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Antisemitismus : Frankreichs Juden zieht es nach Israel

Fremde Heimat: Viele französische Juden, die nach Israel auswandern, zieht es ans Meer, etwa in die Küstenstadt Aschdod. Bild: AFP

Noch nie wanderten so viele französische Juden nach Israel aus. Allein im vergangenen Jahr entschieden sich mehr als 3200 dafür - ein Zuwachs von mehr als 60 Prozent. Im gelobten Land haben sie nicht nur mit der neuen Sprache zu kämpfen.

          Die Mandelcroissants sind riesig und mit reichlich Puderzucker bestreut. Auf der Theke duften ofenfrische Brioches und Schokoladenbrot. Wer es lieber salzig mag, für den steht „Croque monsieur“ und dazu ein „Salade nioise“ auf der Speisekarte. Mittags ist es schwer, bei „Franck Delights“ einen freien Platz zu finden. An den Tischen wird nur Französisch gesprochen, obwohl das Bistro mitten im Jerusalemer Geschäftsviertel Talpiot liegt. Hinter der Theke prangt das Siegel des Oberrabbinats. Es bestätigt, dass alle Speisen koscher sind. An Cafés und Restaurants herrscht in dem Stadtteil kein Mangel. Doch in der Mittagspause kommen bei vielen französischen Einwanderern, die in den Läden und Büros in der Nähe arbeiten, Hunger und Heimweh auf – wenigstens kulinarisch, denn nach Frankreich zieht es sie nicht zurück.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „In Frankreich konnte ich als Jude nicht mehr leben. Ich kam mir dort fremd vor“, sagt Calev Massiah. Vor drei Jahren zog er von Grenoble nach Israel. In dem Bistro hilft der Zwanzigjährige mehrmals in der Woche als Kellner aus, um damit Geld für seine Ausbildung zum Osteopathen zu verdienen. In Frankreich hatte er genug von dem lautstarken Bedauern darüber, „dass die Nazis nicht alle Juden vergasten“. Er hatte genug davon, dass arabischstämmige muslimische Einwanderer seine jüdischen Freunde auf der Straße angegriffen. „Vergiss die Neonazis nicht! Für uns Juden gibt es keine Zukunft mehr in Frankreich“, ruft die Frau dazwischen, der Calev Massiah eine Quiche serviert. Ihre Nachbarin stimmt ihr zu. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder dort aufwachsen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Islamisten Frankreich übernehmen“, klagt die frühere Französin, die heute bei der israelischen Polizei arbeitet.

          Wenn nicht gleich eine islamistische Machtübernahme, so beunruhigt die meisten jüdischen Franzosen der steigende Einfluss der islamisch geprägten Lobby, die gerade in den Linksparteien ein großes Echo findet – etwa wenn es um die Rechte der Palästinenser geht. Oder der Antisemitismus von ungebildeten, frustrierten muslimischen Migranten. Noch nie kehrten so viele von ihnen ihrem Land den Rücken, um in Israel zu leben. Mehr als 3200 Franzosen ließen sich im vergangenen Jahr dort nieder. Das war ein Zuwachs von mehr als 60 Prozent im Vergleich zu den Jahren davor, in denen allerdings auch jeder Fünfte wieder nach Frankreich zurückkehrte. Die französischen jüdischen Auswanderer überholten damit sogar zum ersten Mal die Amerikaner, welche die „Alija“ nach Israel machten – so heißt die Auswanderung nach Israel auf Hebräisch; wörtlich übersetzt bedeutet das Wort „Aufstieg“. Im vergangenen Jahr entschieden sich mehr als 19000 Juden dafür.

          An der Klagemauer in Jerusalem bekommen 2009 einige Neuankömmlinge ihre Ausweise überreicht.
          An der Klagemauer in Jerusalem bekommen 2009 einige Neuankömmlinge ihre Ausweise überreicht. : Bild: AFP

          Unter den Franzosen ist der jüngste Anstieg wohl erst der Anfang. Im vergangenen Jahr befragte Erik Cohen, der als Professor der an israelischen Bar-Ilan-Universität forscht und lehrt, französische Juden im Alter zwischen 18 und 40 Jahren, wo sie in fünf Jahren leben werden. „Vierzig Prozent antworteten: in einem anderen Land“, berichtet er. Das müsse nicht zwangsläufig heißen, dass sie nach Israel auswanderten. Immer mehr nichtjüdische Franzosen spielten mit dem Gedanken, in den Vereinigten Staaten, Kanada oder Neuseeland neu anzufangen, sagt Erik Cohen: Unter der Wirtschaftskrise leide ja ganz Frankreich.

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