Ahmed Schafik schien es geahnt zu haben. Offiziell waren die Wahlergebnisse noch nicht verkündet, da ging Husni Mubaraks letzter Ministerpräsident bereits auf die Anhänger der Protestbewegung zu. „Eure Revolution ist gekapert worden, und ich verpflichte mich, sie euch zurückzugeben“, sagte der siebzig Jahre alte Politiker am Wochenende. Doch am Montagabend machten die Revolutionäre vom Tahrir-Platz deutlich, was sie von derlei Versprechungen halten: Sie setzten Schafiks Büro in Brand. Nur wenige Stunden nachdem die Wahlkommission ihn und den Präsidentschaftskandidaten der Muslimbruderschaft, Mohamed Mursi, als Teilnehmer der Stichwahl bekanntgegeben hatte, warfen Hunderte Demonstranten Scheiben ein, schleuderten Wahlkampfbroschüren aus den Fenstern und zerrissen Plakate, ehe sie Feuer legten.
Auch Schafiks Angebot, allen Partnern die Hand zu reichen, um „gemeinsam zum Wohle Ägyptens zu arbeiten“, konnte die aufgebrachte Menge nicht besänftigen. Zu groß ist die Enttäuschung über den Ausgang der Wahl, die die Protestbewegung fünfzehn Monate nach dem Sturz Mubaraks konsterniert zurücklässt. Keiner ihrer Favoriten, der linksnationale Hamdin Sabbahi etwa oder der Bürgerrechtler Khaled Ali, schaffte es in die Stichwahl. Stattdessen stehen sich am 16. und 17. Juni ein Islamist und ein Repräsentant des verhassten alten Regimes gegenüber.
Ein gespaltenes Land im Jahr eins nach dem Aufstand
Jene Teile der ägyptischen Gesellschaft, die sich Anfang 2011 erhoben, um Korruption, Amtsmissbrauch und Perspektivlosigkeit ein Ende zu setzen, wissen nun nicht mehr, für wen sie stimmen sollen. Ein Sprecher der nach dem Sturz Mubaraks gegründeten Freien Ägyptischen Partei bezeichnete das Ergebnis als „Katastrophenszenario“: Ein „islamischer Faschist“ trete gegen einen „Militärfaschisten“ an. Ahmed Fawzi, Vorsitzender der Ägyptischen Sozialdemokratischen Partei, kündigte am Montag die Bildung einer „Vereinten Front“ acht liberaler Parteien an, die das Erbe der Revolution verteidigen will - und weder Schafik noch Mursi unterstützen werde.
Doch die Entscheidung der Wahlkommission lässt den mehr als fünfzig Millionen zur Wahl zugelassenen Ägyptern Mitte Juni keine andere Wahl. Knapp 5,8 Millionen stimmten vergangene Woche für den 60 Jahre alten Mursi, den die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit aufgestellt hatte, nachdem der stellvertretende Parteivorsitzende, Khairat Shater, wegen einer früheren Haftstrafe ausgeschlossen worden war. Mehr als 5,5 Millionen votierten für Schafik, der vor seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten durch Mubarak neun Jahre lang als Minister für zivile Luftfahrt im Kabinett saß: Hier der Repräsentant der über Jahrzehnte verbotenen Muslimbruderschaft, der die Religion stärker in der Politik verankern will, dort ein „Felul“, wie die Ägypter die Überbleibsel der Mubarak-Ära nennen.
Dass die drei darauffolgenden Kandidaten - der Sozialist Sabbahi von der Karama-Partei, der frühere Außenminister und ehemalige Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Musa, sowie der unabhängige Islamist Abd al Monem Abul Futuh - zusammen auch etwa elf Millionen Stimmen auf sich vereinen konnten, zeigt, wie gespalten das Land im Jahr eins nach dem Aufstand ist.
Schafik galt immer wieder als Mubaraks möglicher Nachfolger
Schafiks Versuch, auf die Protestbewegung zuzugehen, dürfte nicht nur wegen der gewaltsamen Proteste scheitern. Zu verstrickt in die Herrschaft Mubaraks ist der Absolvent der Kairoer Luftwaffenakademie, als dass ein solcher Seitenwechsel glaubwürdig sein könnte. Der frühere Militär ist Teil jener „Oktober-Generation“, für die der Jom-Kippur-Krieg mit Israel 1973 die prägende biographische Erfahrung war - und der Garant für den Aufstieg in den engeren Kreis der politischen Elite des Landes: Unter Mubaraks Kommando kämpfte er im Oktober 1973 als Pilot gegen Israel und erfuhr in den Folgejahren Beförderung um Beförderung. In den achtziger Jahren war Schafik Militärattaché in Rom, 1991 wurde er zum Stabschef der Luftwaffe ernannt, von 1996 bis 2002 diente er als deren Oberkommandierender.
2002 schließlich holte Mubarak den in Kairo geborenen Vater dreier Töchter ins Kabinett. Als Minister für zivile Luftfahrt förderte er die Aufnahme der staatlichen Fluggesellschaft Egypt Air in die „Star Alliance“ mit der Lufthansa und anderen großen Gesellschaften. Zudem trieb er ausländische Gelder für den Bau eines neuen Terminals am Flughafen Kairos auf. Aus jener Zeit allerdings stammen auch die Vorwürfe, Schafik habe Bauland rund um den Flughafen unter Wert verkauft und Aufträge an den offiziellen Vergabeverfahren vorbeigenehmigt. Nachgewiesen wurde ihm das nicht. Vielmehr galt Schafik noch zu Amtszeiten Mubaraks immer wieder als dessen möglicher Nachfolger - neben Mubaraks Sohn Gamal und dem früheren Geheimdienstchef Omar Suleiman.
Vier Tage nach Beginn der Massenproteste auf dem Tahrir-Platz ernannte Mubarak Schafik zu seinem Ministerpräsidenten. Doch der Versuch, die Demonstranten auf diese Weise zu besänftigen, scheiterte: Im Fernsehen machte sich Schafik über die Protestierenden lustig; am 2. Februar ließ er bewaffnete Schlägertrupps auf den Tahrir-Platz aufmarschieren, um die Bewegung zu zerschlagen. Die brutale „Schlacht der Kamele“ bedeutete den Wendepunkt in den 18 heißen Tagen der Revolution. Zwar hielt sich Mubarak noch neun Tage im Amt. Doch dem Druck aus dem Ausland, vor allem aus den Vereinigten Staaten, konnte er nicht mehr standhalten.
Eine große Koalition aller politischen Kräfte des Landes
Schafik geriet intern so stark unter Druck, dass er gehen musste. Am Tag nach einer Fernsehdiskussion mit dem Schriftsteller Alaa al Aswani, der ihn als Helfershelfer Mubaraks diskreditierte, reichte er beim herrschenden Obersten Militärrat seinen Rücktritt ein; seine nur 33 Tage währende Zeit als Regierungschef endete am 3. März vergangenen Jahres. Im November dann kündigte er an, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Zumindest hinter den Kulissen unterstützte ihn dabei der Vorsitzende des Militärrats, Mohamed Hussein Tantawi, den Schafik bei Wahlkampfauftritten als „Freund“ bezeichnete.
Für Schafiks Widersacher bei der Stichwahl im Juni bieten solche Worte die Chance, den Unmut der Protestbewegung weiter gegen Mubaraks letzten Ministerpräsidenten zu schüren. Schon am Wochenende begann Mohamed Mursi, um die Wähler der unterlegenen Kandidaten zu werben. Am Dienstag kündigte der 60 Jahre alte Politiker an, den Vorsitz der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit im Falle eines Sieges niederzulegen. Zudem strebe er an, Stellvertreter aus anderen Parteien zu ernennen. Auch der künftige Ministerpräsident müsse kein Muslimbruder sein, sondern solle an der Spitze einer großen Koalition stehen, in der alle politischen Kräfte des Landes vertreten seien.
Neben dem Linksnationalisten Sabbahi und Mubaraks früherem Außenminister Musa steht dabei vor allem das frühere Führungsmitglied der Muslimbrüder Abul Futuh im Mittelpunkt, der in gesellschaftspolitischen Fragen liberalere Standpunkte vertritt als Mursi. Der im Nildelta geborene Vater von vier Söhnen hatte noch im Wahlkampf bekundet, er werde den berühmten Muslimbrüder-Slogan „Der Islam ist die Lösung“ in die Praxis umsetzen, wenn auch nur mit „moderaten islamischen Bezügen“. Der Einladung des in den Vereinigten Staaten promovierten Ingenieurs, eine gemeinsame Plattform gegen Schafik zu bilden, folgte bislang allerdings keiner der drei unterlegenen Bewerber um das Präsidentenamt.
Gestörte Beziehungen zum harten Kern der Revolutionäre
Zu befremdlich könnte vielen Ägyptern der rasche Marsch der Muslimbruderschaft in die wichtigsten Institutionen des Landes sein - nach Jahrzehnten des Verbots. Seit mehr als dreißig Jahren gehört Mursi der 1928 gegründeten Organisation an, deren Partei für Freiheit und Gerechtigkeit bei den Parlamentswahlen im vorigen Dezember und Januar mehr als 45 Prozent der Stimmen gewann. Schon seit 1995 ist er Mitglied des Führungsbüros der Muslimbruderschaft, des höchsten Entscheidungsgremiums der Islamisten. Im selben Jahr zog er als Abgeordneter ins Parlament ein; von 2000 bis 2005 saß er dort als Sprecher der Muslimbrüder-Fraktion. Davor hatte er mehr als zehn Jahre lang als Professor für Ingenieurwissenschaft gearbeitet. 2006 musste er für einige Monate ins Gefängnis, weil er mehrere Reformanwälte unterstützte, die gegen die Fälschung der Präsidentenwahl protestierten. Auch in anderen Bündnissen, die den Keim für die Revolution von 2011 legten, war Mursi in den vergangenen Jahren aktiv, unter anderem in der Allianz für den Wandel „Kefaya“.
Inwieweit es dem mächtigen Apparat der Muslimbrüder gelingt, die gestörten Beziehungen zum harten Kern der Revolutionäre wieder zu verbessern, wird entscheidend für den Ausgang der Stichwahl sein. Schafik treibt sie vor sich her, indem er Fragen der inneren Sicherheit ins Zentrum seiner Kampagne stellt und den mangelnden Gemeinsinn beklagt. Nicht zuletzt unter der christlich-koptischen Minderheit, die sich vor einem weiteren Erstarken des politischen Islams fürchtet, stieß er damit auf Verständnis.