Spät abends im Kairoer Stadtteil Sayyida Zainab: Nach Norden liegt der Tahrir-Platz in Luftlinie nur einen Kilometer entfernt. Das Militär hat aber acht Straßenblockaden aus Betonklötzen um den Platz errichtet. Sie zwingen die Ultras von Al Ahli zu einem weiten Umweg, bis sie endlich in die hell erleuchtete Nasriyah-Straße gelangen, zu den Teehäusern, wo sie sich jeden Abend treffen.
In allen Städten Ägyptens sind die „Ahlawis“ organisiert, die Ultras des Fußballvereins Al Ahli, deren Kleidung und Flaggen die ägyptischen Nationalfarben Rot und Weiß sowie den schwarzen Adler zeigen. Doch in Sayyida Zainab, von wo aus sie während der Revolution auf den Tahrir-Platz gezogen sind, ist ihr harter Kern zu Hause.
Chaled sitzt mit seinen Freunden vor einem Teehaus und zieht an seiner gluckernden Wasserpfeife. Der Fußball, sinniert er, sei das Wichtigste in seinem Leben. Natürlich meint er den Fußball von Al Ahli. Der 1907 gegründete Fußballklub von Kairo ist der erfolgreichste in der Geschichte Afrikas. Drinnen, in einer Ecke des Teehauses hängt ein Fernseher. Die meisten Augen sind auf den Ansager fixiert. Es geht um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Ismailiya zu den Hintergründen des Todes von 74 Ahlawis in Port Said am 1. Februar. Nach dem Spiel waren sie regelrecht massakriert worden. „Natürlich war das eine Verschwörung“, raunen die Leute hier. An die Türpfosten des Teehauses haben sie ein großes Bild eines Spiels des SC Freiburg gegen Werder Bremen geklebt. Es zeigt Transparente von der Nordtribüne, auf denen den Ahlawis kondoliert wird. Chaled bekennt: „Eigentlich mögen wir Journalisten nicht.“ Aber nach der großen Welle von Solidarität und Sympathie aus Deutschland sei der Fremde ein gerngesehener Gast.
Fußball als Medium, um Überzeugungen auszudrücken
Fußball ist für diese jungen Männer zwischen 20 und 25 nicht nur die schönste Sache der Welt. Fußball ist auch das Medium, um ihre Überzeugungen auszudrücken. „Indem wir uns als Ahlawis organisieren, sagen wir Nein zum Regime“, sagt Essam, der sich in einem Plastikstuhl mit an den kleinen Tisch gesetzt hat, auf dem Gläser mit süßem Tee stehen. Für zwei Werte stehen sie ein: die bedingungslose „Leidenschaft“ für ihren Verein Al Ahli und die „Freiheit als Einzelne in diesem Polizeistaat“.
Die Ahlawi-Ultras haben sich erst 2007 organisiert. Ihr Verein war jedoch bereits bei der Revolution von 1919 gegen die Briten aktiv. Schließlich war der Führer der Revolution, Saad Zaghlul, damals Präsident des Klubs. „Das Schicksal hat uns wohl auferlegt, für unser Vaterland zu kämpfen“, wirft Kamal in die Runde, und einige skandieren den Schlachtruf der Ahlawis aus dem Stadion: „Wir sind Ägypten!“ Ahli ist unbestritten eine ägyptische Institution mit einer traditionsreichen Geschichte, und die Ultras von heute knüpfen an die Revolution von 1919 an.
In Ägypten sind wenige Institutionen so gut organisiert wie die Ahlawi-Ultras. „In weniger als einer Stunde können wir 500 Leute zusammenbringen“, sagt einer ihrer Anführer stolz. Eine Handvoll intellektueller Fußballfans hatte vor fünf Jahren den Verein der Ultras mit dem Ziel gegründet, die Leidenschaft der Anhänger zu kanalisieren und für aufgeheizte Stimmung in den Stadien zu sorgen. Rivalen wie Zamalek, Ismailiya und andere kopierten gleich das Modell. Wer Mitglied wird, verpflichtet sich, einmal in der Woche an Treffen teilzunehmen und so viele Spiele wie möglich zu besuchen.
Anarchistische Neigungen weisen die Ahlawis entschieden von sich. Stolz sind sie aber darauf, es im Polizeistaat Ägypten als Erste gewagt zu haben, der Polizei die Stirn zu bieten und sie auch anzugreifen. Ihre Rolle vor der Revolution sei daher bedeutsamer als die während der Revolution auf dem Tahrir-Platz, glaubt Essam. Das geht darauf zurück, dass die dem Innenministerium unterstehende „Staatssicherheit“ in den vergangenen Jahrzehnten alle Bereiche der ägyptischen Gesellschaft wachsam beobachtete und sie mit eiserner Hand kontrollierte. Sie infiltrierte alle Parteien und Gewerkschaften, alle Verbände und Vereine. Niemand sollte auf eigene politische Gedanken kommen.
Die Staatssicherheit wollte daher auch die Ahlawis im Griff haben, damit sie keine politische Gefahr würden. „Indem sie das versuchten, haben sie aber erst das geschaffen, vor dem sie sich gefürchtet haben“, sagt Kamal. Denn die Freiheit ist den Ultras heilig. Woche für Woche lieferten sich die immer erfolgreicher agierenden Ahlawis Schlachten mit der Polizei, und auf den Rängen verhöhnten sie den Innenminister Habib Adli, den außer ihnen jeder Ägypter gefürchtet hatte. Im Gegenzug verhaftete die Staatssicherheit willkürlich Ultras. Jeder in der Teehausrunde kennt Ägyptens Gefängnisse von innen. Essam war einmal an einem Tag, an dem er zu Fuß unterwegs war, mit der fadenscheinigen Behauptung verhaftet worden, er sei wohl in falscher Richtung in eine Einbahnstraße gefahren. Als ein Polizist ihm Handschellen anlegte, sagte er: „Junge, heute kommst du gut weg, das nächste Mal stecken wir Drogen in dein Auto.“
Offiziell hatten die Ahlawis nicht dazu aufgerufen, auf dem Tahrir-Platz für den Sturz des Regimes zu kämpfen. Dennoch haben furchtlos mehrere tausend von ihnen die Phalanx gebildet, um die etwas zarteren Facebook-Aktivisten in der Mitte des Platzes zu schützen. Ein Wendepunkt war für sie aber, als am 22. November 2011 ihr Mitglied Muhammad Mustafa auf dem Tahrir-Platz durch einen Schuss in den Rücken getötet wurde. Der Neunzehnjährige hatte gerade ein Stipendium bekommen, um im Ausland zu studieren. Die Ahlawis gedachten seiner im Stadion und machten „Kriminelle“ für den Mord verantwortlich, wohl wissend, dass ihn die Militärpolizei auf dem Gewissen hatte.
Jeder Zehnte überlebte die nächsten Minuten nicht
Eine erste Warnung bekamen sie beim nächsten Auswärtsspiel in Mahalla al Kubra, als die lokalen Ultras die Ahlawis angriffen und die Sicherheitskräfte erst im letzten Moment eine blutige Auseinandersetzung verhinderten. „Den Hohen Militärrat kritisierten wir aber weiter“, sagt Essam. Dann reiste Al Ahli am 1. Februar nach Port Said. Unter den Zuschauern waren 700 Ahlawis, aus acht Städten Ägyptens waren sie angereist. Nach dem Schlusspfiff fielen Tausende mit Messern und Eisenstangen, die gar nicht im Stadion hätten sein dürfen, über die Gäste her. Jeder Zehnte von ihnen überlebte die nächsten Minuten nicht. Einigen der Getöteten kritzelten die Mörder Beleidigungen auf die Stirn. Hunderte wurden verletzt.
Wenn die Ultras von der „Verschwörung“ an jenem Tag in Port Said berichten, erzählen sie, dass 18.000 Menschen im Stadion waren, aber nur 12.000 Karten verkauft worden waren. Die Eingänge waren nicht kontrolliert worden, und nach dem Spiel waren die Ausgänge blockiert. Überraschend wenige Polizisten sollten für Ordnung sorgen, keiner griff ein. „Die Polizei machte sich damit zum Komplizen der Mörder“, wettert Chaled. Für alle in dem Kreis seht fest, dass jene, die ohne Eintrittskarte ins Stadion gelangt waren, im Auftrag oder Interesse von Leuten des Regimes gewütet haben.
Den Ermittlern vertrauen die Ahlawis: „Sie arbeiten wirklich hart.“ Dennoch stellen die Ultras die Frage: „Welche Wahrheit wird im Abschlussbericht stehen?“ 52 Personen wurden nach der Schlacht im Stadion verhaftet. Ende vergangener Woche wurde von der Generalstaatsanwaltschaft Kairo gegen 75 Personen Anklage erhoben, unter ihnen auch gegen neun Polizisten, denen Fahrlässigkeit vorgeworfen wird, weil sie die Gefahr der Ausschreitungen unterschätzt hätten.
Die Ahlawis fordern eine Zwangsrelegation von Port Said in die zweite Liga und dass im dortigen Stadion nie wieder Fußball gespielt werde. Immerhin hat der nationale Fußballverband, der stets gehorsam den Befehlen des Regimes gefolgt war, die Saison für beendet erklärt. Nun will sich Al Ahli auf die afrikanische Champions League konzentrieren, und die Ahlawis wollen den Sieg ihren „74 Märtyrern“ widmen. Denn als Märtyrer gilt in der islamischen Tradition, wer hinterrücks und schuldlos getötet wird. Für den folgenden Tag bereiten die Ahlawis an diesem Abend einen Gedenkmarsch für ihre Märtyrer vor.
Nicht gut zu sprechen ist Kamal auf den ägyptischen Nationalspieler Muhammad Zidan vom FSV Mainz 05. Der stamme doch aus Port Said und habe erst jüngst wieder den gestürzten „Pharao“ Husni Mubarak, dem er einst die Hand geküsst hatte, „seinen Vater“ genannt, empört er sich. „Wer immer nur Sklave war, kann sich an kein anderes Schicksal mehr gewöhnen.“