Das Freitagsgebet ist an diesem Tag ein ägyptisches Stoßgebet. Dass wieder Tausende kommen mögen, dass Wut über Angst obsiege, dass endlich Schluss sei mit Mubarak, mit der Unfreiheit, mit der Rückständigkeit, mit der Vetternwirtschaft, mit der Vergangenheit. Und: Dass alles friedlich ausgehen möge.
Wer auch immer die Gebete der Ägypter an diesem „Freitag der Wut“ erhört, es sieht nicht gut aus mit dem Frieden. In den Straßen und auf den großen Plätzen Kairos sind endlose Fahrzeugkolonnen der Polizei zu sehen, beziehen Wasserwerfer Stellung, werden Sperren errichtet, warten Hundertschaften mit Tränengas, Gummigeschossen und scharfer Munition, wo immer das Regime mit Demonstrationen rechnet. Ob auf dem Tahrir-Platz, wo es am Dienstag schwere Zusammenstöße gab, vor dem Präsidentenpalast, wo Husni Mubarak zum Gespenst zu werden droht, ob vor der Al-Aschar-Universität, wo Ägypten seine Zukunft beschwört, oder vor der Mustafa Mahmud Moschee im Stadtteil Giza, wo Mohamed El Baradei das Freitagsgebet besucht - die Bereitschaftspolizisten sind überall.
Denn überall könnten Kundgebungen stattfinden. Kaum sind die Freitagsgebete um halb zwei vorüber, gibt es die ersten Demonstrationen. In den Seitenstraßen versammeln sich die Leute, halten schon Kundgebungen ab, bevor sie sich nach vorne auf die Plätze wagen. Barrikaden brennen. Bald beißt Tränengas in den Augen. Schüsse krachen. Büros der Nationaldemokratischen Partei Mubaraks gehen in Flammen auf. Mehrere Blocks weiter aber haben die Straßencafés geöffnet. Nichts passt mehr zusammen an diesem Tag in Kairo. Über der Innenstadt hängt schwarzer Rauch. „Nieder mit Mubarak!“ skandieren die Leute, die wild entschlossen sind. „Wir haben genug! Wir haben genug!“ Und: „Revolution bis zum Sieg!“ Wenigstens dieser Teil des ägyptischen Stoßgebets wurde also erhört: Die Opposition lässt sich nicht kleinkriegen. Doch wie und wo wird dieser Tag noch enden?
Twitter und Facebook sind tot
Mit dem martialischen Aufmarsch der Polizei am Morgen schwirren Gerüchte durch die Hauptstadt. Im ganzen Land war das Internet blockiert. Twitter und Facebook sind tot. SMS-Nachrichten konnten nicht mehr versendet werden. Später ging auch über Mobilfunk nichts mehr. Hatten die Soldaten den Schießbefehl erhalten? Hatten sie Provokationen vorbereitet? Waren Polizeifahrzeuge schon mit Benzin übergossen worden, bevor sie überhaupt zum Einsatz kamen? Gibt es Überläufer? Was macht die Armee?
Die Opposition ist auf all das, auf die Versuche, der Proteste durch Knebelung Herr zu werden, gut vorbereitet, wenigstens glaubt sie es. „Wir haben schon gestern Treffpunkte verabredet“, sagt Esraa. Die junge Frau, „unabhängige Aktivistin“, arbeitet mit der Facebook-Bewegung „6. April“ zusammen. Die hatte im April 2008 Arbeiterproteste in der Industriestadt Mahalla al Kubra unterstützt, indem sie auf Facebook zum Streik aufrief. Es funktionierte. Jetzt hat sich der Protest längst vom Internet auf die Straße verlagert. Niemand muss niemandem mehr auf Facebook sagen, wann und wo es worum eigentlich geht. Und auch gegen die Blockade der Mobilfunknetze hat sich die Bewegung jetzt gewappnet. „Wir werden Gruppen bilden, in denen Leute mit Telefonen aller Anbieter dabei sind.“
Die Ärzte sind auf alles vorbereitet
„Die Leute wissen ohnehin, wohin sie gehen müssen“, sagt Doktor Farouk. Der Arzt kümmert sich mit einigen Kollegen um die Verletzten bei den Demonstrationen. Sie leisten Erste Hilfe und haben private Hilfsstationen eingerichtet. Sie sind wirklich auf alles vorbereitet. Farouk berichtet, es seien nicht nur in Suez und anderswo, sondern auch in Kairo Leute mit Schusswunden behandelt worden. Die Brutalität der Sicherheitskräfte kenne keine Grenzen. Sie holten sich die Demonstranten auch aus den Krankenhäusern, egal, ob sie verletzt seien. Ärzte weigerten sich, Patienten an die Sicherheitskräfte auszuliefern. In der Ärztevereinigung sei ein entsprechendes Manifest verbreitet worden. „Wir sind keine Demonstranten“, sagt Farouk. „Es geht nicht um Politik, sondern um die Menschenwürde.“
In Suez hatte es am Donnerstag Straßenschlachten bis in die Nacht zum Freitag hinein gegeben. Das Fernsehen zeigte Bilder von Polizisten, die versuchten, aufgebrachte Jugendliche mit Tränengasgranaten und Gummigeschossen zu vertreiben. Es soll auch hier scharf geschossen worden sein. Hunderte hatten in der Stadt die Freilassung von Demonstranten gefordert, die bei den Protesten in der Stadt Anfang der Woche festgenommen worden waren, 300 bis 400 sollen es angeblich sein, vielleicht aber auch viel mehr. Eine Feuerwache und eine Polizeistation gingen in Flammen auf. Auch das Hauptquartier der Präsidentenpartei NDP ging in Flammen auf. Dann marschierte die Armee in Suez auf, wie in Alexandria - wie bald auch in Kairo?
Die Opposition sieht diesen Moment als ihre einzige Chance
Die Opposition macht sich Mut. Manche sagen: den Mut der Verzweiflung. Noch am Donnerstag hieß es in den Internetforen des Aufstands, es gebe nur diese eine Chance und die müsse man jetzt nutzen. Diese Woche sei nur der Anfang. „Wir werden keine weiteren dreißig Jahre warten.“ Am Nachmittag heißt es, ganze Hundertschaften seien in Alexandria zur Opposition übergelaufen, verhielten sich jedenfalls nicht ihrem Auftrag gemäß, den Protest niederzuknüppeln. Fernsehbilder zeigen Polizeiketten, die zurückweichen. In Internet-Foren hieß es schon in den vergangenen Tagen, die Polizisten seien erschöpft, ihre Moral lasse nach. Die Protestbewegung bekomme immer größeren Rückhalt.
Tatsächlich sind mehr und mehr Oppositionsgruppen auf den Zug aufgesprungen. Schließlich hat auch die Führung der islamistischen Muslimbruderschaft ihre Zurückhaltung aufgegeben und sich nach einigem Zögern mit den Demonstranten solidarisiert. Für das Regime des Präsidenten war das ein empfindlicher Schlag. Keine Oppositionsgruppe ist größer, keine kann so viele Leute auf die Straße bringen wie die Muslimbrüder. Doch keine ist auch so unberechenbar. „Wir machen keine Werbung für diese Bewegung, aber wir bewegen uns mit ihr“, verkündete die Führung der Organisation. „Wir wollen sie nicht anführen, aber wir wollen Teil davon sein.“ Prompt richtete sich die Verhaftungswelle auch gegen sie.
Eines der ersten Opfer des Kairoer Belagerungszustands ist am Freitagmittag El Baradei, der Friedensnobelpreisträger, der im Juni ein Oppositionsbündnis schmiedete und nun zum Hoffnungsträger des ägyptischen Ablegers der tunesischen Jasminrevolution geworden ist. Donnerstagabend war er in seine Heimat zurückgekehrt, am Morgen erwarten ihn die Wasserwerfer vor der Moschee in Giza. Dann wird der Platz vor der Moschee abgeriegelt. El Baradei sei festgesetzt, sei in die Moschee geflüchtet, die Moschee sei von Polizei umzingelt, melden kurz darauf die Nachrichtensender.
Vor einem Jahr badete Baradei noch in der Menge
Dabei hatte seine Rückkehr so unspektakuläre Züge. Dutzende seiner Anhänger, Freunde und Journalisten nahmen ihn am Flughafen in Empfang. Wie anders waren die Bilder vor knapp einem Jahr! Als der ehemalige Direktor der Atomenergiebehörde in Wien im Februar 2010 nach Ägypten kam, hatten ihn noch viele hundert Anhänger am Flughafen abgeholt. Es war ein Bad in der Menge, ein triumphaler Empfang für El Baradei. Erst an diesem Freitag morgen vor der Moschee wird er von Menge förmlich zum Gebet getragen.
Seine Botschaft an Mubarak, den Präsidenten, den seit Tagen niemand mehr gesehen oder gehört hat, er werde nach seinem Sturz die Übergangsregierung anführen, ist alles, was das Programm der Opposition darüber aussagt, wie es weitergehen könnte. „Es ist ein Prozess“, sagte Baradei am Flughafen. „Eine Hand ist ausgestreckt, aber die Führung muss verstehen, dass Wandel absolut notwendig ist.“ Das Regime müsse den Menschen zuhören, ihre Sorgen und Bedürfnisse ernst nehmen. „Die Jugend hat ihre Geduld verloren“, sagte El Baradei und er versicherte: „Es sind meine Leute, ich muss bei ihnen sein, und ich hoffe auf ein neues Ägypten.“
Wer jetzt noch zögert, macht sich schuldig
Ob Baradei jetzt der Kopf der Protestbewegung wird, muss sich erst noch zeigen. Dass er nach Kairo kam, nährte die Hoffnung, dass er die Opposition vor der harten Hand des Regimes schützen könne. Doch als Heilsbringer wird Baradei nicht gefeiert. Viele nehmen es dem einstigen Karrierediplomaten übel, dass er sich erst nach drei Tagen des Protestes und des Blutvergießens auf den Weg nach Ägypten gemacht hat. „Er ist gekommen, als die Drecksarbeit schon getan war“, sagt eine Bloggerin, als ob das Ziel der Proteste, der Umsturz, ein zweites Tunesien mit weit größerer Ausstrahlung, schon in greifbarer Nähe wäre. Aber es soll wohl auch heißen: Jetzt oder nie, und wer jetzt noch zögere, mache sich schuldig.
Auch für die Aktivistin Esraa ist dieser Freitag ein Tag, an dem es keine Angst mehr geben darf. „Wir sind schon oft genug verprügelt worden“, sagt sie, „wir kennen das.“ Doktor Farouk fürchtet die Polizei nicht. Bevor er sich am Morgen auf den Weg zur Demonstration machte, zu irgendeiner dieser vielen Demonstrationen im Kairo der Stoßgebete, hatte er noch über seine mögliche Verhaftung gewitzelt. „Ruf mich heute Abend an. Wenn du mich nicht erreichst, dann bin ich im Gefängnis“, sagte er und lachte. Wenige Stunden später, bei Anbruch der Dämmerung, rückt die Armee in Kairo ein.
Es knirscht im Gebälk und bald bricht es
Antonio Dold (Andold)
- 28.01.2011, 14:27 Uhr
Da habe ich schon einen Schrecken bekommen!
Thomas Berger (tberger)
- 28.01.2011, 14:49 Uhr
Die Wut springt auf die Straße und
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 28.01.2011, 15:32 Uhr
Hochachtung für den Mut der Araber! Wir hatten es ihnen nicht zugetraut...
Johannes Schreckenberger (korsika1981)
- 28.01.2011, 17:28 Uhr
Pulverfass Arabien
thomas ackermann (chefmixer)
- 28.01.2011, 19:19 Uhr