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Vereinte Nationen : Angriff auf Hilfskonvoi lässt Emotionen im Sicherheitsrat hochkochen

  • Aktualisiert am

Beim Angriff auf einen Konvoi mit Hilfsgütern sind 21 Menschen getötet worden. Bild: AFP

Vor dem UN-Sicherheitsrat kündigt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon an, den verheerenden Luftangriff auf einen Hilfskonvoi in Aleppo energisch zu untersuchen. Daraufhin liefern sich Russland und Amerika einen Schlagabtausch.

          Die Vereinten Nationen haben eine Untersuchung des Angriff auf einen Konvoi mit Hilfsgütern im syrischen Aleppo mit 21 toten Zivilisten angekündigt. Der Konvoi sollte Hilfsgüter in die von Rebellen gehaltene Region bringen und war der erste nach mehreren Wochen. Der Angriff beendete die Hoffnung, dass eine Waffenruhe, die eine Woche gehalten hatte, noch verlängert werden könnte. „Ich schaue mir Möglichkeiten an, um diese und andere Gräueltaten gegen Zivilisten energisch zu untersuchen“, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Mittwoch in New York vor dem UN-Sicherheitsrat.

          Russland und die Vereinigten Staaten lieferten sich daraufhin einen Schlagabtausch im UN-Sicherheitsrat. Der amerikanische Außenminister John Kerry drängte seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow sichtlich verärgert dazu, die Verantwortung für den Angriff auf den Hilfskonvoi zu übernehmen. „Ich möchte wirklich eine Anerkennung der Verantwortung“, sagte Kerry. „Das hier ist ein Moment der Wahrheit für Präsident Putin und für Russland.“

          Der Angriff sei eine „inakzeptable Provokation“ gewesen, sagte dagegen Lawrow. Russland bestehe auf einer "eingehenden und unabhängigen Untersuchung". "Ich denke, dass wir von emotionalen Reaktionen und sofortigen öffentlichen Kommentaren absehen sollten und anstelle dessen zuerst untersuchen und sehr professionell sein sollten", sagte Lawrow. Er habe sich "wie in einem Paralleluniversum" gefühlt, als er Lawrow zugehört habe, entgegnete Kerry.

          Der nationale Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Obama, Benjamin Rhodes, sagte am Dienstag in Washington, dass die Amerikaner Russland für die Zerstörung verantwortlich machten, weil es dafür hätte sorgen müssen, dass alle Luftoperationen in der Region eingestellt werden. Darüber hinausgehend hieß es aus Regierungskreisen, die Amerikaner seien sich sehr sicher, dass ein russisches Kampfflugzeug vom Typ SU-24 den Angriff ausgeführt habe, berichtet die „New York Times“. „Wir haben ein sehr gutes Bild vom Luftraum über Syrien und wo Aktivität ist. Wir wissen, dass das fragliche Flugzeug ein russisches und kein syrisches war und es direkt über dem Konvoi war“, zitiert die Zeitung einen Pentagon-Mitarbeiter. Wie die „New York Times“ schreibt, wollen die Amerikaner Russland nun erst einmal Zeit geben, seine eigene Untersuchung durchzuführen.

          Dass es kein syrisches Flugzeug gewesen sein könne, sagte auch der russische Außenminister Sergej Lawrow bei der UN-Vollversammlung in New York. Die Syrer könnten bei Dunkelheit nicht fliegen, so Lawrow. Eine Verwicklung von russischen Flugzeugen wies er ebenfalls zurück. Sie seien zu diesem Zeitpunkt nicht in der Nähe des Angriffsziels gewesen, sagte er. Damit stütze er eine russische Theorie, es habe gar keinen Luftangriff gegeben, sondern der Konvoi sei einem Artillerieangriff der Aufständischen zum Opfer gefallen oder angezündet worden.

          Amerika und Russland : Streit über Angriff auf Hilfskonvoi in Syrien

          Spuren werden untersucht

          Andererseits veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium ein Drohnenvideo, das zeigt, wie ein mit einem Mörser bewaffnetes Fahrzeug an den Lastwagen vorbeifährt. Dazu erhebt Moskau den Vorwurf, die Rebellen hätten den Konvoi als Deckung genutzt und möglicherweise sei der Mörser das eigentliche Ziel eines Angriffs gewesen. In dem Video ist jedoch keine Verbindung zwischen dem bewaffneten Auto und dem Konvoi zu erkennen: während die Lastwagen am Straßenrand stehen, fährt das Fahrzeug an ihnen vorbei. „Auf dem Fahrzeug steht ein großkalibriger Granatwerfer“, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow. Der Vizechef des Verteidigungsausschusses in Moskau, Franz Klinzewitsch, rief die Vereinigten Staaten mit Nachdruck zur Zusammenarbeit mit Russland im Syrien-Konflikt auf. „Ich sage nicht, dass die Vereinigten Staaten den Konvoi bombardiert haben. Aber es ist klar, dass sie den Konvoi schamlos für einen Informationskrieg benutzen“, kritisierte er.

          Amerikanische Analysten arbeiten derweil daran, die Spuren am Tatort zu untersuchen. So wollen sie herausfinden, ob diese zu Raketen passen, die von einer SU-24 verschossen werden, und sie suchen nach aufgefangener Kommunikation des Piloten, um herauszufinden, warum der Angriff stattgefunden hat, so ein Pentagon-Mitarbeiter. Die britische Zeitung „Telegraph“ berichtet derweil, ein Mitarbeiter der Militärkoalition, die gegen die Islamisten in der Gegend kämpft, habe gesagt, der Angriff erfolgte von den Russen als Rache für einen amerikanischen Angriff, auf eine Stellung der syrischen Armee am Wochenende, bei dem 60 syrische Soldaten getötet worden waren. Die Amerikaner hatten gesagt, sie haben die Stellung für eine der Islamisten gehalten.

          Vier medizinische Helfer getötet

          Bei einem anderen Luftangriff im Norden Syriens sind nach Angaben von Aktivisten auch vier Mitarbeiter einer medizinischen Hilfsorganisation getötet worden. Kampfflugzeuge hätten eine ärztliche Versorgungseinrichtung in dem Ort Chan Tuman südwestlich der Großstadt Aleppos getroffen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwoch.

          Zwei der Toten waren demnach für die Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM) als Krankenpfleger im Einsatz, die beiden anderen als Fahrer von Rettungswagen. Ums Leben gekommen seien auch neun Anhänger islamistischer Milizen, hieß es weiter.

          UOSSM teilte mit, ein Krankenpfleger befinde sich wegen schwerer Verbrennungen noch in kritischem Zustand. Der Angriff am späten Dienstagabend habe die komplette dreistöckige Versorgungseinrichtung zerstört. Unter den Trümmern lägen noch Opfer.

          Die Bundesregierung bezeichnete die Angriffe auf humanitäre Helfer als „Kriegsverbrechen“ und drang auf eine Wiederherstellung der Waffenruhe. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer unterstrich am Mittwoch in Berlin die Bedeutung einer politischen Lösung des Konflikts. Eine militärische Lösung werde es nicht geben. Sie fügte hinzu: „Offensichtlich besteht aufseiten des Regimes und seiner Verbündeten kaum Interesse an einer politischen Lösung des Konflikts.“

          Quelle: okü./dpa/epd

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