Ägyptens künftiger Präsident Muhammad Mursi will eine Frau oder einen christlichen Kopten als einen seiner drei Stellvertreter ernennen. Das berichteten ägyptische Medien am Dienstag. Für den Posten des Ministerpräsidenten ist Mohammed El Baradei im Gespräch, der frühere Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2005. Mursi hatte sich in der Stichwahl um die ägyptische Präsidentschaft gegen den früheren General Ahmed Schafik durchgesetzt. Wegen der weit verbreiteten Vorbehalte gegen die bis Sonntag von ihm geführte islamistische Partei für Freiheit und Gerechtigkeit ist Mursi darum bemüht, Politiker aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen einzubinden.
Ein Sprecher Mursis hatte am Montagabend ein Interview des designierten Präsidenten mit der iranischen Nachrichtenagentur Fars dementiert. „Herr Mursi hat dieser Agentur kein Interview gegeben, und das, was darin veröffentlicht wurde, entbehrt jeder Grundlage“, zitierte ihn die staatliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena. In dem Gespräch, das noch am Dienstag auf der Fars-Webseite aufzurufen war, soll Mursi die Verbesserung der ägyptischen Beziehungen zu Iran angekündigt haben, um „ein wirksames strategisches Gleichgewicht in der Region“ herzustellen. Eine später von der Seite genommene Tonaufnahme des Gesprächs ließ sich nicht auf ihre Echtheit überprüfen. Fars gibt an, einer ihrer Reporter habe das Interview am Sonntag kurz vor Mursis Ausrufung zum Wahlsieger geführt.
Erster Zivilist an der Staatsspitze seit Gründung der Republik
Nach dem ägyptisch-israelischen Friedensschluss 1979 hatte Teheran die diplomatischen Beziehungen zu Kairo abgebrochen. Noch 2009 kam es zu erheblichen außenpolitischen Spannungen, als ein von Iran unterstütztes Netzwerk Waffen an die palästinensische Hamas geschmuggelt und Anschläge auf israelische Touristen geplant hatte. Erst seit dem Sturz Mubaraks ist wieder ein iranischer Botschafter in Ägypten akkreditiert. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad bezeichnete Ägypten am Montag als „freundliches und brüderliches Land“ und forderte Mursi auf, „die Verbindungen zwischen beiden Staaten zu stärken“. Ein Sprecher des Weißen Hauses äußerte die Erwartung, Mursis Regierung werde „Ägyptens Rolle als Säule des Friedens, der Sicherheit und Stabilität in der Region“ weiter wahrnehmen. Der erste Zivilist an der Staatsspitze Ägyptens seit Gründung der Republik 1953 soll am Samstag vereidigt werden.
Der Mursi in der Stichwahl unterlegene Ahmad Schafik verließ am Dienstag Ägypten in Richtung Abu Dhabi. Am Montag hatte der Generalstaatsanwalt einen Untersuchungsrichter mit Korruptionsermittlungen gegen den Luftwaffengeneral und letzten Ministerpräsidenten des gestürzten Präsidenten Mubarak betraut. Schafik wird vorgeworfen, in seiner Zeit als Minister für Luftfahrt in illegale Landgeschäfte und andere Formen der Korruption verwickelt gewesen zu sein.
Was will Mursi ?
Carsten Berg (Carberg)
- 27.06.2012, 10:02 Uhr
Ablenkungsmanöver
Martin Arzberger (ArzbergerTS)
- 26.06.2012, 19:44 Uhr