Dann kam sie doch, die erlösende Nachricht vom Rücktritt Mubaraks. Die Massenproteste vom Freitag waren einer von vielen Anläufen, den Rückzug des Präsidenten zu erzwingen. Es war ein langes verzweifeltes Anrennen, denn der greise Machthaber wollte die wütenden Forderungen der Protestbewegung viele Tage einfach nicht verstehen. Die Demonstranten haben viel erlebt in den vergangenen Wochen. Sie hatten Triumphe über das Regime gefeiert, Rückschläge erlitten, standgehalten, neuen Mut geschöpft.
Sie mögen sich noch an den Dienstag, den 25. Januar, erinnern, als sie den „Tag der Polizei“ zum „Tag des Zorns“ machten. In der staatsnahen „Al Ahram“ hatten die Organisatoren den Spott des damaligen Innenministers Habib al Adli lesen können: „Keinerlei Wirkung“ würden die Proteste haben, sagte er. Bald darauf ist Habib al Adli nicht mehr Minister und mit einem Ausreiseverbot belegt. Es waren Zehntausende auf die Straße gegangen, im ganzen Land wurde demonstriert, und die Sicherheitskräfte schafften es auch in den folgenden Tagen nicht, die Proteste niederzuknüppeln. Am Donnerstagabend landete dann Oppositionsführer Mohammed El Baradei am Flughafen in Kairo, die Muslimbruderschaft stellte sich nach einigem Zaudern hinter die Protestbewegung und so fieberte das Land dem 28. Januar, dem „Freitag der Wut“, entgegen.
Das Regime war vorbereitet, aber es hatte die Wucht der Proteste offenbar noch einmal unterschätzt. Als sich die Ägypter in den Moscheen zum Freitagsgebet versammelten, waren das Internet und das Mobilfunknetz gekappt. Überall in der Innenstadt standen Kolonnen von Mannschaftswagen, die Sicherheitskräfte waren mit Tränengas, Gummigeschossen und Schrotmunition ausgerüstet. Als die Demonstrationszüge das Stadtzentrum erreichten war die Spannung schnell spürbar. „Los! Los! Los!“, riefen behelmte Unteroffiziere, als sie mit ihrem Schlagstock gegen die Metallwände der Mannschaftswagen hämmerten. Bald brannten Barrikaden, biss Tränengas in den Augen.
Aber die Sicherheitskräfte wurden von den Leuten zurückgeschlagen. Am Abend brannten Mannschaftswagen. Die Armee übernahm die Kontrolle, die Panzer wurden von den Demonstranten freudig begrüßt. Die Protestbewegung besetzte den Tahrir-Platz, den Platz der Befreiung, der zum Schicksalsort der Revolte wurde. Mubarak meldete sich am Abend nach langem Schweigen in einer Fernsehansprache erstmals zu Wort. Er versprach Reformen. Das Hauptquartier seiner Partei, der NDP, stand in Flammen.
Am Samstag feierten die Demonstranten schon ihren Sieg
Am Samstag, den 29. Januar waren die Polizei und Sicherheitskräfte auf wundersame Weise von der Straße verschwunden. Auf dem Tahrir-Platz feierten die Leute ihren Sieg. Aber die Freude hielt nicht lange. Plündernde Banden stifteten Terror, es herrschte kein Zweifel, dass das Regime dahinter steckte. Bürgerwehren wurden aufgestellt. Demonstranten versuchten am Abend das Innenministerium zu stürmen. Schüsse krachten, es gab Tote. Der Präsident entließ seine Regierung und holte ehemalige Militärs in sein neues Kabinett. Erstmals in seiner langen Amtszeit ernannte er einen Vizepräsidenten: seinen Vertrauten, den langjährigen Geheimdienstchef Omar Suleiman.
Trotz der gespannten Lage kamen auch am Sonntag den 30. Januar wieder Abertausende zu Demonstrationen zusammen. Kampfflugzeuge donnerten im Tiefflug über die Menschenmenge auf dem Tahrir-Platz hinweg, Hubschrauber kreisten über den Demonstranten. Aber alles blieb friedlich. Am Abend trat El Baradei auf dem Platz auf. „Es gibt kein Zurück hinter das, was wir begonnen haben“, sagte er. Aber es machten sich auch erste Ermüdungserscheinungen breit. Es gab lange Schlangen vor den Bäckereien, das Benzin wurde knapp.
„Marsch der Millionen“ am Dienstag
Doch schon zwei Tage später, am Dienstag den 1. Februar, kam es beim „Marsch der Millionen“ im ganzen Land zu Massendemonstrationen. Auf dem Tahrir-Platz herrschte Volksfeststimmung. Die Armee hatte am Montagabend öffentlich versichert, sie werde keine Gewalt gegen die Demonstranten einsetzen - deren Forderungen seien legitim. Der Sieg schien nah, es herrschte eine große Erleichterung.
Am Mittwoch, den 2. Januar stürmten dann Gefolgsleute Mubaraks den Tahrir-Platz. Auf Kamelen und Pferden griffen sie die Menge an. Mit Bussen und Pritschenwagen waren bezahlte Schläger vom Land herbeigeschafft worden. Reiche Kaufleute, deren Geschäfte eng mit dem korrupten Regime zusammenhängen, mobilisierten ihre Mitarbeiter. Auch die Staatssicherheit mischte mit. Die Gefängnisse waren systematisch geöffnet worden, Kairo versank in der Gewalt.
Es tobte bis in den frühen Morgen eine erbitterte Schlacht um den Tahrir-Platz. Das Militär sah lange zu. Als es einschritt, genügten Warnschüsse, um die Angreifer im Zaum zu halten. Während Mubarak und Suleiman leutselige Interviews gaben, machten Mob und Geheimpolizei Jagd auf ausländische Journalisten. Dutzende wurden angegriffen, verhaftet, einige schwer verletzt. Doch die Protestbewegung hielt den Platz.
Freitag trifft sich der „Rat der Weisen“
Und so wurde der Freitag, der 4. Februar zu einer neuen Wegmarke. Wieder strömten Zehntausende auf den Platz, einfache Leute, bekannte Schauspieler, Musiker, sogar der ägyptische Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Musa mischte sich unter die Demonstranten. Er traf sich mit dem „Rat der Weisen“, einer Gruppe hochgestellter unabhängiger Persönlichkeite. Der Rat forderte Mubarak auf, die Verantwortung für eine Übergangszeit auf Vizepräsident Suleiman zu übertragen. Doch der „Tag des Abschieds“ wurde nicht zu dem Showdown, zu dem ihn die Protestbewegung hatte machen wollen. Der Präsident ließ keine Bereitschaft erkennen, abzutreten - er verlegte sich auf Zugeständnisse und spielte auf Zeit.
Am Dienstag, den 8. Februar berief der Mubarak einen elf Personen umfassenden Ausschuss für Verfassungsreformen ein. Doch der Dienstag war auch der Tag, an dem die Protestbewegung neuen Schwung erhielt. Wieder füllte sich der Platz mit Abertausenden von Demonstranten. Viele waren vom Land oder aus der Diaspora in die Hauptstadt gekommen. Der Tahrir-Platz ist inzwischen zu einen gut organisierten Lager für die Protestbewegung geworden. Auch einer der führenden Köpfe der Jugendbewegung trat auf und brachte neuen Mut: Wael Ghonim, ein Google-Manager, war am Montag aus dem Gefängnis freigekommen.
Am Donnerstag, dem 10. Februar schien der Sieg über Mubarak wieder zum Greifen nah. Die Armee teilte mit, die Forderungen der Demonstranten würden erfüllt, auch die Führung der Präsidentenpartei rückte vom Machthaber ab. Sogar der CIA-Chef sprach von Rücktritt. Dicht an dicht drängten sich am Abend hoffnungsfrohe Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Dann sprach Mubarak.