Auf der Baustelle herrscht Stille. Arbeiter sind nicht zu sehen, obwohl es auf den hölzernen Gerüsten noch viel zu tungäbe. Auch zu seinem achten Todestag ist in Ramallah das Museum nicht rechtzeitig fertig geworden, das an das Leben von Jassir Arafat erinnern soll. Die Autonomiebehörde kämpft um ihr finanzielles Überleben - auch für die Erinnerung an ihren Übervater fehlt mittlerweile das Geld. Doch das hat Arafats Nachfolger Mahmud Abbas nicht davon abgehalten, eine neue Baustelle aufzumachen.
Wenige Meter vom geplanten Museum in der Muqataa, dem Präsidentenpalast in Ramallah, liegt Arafats Mausoleum: Hier haben an diesem Dienstag die Arbeiten zur Exhuminierung des Palästinenserführers begonnen. Presslufthammer sollen sich durch eine vier Meter dicke Stein- und Betonschicht zum Leichnam des einstigen PLO-Chefs durchkämpfen.
Am 26. November sollen Fachleute aus Frankreich und der Schweiz mit russischer Unterstützung dann Proben nehmen, um endlich herauszufinden, woran er wirklich am 11. November 2004 in einem Pariser Militärkrankenhaus gestorben ist. Im Juli hatten Schweizer Experten in einem Dokumentarfilm des arabischen Senders „Al Dschazira“ Hinweise drauf gefunden, dass Arafat möglicherweise durch die radioaktive Substanz Polonium 210 vergiftet worden ist. „Die Leute wollen die Wahrheit wissen. Es sind auch schon andere Muslime exhumiert worden. Deshalb wird es bis zum Monatsende geschehen“, sagt Abbas’ Berater Sabri Saidam.
Kritik an Arafats Nachfolger Abbas
Aber längst nicht alle Palästinenser sind damit einverstanden, die Totenruhe ihres nationalen Idols nur wegen einiger medizinischer Tests zu stören. „Die Öffnung des Grabs ist unnötig. Wir wissen, dass Arafat ermordet wurde, und wir wissen, wer dafür verantwortlich ist“, sagt Nasser al Kidwa. Er ist nicht nur der Neffe des verstorbenen Palästinenserführers, sondern - als Vorsitzender der Arafat-Stiftung - auch sein Nachlassverwalter. Die offizielle Gedenkfeier, die Kidwa jedes Jahr für seinen Onkel im Kulturpalast von Ramallah, stand zwar 2012 unter dem Motto „Wir sind alle Jassir Arafat“, aber die wichtigste Botschaft war eine andere: Lasst unser Nationalsymbol in Frieden ruhen.
Damit übte der frühere palästinensische Außenminister auch indirekt Kritik an Arafats Nachfolger Abbas, der kurz nach dem Fernsehbericht den Forderungen nachgab, den Leichnam noch einmal untersuchen zu lassen. „Für diese abscheuliche Idee gibt es keine Rechtfertigung. Unser Volk kennt die Wahrheit. Es ist Zeit die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen“, fordert er unter lautem Applaus. Schon im Foyer des Kulturpalasts stellen Plakate mit Zeitungsausschnitten klar, wen er für verantwortlich hält: Dort kommen der frühere israelische Ministerpräsident Scharon und andere israelische Politiker und Militärs mit Zitaten zu Wort, die aus Kidwas Sicht beweisen, dass sie Arafat mit allen Mitteln beseitigen wollten. „Polonium wäre nur ein zusätzlicher Hinweis. Bei einer Halbwertszeit von acht Jahren, könnte es acht Jahre nach dem Tod aber für einen Nachweis schon zu spät sein“, fürchtet Kidwa.
„Wir wissen, dass er vergiftet wurde“
Wasel abu Jusef sieht das ähnlich. Auch das Mitglied des einflussreichen PLO-Exekutivkomitees ist dagegen, das Grab für weitere Untersuchungen zu öffnen. „Wir wissen, dass er vergiftet wurde. Was wir brauchen, ist eine internationale Untersuchung, um die Mörder zu finden“, verlangt Jusef. Als Vorbild nennt der Vorsitzende der Palästinensischen Befreiungsfront das internationale Sondertribunal das den Mord am früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri aufklärt und schon mehrere Anklagen erhoben hat.
Der verstorbene Palästinenserführer beschäftigt die Menschen wieder einmal stärker als sein lebender Nachfolger. Während der Arafat-Gedenkfeier in der Muqataa versuchte sich Abbas als tatkräftiger Präsident in Erinnerung zu bringen: Niemand könne sich vorstellen, wie viel Druck auf die Palästinenser ausgeübt werde. Aber er werde sich nicht davon abhalten lassen, noch vor Ende November die UN-Vollversammlung um eine Aufwertung des Status der palästinensischen Vertretung zu bitten.
Seit September 2011 wartet Abbas auf eine Entscheidung des UN-Sicherheitsrats über die palästinensische Bewerbung um eine UN-Vollmitgliedschaft entschieden hat, die Amerika ablehnt. In der UN-Vollversammlung ist ihm schon heute eine Mehrheit für den Antrag sicher, die Palästinenser wenigstens zu einem Beobachterstaat („non member observer state“) zu machen. Als Datum für die Abstimmung hat Abbas den 29. November vorgeschlagen.
„Politisches Vakuum“
Im September 2011 versammelten sich die Palästinenser auf Plätzen, um Abbas zuzujubeln, als seine Bewerbungsrede aus New York übertragen wurde. „Dieses Mal sind die Menschen nicht aufgeregt. Sie erinnern sich an letztes Jahr, als nach der UN-Bewerbung nichts passierte“, sagt der Politikwissenschaftler Ghassan Khatib. Besorgt reagieren manche eher auf die israelischen Drohungen, die Überweisung palästinensischer Steuergelder zu stoppen und andere Strafmaßnahmen zu verhängen.
„Israel hat kein Interesse am Zusammenbruch der Autonomiebehörde“, dämpft Mohammed Stayyeh die Befürchtungen; er gehört dem Fatah-Zentralkomitee an und gilt als ein Vertrauter des Präsidenten. Stayyeh erwartet, dass die israelische Regierung vor allem mit zusätzlichem Siedlungsbau reagiert. Zudem hätten arabische Staaten wie Saudi-Arabien ein finanzielles „Sicherheitsnetz“ im Wert von monatlich 100 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. „Wir müssen endlich das politische Vakuum beenden, auch wenn wir keine zu großen Erwartungen wecken sollten“, sagt Stayyeh.
Aber Abbas hofft fast verzweifelt, mit seinem zweiten UN-Antrag die Initiative wiederzugewinnen und in der eigenen Bevölkerung an Boden gut zu machen. Zuletzt hatte er viele Palästinenser mit Äußerungen irritiert, die klangen, als sei er zu Kompromissen beim Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge bereit. Zudem findet seine Ankündigung, am Tag nach der UN-Abstimmung wieder mit Israel zu verhandeln, kaum Unterstützung.
Ein großes Plakat, das in der Nähe von Präsidentensitz und Arafat-Mausoleum dem ersten Wintersturm trotzt, soll offenbar helfen, die Zweifel skeptischer Palästinensern zu zerstreuen. Darauf blickt Arafat seinen Nachfolger aufmunternd an.
Polonium ist ideal, keine Spuren zu hinterlassen
Dietmar Nieder (DUWN01)
- 13.11.2012, 20:57 Uhr
Warum Polonium?
Alfred Vomberg (A.Vomberg)
- 13.11.2012, 20:11 Uhr
Die Palästinenser machen es den Türken nach.
Pakize Sorlu (PakizeSorlu)
- 13.11.2012, 18:30 Uhr