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Ägypten In Kampfbereitschaft

 ·  Gegner und Anhänger von Präsident Mursi rüsten sich für einen heißen ägyptischen Sommer - im Hintergrund mischt das alte Regime kräftig mit.

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© AP Vergrößern Protest gegen Muhammad Mursi am Sonntagabend vor dem Präsidentenpalast in Kairo

Islam Sanad will bleiben. Wenn es sein muss, wieder mehrere Wochen lang. Am Samstag hatte er schon sein Zelt auf dem Tahrir-Platz aufgeschlagen, so wie im Januar und Februar 2011, als er hier im Zentrum Kairos gegen Husni Mubarak demonstrierte oder in den Monaten danach gegen den Hohen Militärrat unter Feldmarschall Muhammad Hussein Tantawi. Gemeinsam mit seinem Bruder und einem Freund steht der 26 Jahre alte Designer vor seinem weißen Unterschlupf, rund um das Trio liegen Männer auf großen Pappen auf dem Boden.

Schon die erste Nacht des Protests gegen Muhammad Mursi hat die Menschen erschöpft. Ein Jahr ist der erste zivile Präsident Ägyptens nun im Amt, Millionen stimmten vergangenen Sommer für den Islamisten - Säkulare, Sozialisten und Liberale, Arme und Reiche. Doch zwölf Monate später haben sie genug von der Herrschaft Mursis und seiner Muslimbrüder. Weiße Planen sind aufgespannt, um die Demonstranten vor der Sommerhitze zu schützen, an den Schnüren hängen Plakate. „Irhal!“ steht darauf, „Geh!“, darunter das bärtige Gesicht des ungeliebten Staatschefs. Solange dieser im Amt bleibe, werde er auch bleiben, sagt Sanad: „Kein Präsident wird uns noch einmal unsere Freiheit nehmen.“

Mursi ringt um die Kontrolle der Sicherheitsapparate

Seit Mursis Rede an die Nation in der Nacht auf Donnerstag ist der Tahrir-Platz wieder das, was er im Winter 2011 war: der Sammelpunkt der Unzufriedenen. Doch drei Sommer später ist die Zuversicht und Offenheit der Anti-Mubarak-Bewegung verflogen. Skepsis schlägt Ausländern entgegen, der Umgangston ist ruppig, die Stimmung angespannt. Acht Tote hat es allein bis Sonntag abend  gegeben, ein Amerikaner wurde erstochen, die anderen Opfer erschossen. Nicht in der Hauptstadt, sondern im Norden des Landes, in Alexandria und im Nildelta. Die meisten der Getöteten waren Muslimbrüder. Den Sicherheitskräften gelang es nicht, die Büros der Bewegung zu schützen, der auch Mursi bis zu seinem Amtsantritt vor einem Jahr angehörte.

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© dpa Vergrößern Zehntausende demonstrieren in der Nacht zum Montag vor dem Präsidentenpalast in Kairo

Wer die Schüsse abgab, ist unklar. Gewiss ist nur, dass Kräfte des alten Regimes kräftig mitmischen in der Protestbewegung, wenn auch versteckt im Hintergrund. Sanad öffnet den Eingang eines Zeltes, das voller Holz- und Eisenstangen steckt. Polizisten sind auf dem Tahrir-Platz nicht zu sehen, bis zum Anbruch der Dunkelheit haben sie sich hinter dem Ungetüm von Verwaltungsbau, der Mugamma, an der Stirnseite des Platzes verschanzt. „Polizei des Volkes“ steht auf den blauen Mannschaftswagen, Uniformierte schleppen Tränengaskanister heran. Hohe Mauern aus dicken Steinquadern versperren den Demonstranten die Fluchtwege am Südende des Tahrir-Platzes.

In seiner Rede hatte Mursi führenden Funktionären der Mubarak-Ära vorgehalten, die junge Demokratie zu sabotieren. Das werde er nicht dulden. Doch wie weit seine Macht wirklich reicht, werden erst die nächsten Tage zeigen: Zwölf Monate nach Amtsantritt ringt der erste zivile Präsident des Landes weiter um die Kontrolle der rivalisierenden Sicherheitsapparate. Missmanagement seiner Minister und Sabotage durch Männer des alten Regimes, vor allem in Justiz und Wirtschaft, haben ihn als Präsidenten arg in Bedrängnis gebracht.

Schattengefechte in der Sommerhitze

Vor einem Jahr stand Mursi noch selbst auf dem Tahrir-Platz, umjubelt von seinen Anhängern. Beherzt schob er die Leibwächter beiseite und riss sein Sakko weit auf: Seht her, rief er der Menge zu, eine kugelsichere Weste brauche ich nicht, ich fürchte niemanden außer Gott. Doch nur fünf Monate später ließ er selbst auf Demonstranten schießen. Die Schonfrist, die ihm Revolutionäre der ersten Stunde gewährten, war damit vorbei. Seitdem ist er in den Augen der meisten, die heute ins Zentrum Kairos gekommen sind, auch nicht besser als der gestürzte Machthaber. „Er hat Blut an den Händen, wie Mubarak“, sagt Islam Sanad. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Bild von Gaber Saleh, genannt Gika. Der 16 Jahre alte Schüler war der erste tote Demonstrant unter Mursi. Seit seinem Tod im November 2012 unweit der kleinen Zeltstadt, die Sanad und seine Genossen errichtet haben, ist Gika zur Ikone der neuen Protestbewegung geworden. Sein Gesicht prangt auf Häuserwänden im ganzen Land.

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