Ein angebliches Interview der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Fars mit dem designierten ägyptischen Präsidenten Mohamed Mursi sorgt für Verwirrung. In dem Interview, das am Sonntag wenige Stunden vor Bekanntgabe des Ergebnisses der ägyptischen Stichwahl geführt worden sein soll, sprach sich Mursi für engere Beziehungen zum Iran und eine Überprüfung des Friedensabkommens mit Israel aus.
Ein Mitarbeiter Mursis sagte jedoch am späten Montagabend, das Interview habe gar nicht stattgefunden: „Es hat nie ein Treffen mit der iranischen Nachrichtenagentur Fars gegeben und die Aussagen entsprechen nicht der Wahrheit.“ Das Mursi-Interview war auf der Internetseite von Fars im Wortlaut zu lesen und auch zu hören. Allerdings war es Reuters nach eigenen Angaben nicht möglich zu überprüfen, ob es sich bei der Stimme tatsächlich um Mursis handelte. Sie soll „nicht hundertprozentig authentisch“ geklungen haben.
Die veröffentlichte Abschrift des Interviews sowie die Audio-Version beinhalteten umfassende Aussagen Mursis etwa zu Iran. „Wir müssen mit Iran normale Beziehungen aufnehmen, die auf gemeinsamen Interessen beruhen“, zitierte Fars Mursi. Dabei solle die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit ausgebaut werden.
Die diplomatischen Beziehungen beider Länder liegen seit mehr als 30 Jahren auf Eis. Für den Westen, der versucht, Iran wegen des Streits über dessen Atomprogramm international zu isolieren, wäre ein engeres Zusammenrücken Ägyptens mit der Islamischen Republik ein Affront. Die Vereinigten Staaten, wie andere westliche Länder enger Verbündeter Ägyptens unter dem früheren Machthaber Husni Mubarak, reagierten zurückhaltend auf die Vorschläge in dem Interview.
Zur Israel-Politik äußerte sich Mursi nach Angaben von Fars nicht ausführlicher. Doch eine Überprüfung des Friedensabkommens wäre das Gegenteil von dem, was der angehende Präsident noch am Abend seines Wahlsiegs in seiner ersten Fernsehansprache angekündigt hatte. Darin versprach Mursi, sich an internationale Abkommen zu halten. Experten halten es aber für unwahrscheinlich, dass Mursi so früh im Amt bereits einen größeren Kurswechsel in der Außenpolitik vollziehen könnte.
Mursi war am Sonntag zum Sieger der ersten freien Präsidentenwahl in Ägypten erklärt worden. Er soll am 1. Juli in sein Amt eingeführt werden, dessen Kompetenzen der herrschende Militärrat kräftig beschnitten hatte. Die gesetzgebende Gewalt liegt bis zur Neuwahl des aufgelösten und von islamistischen Kräften dominierten Parlaments bei der Generalität.
Die wahren Machtverhältnisse offenbarten sich am Montag auch beim Treffen Mursis mit dem Chef des Militärrats, Feldmarschall Hussein Tantawi. Gemeinsam mit dem von den Streitkräften eingesetzten Ministerpräsidenten berieten beide Männer im Verteidigungsministerium über die Regierungsbildung.