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Ägypten Der Sinai als Rückzugsgebiet

 ·  Dschihadisten nutzen das Sicherheitsvakuum und die Unzufriedenheit der Beduinen auf dem Sinai. Mit Israels Erlaubnis hat Ägypten seine Militärpräsenz dort massiv erhöht.

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© AFP Ägyptische Sicherheitskräfte vor der Abfahrt in den Sinai

Der Sinai ist zweigeteilt. Die Urlauber kennen lediglich die Badeorte wie Scharm al Scheich, Dahab und Taba südlich einer unsichtbaren Grenze. Nördlich davon finden Schmuggler und islamistische Extremisten ein ideales Rückzugsgebiet. Im Schutz von etwa 100.000 Beduinen, die sich in einer nie endenden Fehde mit der Zentralregierung in Kairo befinden, und im Schutz der Gebirgsregion Hilal, die ein wenig an das afghanische Tora Bora erinnert, entziehen sie sich dem Zugriff der ägyptischen Sicherheitskräfte.

Die Beduinen des Sinai sind kulturell konservativer als die meisten Ägypter, und sie praktizieren den Islam strikter. Sie machen daher nicht nur mit den Schmugglern gemeinsame Sache, sondern geben auch fremden Dschihadisten Deckung. Die Terroranschläge gegen die Badeorte auf dem Sinai von 2004 bis 2006 waren das Werk einheimischer Beduinen und externer Dschihadisten. Heute vermuten Ägypten und Israel aber, dass an dem Anschlag am vergangenen Sonntag Beduinen nicht beteiligt waren. Klarheit soll die Identifizierung der Leichname von vier der acht getöteten Extremisten geben, die Israel an Ägypten übergeben hat.

Am Sonntagabend hatten mutmaßlich 35 islamistische Extremisten einen ägyptischen Kontrollposten an der Grenze zu Israel angegriffen. Sie töteten 16 Grenzpolizisten und zwangen einen, mit einem Wagen den Grenzzaun zu Israel zu durchbrechen. Die israelische Luftwaffe reagierte umgehend und beschoss die Angreifer. Mehr als zwei Dutzend der Attentäter sollen aber weiter auf der Flucht sein. Um sie zu verfolgen, arbeiten Ägypten und Israel zusammen. Beide Seiten stünden in ständigem Kontakt, sagte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak. Dadurch sei ein noch größerer Anschlag vereitelt worden.

Seit vergangenem Jahr erhöhte Militärpräsenz

Der Friedensvertrag, den Israel und Ägypten 1979 in Camp David unterzeichneten, hatte zunächst den Sinai entmilitarisiert. Israel gestand Ägypten jedoch die Entsendung von Sicherheitspersonal zu, das desto stärker ausgedünnt zu sein hatte, je näher es der Grenze zu Israel kam. Die auf dem Sinai tätigen Grenzpolizisten unterstehen indes nicht dem ägyptischen Innenministerium, sondern dem Verteidigungsministerium. Erst im vergangenen Jahr erlaubte Israel der Armee, auch Panzer und anderes schweres Gerät auf den Sinai zu bringen. Anlass waren die Anschläge auf die Gasleitung von Ägypten nach Israel und Jordanien, die es seit dem Sturz Mubaraks nahezu im Monatsrhythmus gibt.

Erstmals hat Israel im Februar 2011, dem Monat des Sturzes von Mubarak, die Stationierung von 800 Soldaten auf dem Sinai gestattet. Seit einem Jahr gesteht Israel zudem Ägypten einen weiteren Ausbau der militärischen Präsenz zu. Denn am 18. August 2011 hatte eine aus dem Sinai eingedrungene Terrorgruppe nahe des israelischen Badeorts Eilat acht Israelis getötet.

Einzelheiten zum Ausbau der militärischen Präsenz sind aber nie bekanntgegeben worden. Mutmaßlich hat die ägyptische Armee in den vergangenen Monaten mehrere Tausend Soldaten auf den Sinai entsandt. Seit Mittwoch bombardieren zudem ägyptische Kampfflugzeuge mutmaßliche Stellungen der Dschihadisten. Auch diese aufgestockte Präsenz wird jedoch kaum ausreichen, um die Dschihadisten, deren Zahl die ägyptische Regierung auf 400 schätzt, zu stellen. Auch ein früherer Leibarzt von Usama Bin Laden soll sich auf dem Sinai aufhalten oder zumindest aufgehalten haben. Die libanesische Hizbullah hatte zudem auf dem Sinai eine Spionage- und Terrorzelle mit dem Ziel aufgebaut, bei Bedarf die den Suezkanal passierenden Schiffe anzugreifen.

Bürger zweiter Klasse

Die Regierungen Ägyptens und Israels sind nun entschlossen, gegen die extremistische Gefahr auf dem Sinai vorzugehen. Allein mit ihren Soldaten und Waffen wird die ägyptische Armee die Dschihadisten nicht beseitigen können. Eine wirksame Kontrolle über den Sinai kann die Zentralregierung nur mit Hilfe der Beduinen ausüben. In vielen Ländern hatte sich erwiesen, dass die Bekämpfung des Terrors nicht mit Waffen allein erfolgreich ist, sondern durch das Austrocknen des Umfelds flankiert werden muss.

Die Regierung in Kairo hat die Beduinen in den vergangenen Jahrzehnten aber massiv gegen sich aufgebracht. Die Beduinen des Sinais fühlen sich zu Recht als Bürger zweiter Klasse. Während Kairo den Süden des Sinais großzügig ausgebaut hat, wurde im Norden die Infrastruktur vernachlässigt. Seit Jahrzehnten klagen die Beduinen über bürokratische Schikanen, etwa bei der Eintragung ihres Grundeigentums. Während der Süden der Halbinsel dank des Tourismus floriert, bleibt der Norden unterentwickelt. Die Menschen dort sind marginalisiert. Die Beduinenstämme wenden sich daher dem lukrativen Schmuggel durch die Tunnels mit dem Gazastreifen zu. Um sich die unbotmäßigen Beduinenstämme gefügig zumachen, hatten alle ägyptischen Regierungen allein auf Repression gesetzt. Tausende Beduinen landeten ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis, auch Frauen und Kinder. Um sie freizupressen, haben die Beduinen auch ausländische Urlauber entführt.

Den Terror wird die neue Regierung in Kairo auf dem Sinai nur dann besiegen, wenn sie gegenüber den Beduinen eine neue Politik einschlägt. Denn außer dem Schmuggel haben diese keine andere nennenswerte Einkommensquelle. Der Schmuggel aber ist lukrativ. In jedem Monat werden 3000 Menschen vom Sinai durch die Tunnels nach Gaza geschmuggelt. Unter ihnen befinden sich viele Flüchtlinge aus Afrika. Geschmuggelt werden Konsumgüter für die Zivilbevölkerung in Gaza, auch Rauschgift, Waffen und neuerdings Luxusautos, meist aus Libyen, an denen die Beduinen, die Betreiber der Tunnels und die Hamas verdienen. Von dieser Gesetzlosigkeit profitieren aber auch islamistische Extremisten, die durch die Tunnels unbemerkt zwischen dem Sinai und dem Gazastreifen hin- und herziehen und dabei Waffen für Angriffe gegen Israel mit sich bringen. Der jüngste Anschlag gegen den ägyptischen Grenzposten und das anschließende Eindringen nach Israel scheinen die nötige Sensibilisierung dafür geschaffen zu haben, dass Ägypten und Israel nur gemeinsam den Terror auf dem Sinai beenden können.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Politik.

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