Die Vereinigten Staaten warnen vor einem „Massaker“ in Aleppo, die regimetreue Presse und die Rebellen verkünden, die „Mutter aller Schlachten“ werde in der Stadt geschlagen. Kaum jemand glaubt derzeit, dass die Rebellen einer groß angelegten Armeeoffensive dauerhaft standhalten können. Für das an Feuerkraft weiter dramatisch überlegene, aber im Guerrillakrieg unerfahrene Assad-Regime dürfte es deutlich brenzliger werden, sollten sich die Rebellen tatsächlich in der Wirtschaftsmetropole festsetzen können. Die Millionenstadt ist das Tor zum Norden des Landes und seit Jahrhunderten ein wichtiger Knotenpunkt.
An diesem Samstag gehen die Regierungstruppen nun massiver vor, um von den Aufständischen eingenommene Stadtteile zurückzugewinnen. Die Kämpfe konzentrierten sich auf den südwestlichen Außenbezirk Salaheddin, berichteten Aktivisten. Mindestens drei Aufständische wurden getötet, teilten die Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London mit. Die Aufständischen schlugen nach eigenen Angaben einen Vorstoß der Regierungstruppen zurück. Mindestens fünf Panzer seien zerstört worden, „was die angreifenden Streitkräfte zum Rückzug zwang“, wird der Aufständischen-Kommandeur Abu Omar al-Halebi von der Deutschen Presse-Agentur zitiert.
Die Regierungstruppen sollen auch Kampfhubschrauber einsetzen. Russland, ein langjähriger Verbündeter der syrischen Regierung, warnte vor einer drohenden Tragödie in Aleppo. Gleichzeitig erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow jedoch, es sei unrealistisch, von den syrischen Streitkräften zu erwarten, dass sie tatenlos zusähen, wie die Rebellen wichtige Städte einnehmen.
Nach übereinstimmenden Berichten ausländischer Medien in der Region kontrollierten die Rebellen der Freien Syrischen Armee bisher die ländlichen Regionen um die Stadt herum, wo sie in Dörfern Rückzugsräume finden. Sie halten mehrere Übergänge an der rund 50 Kilometer entfernt liegenden Grenze zur Türkei besetzt. Nach unabhängigen Berichten vom Freitag aus der Region ist es für die Kämpfer der Freien Syrischen Armee inzwischen möglich, sich unbehelligt aus dem Grenzgebiet bis in einen größeren Stützpunkt in einer Stadt kurz vor Aleppo zu bewegen.
Zugleich gelingt es ihnen, mit Angriffen und Anschlägen die Truppenbewegungen des Regimes zu behindern. Schon länger ist von einem Szenario die Rede, nach dem Syrien angesichts des andauernden Bürgerkriegs in mehrere Regionen zerfallen könnte; eine solche Region könnte demnach entlang der Achse der sunnitisch dominierten Städte Hama, Homs und eben Aleppo entstehen.
Ein Drittel aller Exporte wird in Aleppo produziert
So ist das Wirtschaftszentrum für das Assad-Regime ebenso wichtig wie Damaskus. In Aleppo leben rund 2,5 Millionen Menschen, die Stadt hat damit mehr Einwohner als die Hauptstadt. Viele reiche Händlerfamilien kommen aus Aleppo, das eine der zentralen Handelsstädte an der von China bis zum Mittelmeer führenden Seidenstraße war - und unter osmanischer Herrschaft nach Kairo und Istanbul die drittgrößte Stadt des Reiches wurde. Hier kreuzten sich die Verkehrswege von der Levante nach Mesopotamien, dem anatolischen Hochland und Arabien, hier wurde 1885 die erste Handelskammer des Nahen Ostens gegründet.
Aleppo ist ferner ein wichtiger Produktionsstandort. Rund ein Drittel aller syrischen Exporte - jenseits des Erdöls - wird hier produziert. Das im Nordosten gelegene Industriegebiet in Scheich an Nadschar gilt als eines der größten im Land und in der gesamten Region. Petrochemische Industrie ist hier angesiedelt, ebenso Pharmaindustrie, Textilindustrie, Teppiche werden hier hergestellt und Lebensmittel weiterverarbeitet.
Lange war es ruhig geblieben in der Stadt. Die sunnitische Oberschicht hatte sich mit dem Regime arrangiert, die Führung unter Baschar al Assad hatte sich zunehmend den reichen Händlern und Industriellen zugewandt. Das alawitische Militärestablishment ließ die Geschäftsleute gewähren, erntete Bestechungsgelder und Partnerschaften. Für viele aus der Oberschicht stand das Regime noch für Stabilität, der Aufstand für Gewalt und Chaos. Doch angesichts der Brutalisierung und der Ausweitung des Bürgerkriegs dürften die Aleppiner und Damaszener Eliten die Zweckehe mit dem Regime zunehmend als Zwangsehe empfinden. Die Stiefkinder dieser Verbindung, die marginalisierte Unterschicht aus dem agrarischen Hinterland Aleppos, war leichter für den Aufstand gegen Assad zu gewinnen.
Es begann mit Sprengstoffanschlägen
Als die Armee die Proteste in Oppositionshochburgen wie Daraa und Homs niederschlug, war für die sunnitische Elite in Aleppo der Konflikt noch in ausreichend weiter Ferne. Doch Sprengstoffanschläge im Februar mit vielen Toten waren ein Zeichen dafür, dass das nicht so bleiben musste. Die Studenten in Aleppo protestierten schon damals gegen die Brutalität, mit der Assad gegen die Opposition und gegen die eigene Bevölkerung vorging. Anfang Mai stürmte die syrische Armee ein Studentenwohnheim in Aleppo; es war der blutigste Einsatz auf dem Gelände einer Universität seit dem Beginn der Proteste, sieben Studenten wurden getötet.
Ende Februar hatte der bekannte syrische Philosoph und Oppositionelle Sadik al Azm der F.A.Z. von ersten Absetzbewegungen aus der syrischen Oberschicht berichtet, Handelskammermitglieder hätten Kommunikationskanäle zur Opposition eröffnet, sagte er. Inzwischen klagen reiche Geschäftsleute gegenüber ausländischen Journalisten über tägliche Entführungen und brennende Lagerhäuser, die Wirtschaft des Landes liegt nach Monaten des Aufstands, zunehmender Kriminalität und auch als Folge der stetig verschärften ausländischen Sanktionen am Boden.
Zu Wochenbeginn riefen die Aufständischen zur „Befreiung“ Aleppos auf. Sogar vor den Toren der berühmten Altstadt solle es Kämpfe gegeben haben, berichteten zumindest Aktivisten der Opposition. Die Altstadt war wegen ihrer Architektur 1986 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden. Der überdachte Basar ist größer als der in der Hauptstadt, seine engen Gassen, die traditionellen Seifensiedereien und die alten Karawansereien waren zu Friedenszeiten eine Touristenattraktion.
Aleppo ist ein geschichtsträchtiger Ort: Zu Beginn des zwölften Jahrhunderts schloss der Atabeg (Statthalter) der Stadt die ersten Handelsverträge mit Venedig. Zu Zeiten der Osmanenherrschaft eröffneten Briten, Franzosen und Niederländer hier Handelsniederlassungen. Die Stadt war ein Zentrum für Kunsthandwerk, in dem sich arabische, türkische, armenische und kurdische Einflüsse wiederfanden. Lawrence von Arabien residierte im berühmten, im 19. Jahrhundert eröffneten Grand Hotel Baron. Der Balkon des Zimmers 215 war zumindest einer der Orte, an denen König Faisal nach dem Ende des Osmanischen Reiches die Unabhängigkeit seines arabischen Königreiches ausrief. Nun droht ein blutiges Kapitel der Geschichte Aleppos geschrieben zu werden.
Man greift sich an den Kopf!
Salome Dietrich (salomedietrich)
- 28.07.2012, 18:09 Uhr
Falsche Tatsachen
Can Ersoy (Turooyo)
- 28.07.2012, 11:42 Uhr
Bei Artillerie in Straßen in direktem Richten
Carsten Berg (Carberg)
- 28.07.2012, 11:24 Uhr
Lang währender Bürgerkrieg
Günter Jäger (rohrbacher)
- 28.07.2012, 11:22 Uhr
Können die Demokratischen Staaten den Menschen wenigstens eine
Nach-Assad Lösung aufzeigen ?
K Zinser (klaus_zinser)
- 28.07.2012, 09:16 Uhr