Die Proteste gegen den unsäglichen Film über den Propheten des Islams haben gezeigt, von wo den neuen Machthabern in Ägypten um Präsident Mursi Störfeuer droht. Andere, radikale Islamisten bringen die Muslimbruderschaft kaum in Bedrängnis. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt indes, dass die Polizei und die Verbände der „staatlichen Sicherheit“ gegenüber den neuen Machthabern nicht loyal sind. Loyal ist nach einem Generationswechsel hingegen die Armee.
Die radikalen Islamisten der Gamaat al Islamiya sind zu wenige, um für die gemäßigt-islamistische Muslimbruderschaft eine Gefahr zu sein. Sie hatten zu den Protesten vor der amerikanischen Botschaft aufgerufen. Gewaltbereite Ultras der Fußballklubs Ahly und Zamalek haben jedoch die Kontrolle über den Protestzug übernommen, so dass die Gamaat den Protest verließen, und der seit Jahren andauernde Krieg zwischen den Steine werfenden Ultras mit der Bereitschaftspolizei diesmal vor der amerikanischen Botschaft in eine weitere Runde ging. Die Salafisten, der zweite radikale Konkurrent der Muslimbruderschaft, setzen sich aus zwei Dutzend Gruppen zusammen und sind zu zerstritten, um die neuen Machthaber herauszufordern und von ihrem Kurs abzubringen.
Eine größere Gefahr ist die Unzuverlässigkeit der Polizei. Sie hat sich aus zwei Gründen seit dem Höhepunkt der Revolution Anfang 2011 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zum einen haben die Demonstranten, die hundert Polizeistationen in Brand gesetzt hatten, sie gedemütigt, zum anderen funktioniert die Korruptionsmaschine Polizei nicht länger. Wer aber seine Karriere in der Polizei darauf gesetzt hatte, früher oder später in einen Posten aufzusteigen, der ihm die Eintreibung von Geldern ermöglicht hätte, sieht sich enttäuscht und übt sich in passivem Widerstand.
Bruch innerhalb der Armee
Präsident Mursi und die Armee haben hingegen ihre Beziehungen in erstaunlichem Maße verbessert. Mursi hatte am 12. August den Zirkel von alten Generälen entmachtet, die über Jahrzehnte den jüngeren den Aufstieg verwehrt hatten. Mit der Absetzung von Feldmarschall und Verteidigungsminister Hussein Tantawi sowie Generalstabschef Sami Anan ermöglichte er jenen jüngeren Offizieren den Aufstieg, die loyal zu ihm sind. Unruhe gab es in der Armee, seit vor einem Jahrzehnt der damalige Präsident Mubarak dem Drängen seiner Ehefrau Suzan nachgegeben hatte, ihrem Sohn Gamal den Weg ins Präsidentenamt zu ebnen. Damit fühlten sich viele Offiziere betrogen. Denn seit der Revolution von 1952 waren alle Staatspräsidenten aus der Armee hervorgegangen.
Ein Bruch zeichnete sich zudem zwischen den jüngeren Generälen und den unteren Offiziersrängen mit der Armeeführung unter Tantawi und Anan ab. Er hatte zwei Gründe. Zum einen ist zwischen dem Lebensstil der einzelnen Dienstgrade die Kluft sehr groß. Offiziere, Unteroffiziere und einfache Soldaten gehören zwar derselben Armee an, leben jedoch in verschiedenen Welten. Dolce vita mit zahlreichen Privilegien ist erst für die höchsten Ränge möglich. Unterhalb der privilegierten Schicht gilt, dass auch Armeeangehörige ebenso gelitten haben (und weiter leiden) wie alle anderen Ägypter. Zum anderen hatte sich Mubarak in den drei Jahrzehnten seiner Herrschaft auf eine kleine Schar von Kampfgefährten verlassen, die mit ihm 1973 am Yom-Kippur-Krieg teilgenommen hatten, als er Oberbefehlshaber der Luftwaffe war. Die Generation der Sieger vom 10. Ramadan 1973 wurde zu einer Generation verwöhnter Generäle, die nun durch Mursi entmachtet wurde.
Offen ist weiter, was Tantawi und Anan von dem geplanten Angriff auf Mursi bei der Trauerveranstaltung für die 16 Soldaten gewusst haben, die auf dem Sinai von islamistischen Extremisten getötet worden waren. Mursi hatte seine Teilnahme in letzter Minute abgesagt, als seine Sicherheitskräfte erkannten, dass bei der Veranstaltung kaum Militärpolizei präsent war und sich Schlägertrupps zusammengerottet hatten, die dann auch auf Ministerpräsident Qandil einschlugen. Nach wie vor halten sich Gerüchte, dass die damalige Führung der Militärpolizei und der Präsidialgarde, die weiter loyal zu Mubarak stand, einen Anschlag auf Mursi geplant haben sollen. Nach dem Vorfall forderte Mursi Tantawi und Anan auf, mit ihm auf dem Sinai die Einheiten zu besuchen, die den islamistischen Extremisten nachsetzten. Während Mursi den beiden bei einem Fastenbrechen seine Entscheidung mitteilte, öffnete im fernen Kairo sein Sprecher Ai Yasser einen Briefumschlag mit der Diskette, die seine Beschlüsse enthielt, und verlas diese.
Breiter Zustimmung
Ein Putsch zur Wiederherstellung der alten Ordnung gilt als höchst unwahrscheinlich. Dafür spricht auch, dass die Armee in Ägypten - anders als in Syrien, wo sie die Vormachtstellung einer religiösen Gruppe, der Alawiten, verteidigt - eine Armee des Volkes ist, die sich letztlich nicht gegen das Volk stemmt. Als nächster Schritt wird erwartet, dass die Regierung die Privatisierung der 4000 Fabriken einleitet, in denen überwiegend Konsumgüter hergestellt werden und die direkt oder indirekt den Streitkräften gehören. An ihrer Spitze standen bisher in der Regel pensionierte Generäle.
An einer weiteren Front nimmt das Störfeuer ab. Mursi empfing vor sechs Wochen 120 führende Unternehmer des Landes, die überwiegend loyal zu Mubarak waren, und bot ihnen eine Zusammenarbeit an. Er nahm viele von ihnen bei seinen Reisen nach Peking und Rom mit. Einige Unternehmer nutzen jedoch weiter ihre Medien, um die Straße aufzuwiegeln und die neuen Machthaber mit gezielten Falschmeldungen zu diskreditieren. Zeitungen wie „Dustur“ und „Watan“ behaupten etwa, dass jedes Mitglied von Hamas einen ägyptischen Pass bekommen solle, dass Ägypten in Libyen für die Hamas auf dem Gaza Waffen kaufe, dass die Muslimbruderschaft Qatar eine Lizenz für das Betreiben des Suezkanals von 99 Jahren geben wolle oder dass sich Mursis Frau für einen astronomischen Betrag auf Staatskosten ein Schwimmbecken im Garten ihres Hauses bauen lasse.
Nach zehn Wochen im Amt erfreut sich Mursi indes breiter Zustimmung, die deutlich seinen knappen Wahlerfolg von Mitte Juni übertrifft. Die Zeitung al Ahram veröffentlichte eine Umfrage, der zufolge 77 Prozent der Ägypter mit der Amtsführung Mursis zufrieden sind. 60 Prozent würden ihn wählen, fänden jetzt Wahlen statt. Groß sind die Hoffnungen nicht zuletzt, weil sich Delegationen mit Investoren aus den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien, Qatar und Großbritannien die Klinke in die Hand geben. Solange die Mehrheit der Ägypter mit Mursis Amtsführung zufrieden ist, verpuffen die Destabilisierungsversuche einiger Medien.