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Veröffentlicht: 30.05.2012, 08:18 Uhr

Ägyptische Präsidentschaftswahl Schöne Worte für die Revolutionäre

Diejenigen Ägypter, die Mubarak stürzten, haben eine schwere Wahl: Soll ein Mann des alten Regimes oder ein Islamist das Land regieren? Der Ärger entlädt sich in Gewalt.

von , Berlin
© AFP Enttäuschung und Zorn: Demonstranten ziehen am Montag nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses durch die Straßen Kairos

Ahmed Schafik schien es geahnt zu haben. Offiziell waren die Wahlergebnisse noch nicht verkündet, da ging Husni Mubaraks letzter Ministerpräsident bereits auf die Anhänger der Protestbewegung zu. „Eure Revolution ist gekapert worden, und ich verpflichte mich, sie euch zurückzugeben“, sagte der siebzig Jahre alte Politiker am Wochenende. Doch am Montagabend machten die Revolutionäre vom Tahrir-Platz deutlich, was sie von derlei Versprechungen halten: Sie setzten Schafiks Büro in Brand. Nur wenige Stunden nachdem die Wahlkommission ihn und den Präsidentschaftskandidaten der Muslimbruderschaft, Mohamed Mursi, als Teilnehmer der Stichwahl bekanntgegeben hatte, warfen Hunderte Demonstranten Scheiben ein, schleuderten Wahlkampfbroschüren aus den Fenstern und zerrissen Plakate, ehe sie Feuer legten.

Auch Schafiks Angebot, allen Partnern die Hand zu reichen, um „gemeinsam zum Wohle Ägyptens zu arbeiten“, konnte die aufgebrachte Menge nicht besänftigen. Zu groß ist die Enttäuschung über den Ausgang der Wahl, die die Protestbewegung fünfzehn Monate nach dem Sturz Mubaraks konsterniert zurücklässt. Keiner ihrer Favoriten, der linksnationale Hamdin Sabbahi etwa oder der Bürgerrechtler Khaled Ali, schaffte es in die Stichwahl. Stattdessen stehen sich am 16. und 17. Juni ein Islamist und ein Repräsentant des verhassten alten Regimes gegenüber.

Ein gespaltenes Land im Jahr eins nach dem Aufstand

Jene Teile der ägyptischen Gesellschaft, die sich Anfang 2011 erhoben, um Korruption, Amtsmissbrauch und Perspektivlosigkeit ein Ende zu setzen, wissen nun nicht mehr, für wen sie stimmen sollen. Ein Sprecher der nach dem Sturz Mubaraks gegründeten Freien Ägyptischen Partei bezeichnete das Ergebnis als „Katastrophenszenario“: Ein „islamischer Faschist“ trete gegen einen „Militärfaschisten“ an. Ahmed Fawzi, Vorsitzender der Ägyptischen Sozialdemokratischen Partei, kündigte am Montag die Bildung einer „Vereinten Front“ acht liberaler Parteien an, die das Erbe der Revolution verteidigen will - und weder Schafik noch Mursi unterstützen werde.

Ägyptische Wahlkommission: Stichwahl mit Schafik und Mursi Mohammed Mursi (llinks) und Ahmed Schafik: Hier der Repräsentant der Muslimbruderschaft, der die Religion stärker in der Politik verankern will, … © dpa Bilderstrecke 

Doch die Entscheidung der Wahlkommission lässt den mehr als fünfzig Millionen zur Wahl zugelassenen Ägyptern Mitte Juni keine andere Wahl. Knapp 5,8 Millionen stimmten vergangene Woche für den 60 Jahre alten Mursi, den die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit aufgestellt hatte, nachdem der stellvertretende Parteivorsitzende, Khairat Shater, wegen einer früheren Haftstrafe ausgeschlossen worden war. Mehr als 5,5 Millionen votierten für Schafik, der vor seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten durch Mubarak neun Jahre lang als Minister für zivile Luftfahrt im Kabinett saß: Hier der Repräsentant der über Jahrzehnte verbotenen Muslimbruderschaft, der die Religion stärker in der Politik verankern will, dort ein „Felul“, wie die Ägypter die Überbleibsel der Mubarak-Ära nennen.

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Dass die drei darauffolgenden Kandidaten - der Sozialist Sabbahi von der Karama-Partei, der frühere Außenminister und ehemalige Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Musa, sowie der unabhängige Islamist Abd al Monem Abul Futuh - zusammen auch etwa elf Millionen Stimmen auf sich vereinen konnten, zeigt, wie gespalten das Land im Jahr eins nach dem Aufstand ist.

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