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Bagdad : Eine geschundene Stadt erwacht

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Land der Improvisation: In dem Bagdader Stadtteil Sadr City wird der Strom von zwei Generatoren geliefert und an die umliegenden Häuser und Geschäfte verteilt. Bild: The Washington Post

Zehn Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner hat sich das Leben in der irakischen Hauptstadt Bagdad normalisiert. Doch der Graben zwischen Schiiten und Sunniten bleibt tief. Die Amerikaner sind weg. Der Unmut vieler Iraker richtet sich gegen ihre Regierung.

          Zwei Polizisten kontrollieren den Eingang zum höchsten Heiligtum der irakischen Sunniten. Hohe, von Einschusslöchern übersäte Schutzmauern umgeben die Abu-Hanifa-Moschee im Bagdader Stadtteil Adamijeh. Vom Ausguck ihres Truppentransporters im Kreisel vor dem prächtigen Gotteshaus beobachten Soldaten, wer sich dem Komplex nähert. Langsam lässt die Hitze des Tages nach, das Hupen der Autos mischt sich mit dem Ruf des Muezzins zum Nachmittagsgebet. Eine Gruppe indonesischer Besucher verlässt gerade den Schrein Imam Abu Hanifas, der im achten Jahrhundert zu den Mitbegründern einer der vier sunnitischen Rechtsschulen zählte. Im weitläufigen Innenhof der unter osmanischer Herrschaft errichteten Moschee verkauft ein Händler religiöse Literatur.

          Ein Ort der Ruhe, ein Ort der Einkehr im hektischen Straßengewirr der irakischen Hauptstadt. Doch an der Schutzmauer hinter dem Buchhändler hängen mehr als fünfzig Bilder sunnitischer Scheichs, umgekommen im sunnitisch-schiitischen Konflikt zwischen 2006 und 2008. Heute ist der Imam der Moschee aus einem anderen Grund aufgebracht: Vergangenen Freitag versperrten Soldaten den Zugang zum Mittagsgebet. „Seit tausend Jahren haben wir so etwas nicht mehr erlebt“, sagt Scheich Ahmed Hassan al Taha in seinem Büro. Die sunnitischen Gläubigen mussten sich in die Gassen des Marktes hinter dem Gotteshaus zurückziehen, um zu beten. „Das ist zuletzt passiert, als die Mongolen in Bagdad einfielen“, sagt der in ein braunes Gewand und einen weißen Turban gekleidete Taha. „Die Eroberer aber waren keine Muslime, unsere Regierung hingegen schon.“

          Angespannte Lage

          Vor Tahas Bürogebäude im hinteren Teil des Moscheegeländes stehen vier gepanzerte Geländewagen, Uniformierte kontrollieren die Ausweise. Fünfzehn Monate nach Abzug der amerikanischen Besatzungstruppen ist die Stimmung in Bagdad angespannt, die Zahl der Anschläge hat zuletzt zugenommen. In den Straßen patrouillieren Soldaten, die der Kontrolle des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki unterstehen. „An den vergangenen Freitagen haben sie gar keine Auswärtigen mehr nach Adamijeh gelassen“, sagt Scheich al Taha. „So schlimm behandeln nicht einmal die Israelis die Palästinenser.“ Anders als in Bagdad werde in Jerusalem nur Männern unter vierzig der Zugang zur Al-Aqsa-Moschee verwehrt. „Hier darf niemand mehr rein.“ Wo sie denn bleibe, die neue Freiheit, will der in grauen Socken auf seiner Büro-Couch sitzende Taha wissen, der der Moschee am Tigris-Ufer seit dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 vorsteht.

          Bilderstrecke

          Nur eine Handvoll Besucher folgt an diesem Frühlingsnachmittag dem Ruf des Muezzins. Seitdem im vergangenen Dezember in der mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinz Anbar im Westirak Demonstranten begannen, gegen Malikis Herrschaft aufzubegehren, versucht dessen Regierung alles, um den Protest aus der Hauptstadt fernzuhalten. Die Abu-Hanifa-Moschee ist einer der Sammelpunkte der Maliki-Gegner. Auf dem roten Teppich im hohen Gebetssaal berichten Männer von ihren Erfahrungen an den Kontrollpunkten in der Stadt, eine elektronische Tafel markiert die Minuten bis zum Beginn des nächsten Gebets. Schlimmer als unter den Amerikanern behandele man sie, klagen die Gläubigen. Sie würden ständig schikaniert, denn die Schiiten nutzten ihre mit dem Sturz des Diktators gewonnene Macht rücksichtslos aus.

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