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Ägypten Wo jetzt alle Adler sind

 ·  In Port Said war der islamistische Präsident Muhammad Mursi nie sonderlich populär. Jetzt glauben die Bewohner der Stadt am Suezkanal, dass sich die neuen Machthaber an ihnen rächen wollen. Die fragwürdigen Todesurteile gegen Anhänger des Fußballklubs Al Masry sind für sie der Beweis.

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© Reuters Vergrößern Fromme Muslime, aber keine Muslimbrüder: Gegner von Präsident Mursi in Port Said gedenken der Opfer der Krawalle.

Ein dunkles Tuch hängt über dem Flachbildschirm, die Stühle davor sind leer. „Fußballspiele von Al Ahly anschauen verboten“ steht auf einem Blatt an der Tür des zugigen Cafés. Muhammad Abu Zaid und ein paar Kumpels haben sich hier zusammengefunden, sie sprechen über das, was alle hier in Port Said nur noch „das Match“ nennen: das Match zwischen dem hiesigen Fußballklub Al Masry und dem Hauptstadtverein Al Ahly, bei dem vor einem Jahr mehr als siebzig Menschen getötet worden waren. Im März geht der Prozess über die Gewaltorgie im Stadion der Stadt am Suezkanal weiter. Vor knapp zwei Wochen waren Todesurteile gegen 21 Al-Masry-Anhänger verhängt worden. Die Gewalt in Port Said eskalierte - 39 Menschen kamen bei den Ausschreitungen ums Leben.

Auch Abu Zaid, Vater von drei Kindern, war im Stadion an jenem ersten Februartag 2012. Eine seltsame Atmosphäre habe in der Stadt geherrscht, erzählt er. Viele Gesichter, die er nicht kannte, im Stadion, viel weniger Sicherheitskräfte als sonst. „Und die Polizisten, die da waren, haben weggeschaut“, sagt er. Wegen Pöbeleien wurde das Spiel eine halbe Stunde später angepfiffen als vorgesehen; in der Halbzeit habe er seinen Sitznachbarn gesagt, der Schiedsrichter solle die Partie abbrechen. Zu aufgeladen sei die Stimmung gewesen. Natürlich, sagt der 45 Jahre alte Arbeiter mit der grauen Wollmütze, seien die Spiele zwischen den beiden Klubs schon immer brenzlige Begegnungen gewesen. Aber so heftig wie bei diesem Match war es nie.

Die Wunden wieder aufgerissen

Für Ägypten, das nur ein Jahr zuvor in seltener Eintracht Husni Mubarak in einer Revolution gestürzt hatte, war es eine nationale Tragödie. Die Todesurteile Ende Januar haben die Wunden wieder aufgerissen - und die Gräben zwischen der Hafenstadt und der fernen Hauptstadt weiter vertieft. Die Leute in Port Said sehen das so: Auf der einen Seite gibt es das von den Regierenden hofierte Kairo, auf der anderen die von den Herrschenden vergessene Frontstadt. „Port Schahid“, „Hafen der Märtyrer“, nennen die Bewohner ihre Stadt seit den Unruhen vom Januar.

Ägypten ist ein Jahr nach dem Massaker im Stadion von Port Said zerrissener denn je. Ende Januar warnte Armeechef Abdel Fattah al Sisi vor dem Zusammenbruch des Staates. Die Wirtschaft liegt am Boden, auf umgerechnet zwei Millionen Euro werden die täglichen Verluste wegen der Ausschreitungen allein in Port Said geschätzt. Dutzende Firmen entlang des Kanals mussten ihre Tore schließen, nachdem im Januar mehr als fünfzig Menschen getötet worden waren. Über Port Said, Ismailia und Suez hat Präsident Muhammad Mursi bis Monatsende den Ausnahmezustand verhängt. Die Aufbruchstimmung ist längst verflogen.

“Nieder mit dem Präsidenten, der sein Volk tötet“ steht auf einem Transparent auf dem Manschia-Platz. „Das faschistische Regime tötet und vergibt den Mördern“ steht auf einem anderen. Ein paar hundert Demonstranten haben sich nach dem Mittagsgebet in der Stadtmitte zusammengefunden, wo die hohen Veranden und Holzbalkone an die Blütezeit der kolonialen Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnern. Auch Angehörige der Todesopfer der vergangenen Tage sind gekommen, um zu protestieren. Heute bleibt es friedlich.

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