387.413 Dollar sind ein Spottpreis. Diese Summe hat das State Department in Washington im März mit dem kleinen Sicherheitsunternehmen „Blue Mountain“ ausgehandelt. Dafür sollten die libyschen Mitarbeiter der britischen Firma ein ganzes Jahr lang die Sicherheit des amerikanischen Konsulats in der ostlibyschen Stadt Benghasi garantieren. Vor dem Hintergrund der Kosten, die normalerweise in Kriegs- und Krisengebieten für den Schutz von Gebäuden und Personen aufzubringen sind, stellen sich viele Fragen. Waren die Sicherheitsvorkehrungen auch nur annähernd ausreichend? Wurde die Gefahr durch islamistische Extremisten im Osten Libyens unterschätzt? Gab es Bitten der Diplomaten in Libyen um besseren Schutz?
In einem am Dienstag veröffentlichten Brief an Außenministerin Hillary Clinton schrieb der republikanische Vorsitzende des Ausschusses für Regierungsaufsicht im Repräsentantenhaus, Darrell Issa, es habe „vor der Attacke vom 11. September wiederholt Forderungen nach einer Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen in Benghasi“ gegeben: „Aber Washington ist darauf nicht eingegangen.“ Hatte man dort die Alarmsignale ignoriert, weil gemäß offizieller Darstellung das Terrornetz Al Qaida seit der Tötung Usama Bin Ladins im Mai 2011 faktisch geschlagen war? Am 10. Oktober soll es in Issas Ausschuss eine Anhörung zu dem Anschlag in Benghasi geben.
Angriff erfolgte koordiniert
Bei dem Attentat am elften Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 starben Botschafter Christopher Stevens und drei weitere Amerikaner. Es war der erste Tod eines amerikanischen Botschafters während seines Diensteinsatzes seit 1979. Und es war einer der schwersten Terroranschläge seit „9/11“. Inzwischen ist klar, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen dem Vertrag des State Department mit „Blue Mountain“ und dem Tod von Stevens und der drei weiteren Amerikaner in Benghasi.
Präsident Barack Obama bezeichnete Stevens in seiner Rede vom 24. September vor der UN-Vollversammlung als leuchtendes Beispiel für den Einsatz amerikanischer Diplomaten, als Brückenbauer der Freundschaft: „Er verkörperte das Beste von Amerika“, sagte Obama.
Hätte dieser Verlust verhindert werden können? Und wenn ja, wer trägt die Verantwortung? Der Angriff auf das Gelände des Konsulats erfolgte am Abend des 11. September gegen 21.30 Uhr Ortszeit. Zeugen des Überfalls wurden übereinstimmend in amerikanischen Medien mit Angaben zitiert, nach denen es vor dem Angriff keine Demonstration vor dem Konsulatsgebäude gegeben hatte. Der Angriff mit Schnellfeuerwaffen, Panzerfäusten und Mörsergranaten erfolgte koordiniert und gleichzeitig von drei Seiten. Zum Zeitpunkt des Angriffs wurde das Gelände von sieben libyschen Wachmännern gesichert: vier unbewaffnete Mitarbeiter von „Blue Mountain“ und drei mit Kalaschnikow-Schnellfeuergewehren bewaffnete Kämpfer der regierungstreuen Miliz „Brigade des 17. Februar“.
20 Konsulatsmitarbeitern gelang die Flucht
Diese Miliz hatte bei der Revolution gegen den Diktator Muammar al Gaddafi an vorderster Front gekämpft. Nach dem Sturz Gaddafis übernahm die „Brigade des 17. Februar“ von Beginn an die Sicherung des amerikanischen Konsulatsgeländes in einem wohlhabenden Wohnviertel von Benghasi. Auf dem Gelände selbst befanden sich weitere vier bewaffnete Amerikaner, Angestellte des Wachdienstes des State Department.
Die erste Angriffswelle von bis zu hundert Kämpfern der extremistischen Gruppe „Ansar al Scharia“, die nach Zeugenaussagen ihre Pritschenwagen mit der schwarzen Flagge der radikalen Islamisten dekoriert hatten und „Allahu Akbar“ brüllten, war so heftig, dass die Verteidiger des Konsulats zunächst Deckung suchen mussten. Das Hauptgebäude, in dem sich Botschafter Stevens aufhielt, geriet in Brand. Der persönliche Leibwächter des Botschafters wurde in dem Chaos von Stevens getrennt. Der Botschafter und der Computertechniker Sean Smith starben in dem brennenden Gebäude an einer Rauchvergiftung.
Einer Gruppe von etwa 20 Konsulatsmitarbeitern gelang die Flucht von dem mehr als drei Stunden lang von den islamistischen Extremisten besetzten Gelände des Konsulats zu einem geheimen Annex der Vertretung, der seit Monaten von einem guten Dutzend Mitarbeitern des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA genutzt worden war. Gegen 1.30 Uhr traf amerikanische Verstärkung aus Tripolis ein, um die Konsulatsmitarbeiter, die sich gemeinsam mit den CIA-Agenten verschanzt hatten, in Sicherheit zu bringen. Gegen zwei Uhr erfolgte der zweite Angriff von „Ansar al Scharia“ auf das vermeintlich geheime „Safe House“.
Von langer Hand geplanter Terroranschlag
Die Panzerfäuste und Mörsergranaten wurden aus einem Hinterhalt so gezielt abgefeuert, dass zwei bewaffnete Wachleute des State Department - beide ehemalige Elitesoldaten - auf der Stelle getötet wurden. Eine regierungstreue libysche Miliz eilte den bedrängten Amerikanern zu Hilfe, vertrieb schließlich die Angreifer von „Ansar al Scharia“ - sie verhinderte womöglich ein drohendes Massaker an den rund 30 eingeschlossenen Konsulatsmitarbeitern und CIA-Mitarbeitern, von denen mehrere verletzt wurden.
Die Regierung in Washington und Präsident Obama müssen fünf Wochen vor den Präsidentenwahlen noch viele Fragen zu Benghasi beantworten. Die Geheimdienste wussten schon am 12. September, dass der Angriff auf das Konsulat ein von langer Hand geplanter Terroranschlag war, und teilten dies dem Weißen Haus und dem State Department unverzüglich mit. Warum behauptete die amerikanische UN-Botschafterin Susan Rice noch am 16. September, der Übergriff sei aus einem spontanen Protest aufgebrachter Muslime gegen ein islamfeindliches Schmähvideo erwachsen?
Mitarbeiter des Nachrichtensenders CNN fanden in den ungesicherten Trümmern des Konsulats ein handschriftliches Tagebuch des getöteten Botschafters, in dem dieser die prekäre Sicherheitslage in Benghasi beklagt und auch davon schrieb, dass er auf einer Todesliste des Terrornetzes Al Qaida stehe. Hat Stevens seine Bedenken auch in einem Drahtbericht nach Washington übermittelt?
Wegen der zunehmenden Zahl von Anschlägen hatten die Briten ihr Konsulat in Benghasi schon Wochen vor dem Anschlag vom 11. September geschlossen. Im Konsulat der Amerikaner blieb alles beim Alten.
Theoretisch überall
Carsten Berg (Carberg)
- 05.10.2012, 14:43 Uhr
Geschieht ihnen doch recht...
Reinhard Lauterbach (rlauterbach)
- 04.10.2012, 15:15 Uhr
Warum wohl, Herr Rüb?
Ulla Nachtmann (fatumath)
- 04.10.2012, 10:55 Uhr