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Ägypten Am Tropf des Nils

 ·  Wer den Nil kontrolliert, kontrolliert Ägypten und den Norden Sudans - zwei Staaten, die in politische Machtkämpfe verwickelt sind. Die ostafrikanischen Staaten wehren sich derweil gegen einen bis heute gültigen Kolonialvertrag, der Ägypten das meiste Wasser zugesteht. Das könnte Amerika politisch nutzen.

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Der Nil ist nicht nur einer der längsten Flüsse der Welt, er ist zurzeit auch der am heftigsten umstrittene. Das hat mit Ägypten zu tun, das sich jeder Neuordnung der Wasserentnahme durch die Anrainerstaaten widersetzt und dabei auf einen Kolonialvertrag pocht, der aus dem Jahr 1929 stammt und Ägypten das meiste Wasser zugesteht. Alles andere, so ließ die ägyptische Führung noch im Mai 2010 wissen, als sich die flussaufwärts gelegenen Anrainerstaaten gegen Ägypten auflehnten, sei ein „Kriegsgrund“.

74 Milliarden Kubikmeter Wasser fordern Ägypten (55,5 Milliarden Kubikmeter) und Sudan (18,5 Milliarden Kubikmeter) zusammen. Die ägyptische Landwirtschaft hängt zu mehr als 97 Prozent am Tropf des Flusses, für den Norden Sudans beträgt dieser Wert mehr als 60 Prozent, da es im Süden des Landes bislang kaum eine nennenswerte Landwirtschaft gibt. Wer den Nil kontrolliert, kontrolliert Ägypten und den Norden Sudans und damit zwei Staaten, von denen der eine - Nordsudan - gerade angekündigt hat, sich nach der Trennung von Südsudan in eine islamische Republik umzuwandeln, und der andere - Ägypten - in politische Machtkämpfe verwickelt ist, bei denen die vom Westen gefürchtete Muslimbrüderschaft eine wichtige Rolle spielt. Der Nil ist damit zu einem politischen Faustpfand im Kampf gegen den radikalen Staatsislam geworden.

Ostafrika will Schluss machen mit dem Veto Ägyptens

Der Streit um das Wasser des Nils ist vermutlich so alt wie die Besiedlung entlang seiner Ufer. 1999 schließlich hatten sich die Anrainer Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Uganda, Demokratische Republik Kongo, Burundi, Tansania sowie Eritrea mit einem Beobachterstatus in der sogenannten „Nile Bassin Intiative“ organisiert, die den Umgang mit dem kostbaren Flusswasser regeln sollte. Doch Ägypten und Sudan pochten weiterhin auf die Wassermengen des alten Kolonialvertrags und gestanden den Nationen an den Oberläufen von Blauem und Weißen Nil lediglich zu, den Rest unter sich aufzuteilen.

Doch die flussaufwärts liegenden Staaten sind es leid, für „jeden Liter Wasser, den wir haben wollen, zuerst Ägypten um Erlaubnis zu fragen“, wie es der ugandische Präsident Yoweri Museveni auf seine bekannt direkte Art ausdrückte. Äthiopien, wo der Blaue Nil entspringt, hat ein ehrgeiziges Programm zur Entwicklung seiner Landwirtschaft verabschiedet und verpachtet gegenwärtig riesige Ländereien an ausländische Investoren. Allein die Produktion von Schlachtvieh soll in den kommenden Jahren verdreifacht werden. Zudem setzt das Land auf den Export von Schnittblumen und auf eine deutliche Steigerung seiner Kaffeeproduktion. Das steht und fällt indes mit den dafür benötigten zusätzlichen Wassermengen, die Ägypten Äthiopien verweigert.

Gleiches gilt für Uganda, Kenia und Tansania, die sich den Victoriasee teilen, aus dem der Weiße Nil entspringt. Uganda braucht Energie und hofft wie Tansania auf Wasserkraftwerke. Weil der Victoriasee zudem Teil des zentralafrikanischen Systems der „Großen Seen“ ist, erheben auch Kongo-Kinshasa, Burundi und Ruanda Anrecht auf den Nil. Ruanda etwa sucht sein wirtschaftliches Heil ebenfalls in der wasserintensiven Produktion von Schnittblumen für den europäischen Markt. Im Mai 2010 gründeten deshalb fünf der Anrainerstaaten - Äthiopien, Kenia, Uganda, Ruanda und Burundi - eine eigene Bewirtschaftungskommission, die Schluss machen soll mit dem Veto Kairos gegen Staudämme und Bewässerungsanlagen. Alleine 85 Prozent des Wassers des Blauen Nils aus Äthiopien fließen nach Ägypten - aus äthiopischer Sicht ein unhaltbarer Zustand.

Sudan könnte Ägypten das Wasser abgraben

Wie ernst die Verteilung des Wassers in dieser Region ist, zeigt die Geschichte. Neben dem Versuch Khartums, im christlich-animistischen Südsudan die islamische Rechtsprechung Scharia einzuführen, war der Umgang mit dem Nilwasser der zweite maßgebliche Grund für den Bürgerkrieg zwischen Norden und Süden. Von 1974 an hatte Khartum im Süden mit dem Bau des Jonglei-Kanals begonnen, der die Sudd-Sümpfe im Süden umgehen sollte, wo jährlich Millionen Kubikmeter Wasser verdunsten, und damit mehr Wasser nach Norden transportiert hätte. Die Folge indes wäre ein Austrocknen weiter Landstriche im Süden gewesen, denen die Sümpfe als Wasserspeicher dienen. Für die Viehherden der Südsudanesen hätte das den sicheren Tod bedeutet. Mit dem Ausbruch des Krieges 1983 endete das ehrgeizige Jonglei-Projekt.

Schließlich versuchten Khartum und Kairo Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihr Wasserproblem auf dem Umweg über Kongo-Kinshasa zu lösen. Das Land verfügt mit dem Kongo über einen der wasserreichsten Flüsse der Welt und die Idee war, ihn an seinem Oberlauf in Kisangani anzuzapfen und das Wasser über einen Kanal durch Darfur gen Khartum zu leiten. Damals war der Bürgerkrieg zwischen sudanesischen Norden und Süden noch in vollem Gange, womit der lediglich auf dem Papier existierende Kongo-Sudan-Kanal zu einem Politikum wurde. Die amerikanische Regierung unter Präsident Bill Clinton unterstützte die Rebellen in Südsudan und sah keine Veranlassung, bei den damals schon laufenden Verhandlungen zwischen Norden und Süden das wichtigste Druckmittel gegen Khartum, nämlich das Nilwasser, aus der Hand zu geben. Als dann der kongolesische Präsident Laurent-Desiré Kabila 2001 erschossen wurde, wurde das Kanalprojekt zu den Akten gelegt.

Heute aber sind die Voraussetzungen grundsätzlich anders, weil mit der Unabhängigkeit von Südsudan ein neuer Spieler aufgetaucht ist. Das Land verfügt kaum über Infrastruktur, ist dabei so groß wie Frankreich und braucht vor allem eines: Strom. Zu dessen Gewinnung eignet sich am besten der Nil und überall im Land, von Juba über Bor bis hinauf nach Malakal, werden inzwischen Machbarkeitsstudien für Wasserkraftwerke erstellt. Die ägyptische Regierung scheint sich bewusst zu sein, dass sie künftig ihren Anspruch auf den Großteil des Nilwassers nicht mehr aufrechterhalten kann, und hat über ihre Staatsbank inzwischen Hunderte Millionen Dollar in Südsudan investiert, um im Falle einer Verknappung des Wassers zumindest Lebensmittel aus Sudan importieren zu können.

Gleiches soll angeblich in Äthiopien passiert sein. Allerdings müssen die Regime in Kairo und Khartum mittlerweile feststellen, dass sie regelrecht umstellt sind. Äthiopien, Uganda und vor allem Südsudan sind verlässliche Stützen amerikanischer Einflusspolitik in Afrika. Wenn man so will, kontrolliert Washington nunmehr den Nil und hat damit ein Druckmittel an die Hand bekommen, gegen das auch ein islamistisches Ägypten kaum etwas auszurichten vermag.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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