus hat zudem Saad al Ghamidi, der von 1986 bis 1996 an der saudischen Botschaft als Kulturattaché tätig war, entscheidend zur Verbreitung wahhabitischen Gedankenguts beigetragen.
Zweitens klagt der Vorbeter den Staat und die Sicherheitsdienste an, sich nicht um die Bedürfnisse der Menschen gekümmert zu haben. Statt des Fanatismus hätten sie die Religion als solche bekämpft und damit nur einer weiteren Radikalisierung den Boden bereitet. Als dritten Faktor nennt er den Tod des angesehenen Großmuftis Ahmad Kaftaro im Jahr 2005, der mit seinem gemäßigten Islam ein Gegengewicht zu den Salafisten gebildet hatte. Der vierte Grund sind schließlich Dschihadisten aus dem Irak, die in den vergangenen Jahren nach Syrien eingesickert sind und sich auch im Midan niedergelassen haben.
Glücklicherweise war niemand in dem Raum
In der Allianz aus den nach dem Aufstand von 1982 übrig gebliebenen Muslimbrüdern und den Salafisten sind daher die Salafisten die treibende Kraft - und der Midan ist aus diesem Grund in der Innenstadt von Damaskus die schwächste Stelle des Regimes. Zwei große Bomben sind entlang seiner Straßen detoniert, und innerhalb von Damaskus fanden hier die größten Kundgebungen statt. Die Zahl der im Untergrund tätigen Soldaten der Freien Syrischen Armee wird in diesem Stadtteil auf 50 bis 100 geschätzt. Sie können sich verstecken, erhalten Nahrungsmittel und moralische Unterstützung.
Im Norden von Damaskus gehört in Barzeh das Knattern von Schüssen längst zum Alltag. Nachts, wenn die Kämpfe stattfinden, verlassen Unbeteiligte ihre Häuser nicht mehr. Auf einem Hügel liegt dort das Militärkrankenhaus Tishreen, das größte seiner Art in ganz Syrien. Auf dem flachen Dach des Krankenhauses sind Soldaten postiert. Noch vor ein paar Wochen habe er sich tagsüber frei bewegen können, sagt ein junger Unternehmer in Barzeh. Damit sei es aus. Er zeigt ein sechs Zentimeter langes Geschoss: Am Vortag, kurz nach drei Uhr nachmittags, habe es das Dach durchbohrt und sei im Umkleideraum der Arbeiter des Familienbetrieb, eingeschlagen. Glücklicherweise war niemand in dem Raum.
Von wem das Geschoss stammt, ist unklar. Der junge Mann vermutet, es stamme von einem Flugabwehrgeschütz. Bis vor kurzem hatte nur die reguläre Armee über solche Waffen verfügt. Inzwischen sollen sich auch die Rebellen mit Hilfe aus Saudi-Arabien und Qatar mittelschwere Waffen verschafft haben - das habe Al Dschazira berichtet. Es werde immer schwieriger, den Betrieb zu führen, klagen Vater und Sohn. Der Export in die Golfstaaten, einst ein wichtiger Absatzmarkt, ist eingebrochen, und Soldaten der regulären Armee haben sich wiederholt Zutritt auf das Gelände verschafft, haben Türen eingetreten, rücksichtslos Schränke durchwühlt, Gegenstände mitgenommen und schroff ausgerufen: „Das gehört nun mir.“
„So viele und so unsägliche Fehler“
Im Christenviertel Bab Tuma ist von dieser Anspannung noch nichts zu spüren. Innerhalb der hohen Mauern der Altstadt, über die Paulus einst geflohen war, waren in den vergangenen Jahren im Labyrinth der engen Gassen die besten Restaurants der Hauptstadt und Boutiquehotels eingerichtet worden, die Touristen den Charme einer der ältesten Städte der Welt vermitteln sollten. Die Touristen bleiben nun aus, aber die Restaurants in den Innenhöfen, in denen Zitrusbäume wachsen und das Wasser der Brunnen plätschert, sind noch immer voll.
Lutfi ist Christ und glaubt wie die meisten syrischen Christen, dass Präsident Assad das Land wohl reformieren werde und dass der Status quo besser sei als der drohende Bürgerkrieg. Mit mehreren Dutzend jungen Gleichgesinnten aus allen Religionsgemeinschaften hat er eine informelle Gruppe gegründet, die sich vorgenommen hat, in der gespaltenen Gesellschaft Brücken zu bauen und gesunden Menschenverstand zu verbreiten. Ja, er halte als Syrer zu Assad, sagt Lutfi. An Assad gefalle ihm, dass er Widerstand gegen Israel leiste, das weiter syrischen Boden besetze, und dass er sich nicht den Vereinigten Staaten unterwerfe. Assad solle ruhig noch eine Amtszeit Präsident sein. In der solle der Übergang in eine Demokratie mit mehr Freiheiten als heute erfolgen, wünscht sich der junge Selbständige. Wie er denke jeder dritte Syrer, sagt Lutfi.
Die Gruppe ist ein Gesprächspartner für die Reformer im Regime. Jeder in der Gruppe hat eine andere Aufgabe. Lutfi nimmt sich die Medien vor: Den Staatsmedien bescheinigt er Unprofessionalität, niemand glaube ihren gestanzten Floskeln. Er kritisiert auch die arabischen Nachrichtensender: Während eines Besuchs bei einem Freund habe Al Dschazira über eine Großkundgebung in dessen Stadtteil berichtet, aber als sie auf den Balkon getreten seien, hätten sie nur ruhige schwarze Nacht gesehen. Seine Freundin Maryam, ebenfalls Christin, widerspricht Lutfi - sie schlägt sich auf die Seite der Opposition: Nach so vielen und so unsäglichen Fehlern könne das Regime einfach nicht überleben. Die Art, wie sie Kundgebungen zunächst kategorisch bestritten hätten, die Verarmung der ländlichen Bevölkerung, die Brutalität der Sicherheitskräfte - nein, das gehe einfach nicht auf.
Religion für den Einzelnen, das Vaterland für alle
Die Innenstadt von Damaskus gleicht einer Oase, um die herum ein Flächenbrand Syrien erfasst hat, und in Bab Tuma verläuft das Leben fast wie immer. Aber 9000 Christen aus Homs haben dort Zuflucht gefunden: Drei Kirchen sind dort zerstört worden. Rebellen, die aus dem umkämpften Homser Viertel Baba Amr geflohen sind, haben sich in christliche Dörfer um Homs abgesetzt. Dort verschanzten sie sich in den Häusern.
Eine gezielte Bedrohung für die Christen, die knapp ein Zehntel der syrischen Bevölkerung stellen, sieht indes keiner der Kirchenführer. „Was mit uns in Syrien geschieht, geschieht unseren muslimischen Brüdern auch“, sagt der griechisch-orthodoxe Bischof Luka al Khouri, der direkt neben dem römischen Torbogen an der Geraden Straße residiert. Eine Auswanderung unter den Christen habe nicht eingesetzt, fährt er fort. Schließlich sähen sich die Christen als Teil dieses Landes, und die Kirchen sind bei jedem Gottesdienst voll. Auf jeden Fall müsse der säkulare Charakter Syriens erhalten bleiben, sagt der Bischof. Religion sei ja für den Einzelnen, das Vaterland aber für alle.
Auch Grigorius III., der Patriarch der melkitischen, also römisch-orthodoxen Kirche, dessen Sitz mit seinen vielen Innenhöfen zu den schönsten Gebäuden der Altstadt von Damaskus zählt, fürchtet den Islam und die Muslime nicht. „Wir fürchten aber das Chaos, wie vor ein paar Jahren im Irak“, sagt der Kirchenführer in akzentfreiem Deutsch. Für „Vater und Mutter aller Krisen“ hält der Patriarch, der 26 Jahre in Jerusalem als Generalvikar gewirkt hatte, den Palästina-Konflikt und die biblische Begründung der Besetzung arabischen Bodens. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts seien immer gesellschaftliche und politische Krisen Grund für die Auswanderung von Christen gewesen, nicht aber der Islam, sagt der Patriarch.
Noch immer kommen neue Waffen ins Land
Noch immer hoffen die meisten Damaszener auf eine friedliche und politische Lösung des Konflikts. Elia Samman beispielsweise, der zu jenem Flügel der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei gehört, die Teil der Opposition ist und nicht in der „Progressiven Front“ der herrschenden Baath-Partei aufging. Seit dem Beginn der Krise vor 15 Monaten wurden zehn Parteien gegründet und teilweise genehmigt. Einige haben sich, trotz Bedenken, an der Parlamentswahl vom 7. Mai beteiligt, auch die von Elia Samman.
Aber die Wahl habe bestätigt, dass es das Regime mit Reformen nicht ernst meine, sagt Samman. Er sei schockiert gewesen, wie das Regime die Wahlen manipuliert habe. So haben im Damaszener Vorort Darayah angeblich 32.000 Menschen abgestimmt, obwohl dort während der Wahl heftig gekämpft worden sei und lediglich 32 Menschen zur Wahl gegangen seien.
Assad sei wie ein Händler, der bei einem Verhandlungsprozess nur die minimalsten Zugeständnisse mache, sagt Samman. Dabei könne er noch die Mehrheit der Syrer mit mutigen Veränderungen für sich gewinnen und so auch die Freie Syrische Armee isolieren. Es geschieht aber nichts dergleichen. Noch immer kommen neue Waffen ins Land. Der Staat setzt auf Gewalt, die Aufständischen tun es nicht anders, und aus Angst vor dem anderen legt keiner die Waffen nieder. „Seid ja vorsichtig“, hatte daher der Soldat an der Straßenkontrolle ermahnt.
Wieder ein fantastischer Artikel über Syrien
Michael Baumann (Senore)
- 12.06.2012, 12:57 Uhr