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Chronik der Revolution Achtzehn Tage, die das Land veränderten

Die Protestbewegung in Ägypten blickt auf 18 Tage zurück, die ein Wechselbad der Gefühle waren. Sie hatte Triumphe über das Regime gefeiert, Rückschläge erlitten, standgehalten, wieder neuen Mut geschöpft - und niemals aufgegeben.

© REUTERS Vergrößern Am 18. Tag ist es endlich geschafft: Mubarak hat seinen Rücktritt erklärt

Dann kam sie doch, die erlösende Nachricht vom Rücktritt Mubaraks. Die Massenproteste vom Freitag waren einer von vielen Anläufen, den Rückzug des Präsidenten zu erzwingen. Es war ein langes verzweifeltes Anrennen, denn der greise Machthaber wollte die wütenden Forderungen der Protestbewegung viele Tage einfach nicht verstehen. Die Demonstranten haben viel erlebt in den vergangenen Wochen. Sie hatten Triumphe über das Regime gefeiert, Rückschläge erlitten, standgehalten, neuen Mut geschöpft.

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Sie mögen sich noch an den Dienstag, den 25. Januar, erinnern, als sie den „Tag der Polizei“ zum „Tag des Zorns“ machten. In der staatsnahen „Al Ahram“ hatten die Organisatoren den Spott des damaligen Innenministers Habib al Adli lesen können: „Keinerlei Wirkung“ würden die Proteste haben, sagte er. Bald darauf ist Habib al Adli nicht mehr Minister und mit einem Ausreiseverbot belegt. Es waren Zehntausende auf die Straße gegangen, im ganzen Land wurde demonstriert, und die Sicherheitskräfte schafften es auch in den folgenden Tagen nicht, die Proteste niederzuknüppeln. Am Donnerstagabend landete dann Oppositionsführer Mohammed El Baradei am Flughafen in Kairo, die Muslimbruderschaft stellte sich nach einigem Zaudern hinter die Protestbewegung und so fieberte das Land dem 28. Januar, dem „Freitag der Wut“, entgegen.

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Das Regime war vorbereitet, aber es hatte die Wucht der Proteste offenbar noch einmal unterschätzt. Als sich die Ägypter in den Moscheen zum Freitagsgebet versammelten, waren das Internet und das Mobilfunknetz gekappt. Überall in der Innenstadt standen Kolonnen von Mannschaftswagen, die Sicherheitskräfte waren mit Tränengas, Gummigeschossen und Schrotmunition ausgerüstet. Als die Demonstrationszüge das Stadtzentrum erreichten war die Spannung schnell spürbar. „Los! Los! Los!“, riefen behelmte Unteroffiziere, als sie mit ihrem Schlagstock gegen die Metallwände der Mannschaftswagen hämmerten. Bald brannten Barrikaden, biss Tränengas in den Augen.

Aber die Sicherheitskräfte wurden von den Leuten zurückgeschlagen. Am Abend brannten Mannschaftswagen. Die Armee übernahm die Kontrolle, die Panzer wurden von den Demonstranten freudig begrüßt. Die Protestbewegung besetzte den Tahrir-Platz, den Platz der Befreiung, der zum Schicksalsort der Revolte wurde. Mubarak meldete sich am Abend nach langem Schweigen in einer Fernsehansprache erstmals zu Wort. Er versprach Reformen. Das Hauptquartier seiner Partei, der NDP, stand in Flammen.

Am Samstag feierten die Demonstranten schon ihren Sieg

Am Samstag, den 29. Januar waren die Polizei und Sicherheitskräfte auf wundersame Weise von der Straße verschwunden. Auf dem Tahrir-Platz feierten die Leute ihren Sieg. Aber die Freude hielt nicht lange. Plündernde Banden stifteten Terror, es herrschte kein Zweifel, dass das Regime dahinter steckte. Bürgerwehren wurden aufgestellt. Demonstranten versuchten am Abend das Innenministerium zu stürmen. Schüsse krachten, es gab Tote. Der Präsident entließ seine Regierung und holte ehemalige Militärs in sein neues Kabinett. Erstmals in seiner langen Amtszeit ernannte er einen Vizepräsidenten: seinen Vertrauten, den langjährigen Geheimdienstchef Omar Suleiman.

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