22.08.2005 · Nachdem das israelische Militär die letzte von 21 Siedlungen im Gazastreifen geräumt hat, rechnet es mit erheblichen Widerstand im Westjordanland. Demonstranten verwandelten die Siedlung Sa Nur in eine Festung.
Am Montag ist im Gazastreifen die letzte der 21 israelischen Siedlungen geräumt worden. Nach einem feierlichen Gottesdienst in der Synagoge, an der auch Soldaten und Polizisten teilnahmen, verließen die Bürger der vielfach vom arabischen Terror heimgesuchten Ortschaft ihre Heimat.
Derweilen bereiten sich die Ordnungskräfte auf erheblichen Widerstand in Sa Nur und Homesch im nördlichen Westjordanland vor. In den beiden Orten leben zwar nur noch gut zwanzig Familien, aber etwa 2000 meist jugendliche Demonstranten „wollen es der Vertreibungstruppe heimzahlen, daß der Abzug aus dem Gazastreifen zu friedlich vonstatten ging“. In der Knesset mußte sich unterdessen Ministerpräsident Scharon der scharfen Kritik von Abzugsgegnern stellen.
„Keine weiteren einseitigen Abzüge“
Im Ausschuß für Außen- und Sicherheitspolitik wollte Scharon erstmals seit Beginn des Abzuges seine zukünftige Politik darstellen. Dabei wiederholte er seine These, es werde keine Verhandlungen mit Autonomiechef Abbas geben, solange nicht die militanten Gruppen entwaffnet seien.
Außerdem werde es „keine weiteren einseitigen Abzüge“ geben. Enklaven würden nur nach Verhandlungen aufgegeben, hatte er schon vorab in einem Zeitungsgespräch gemeint. Vor allem der ehemalige Minister Landau aber, der Führer der Likud-Rebellen gegen den Abzug, ließ Scharon kaum zu Wort kommen: „Du bist ein Lügner, Schwindler und hartherzig“, rief er und forderte Scharons Rücktritt. „Du brachtest Israel die Spitze der Korruption und bist es nicht wert, sein Premier zu sein.“
Ultraorthodoxe schwören „politische Rache“
Effi Eitam, bisher Führer der Nationalreligiösen, schwor „politische Rache“. Man werde Scharon „in einen Teil seiner Farm schicken, zwischen Mauern und Zäunen, und da wirst Du die Lämmer hüten wie jemand, der nicht geeignet ist, ein Land zu regieren.“ Bis vor Monaten hatten Eitam und Landau als Minister zur Koalition von Scharon gehört. Der Führer der Nationalen Union, Ariel, meinte, Scharon werde Israel „nie vergeben oder vergessen“. Unterdessen wurden am Montag auch einige hundert 500 Milchkühe und 300 Kälber aus dem Gazastreifen abgezogen.
Die Räumung des Gazastreifens mit seinen etwa 8.500 Siedlern endete so mehrere Tage früher als geplant. Dabei stießen die knapp 50.000 Soldaten und Polizisten im Wesentlichen nur bei den Synagogen von Kfar Darom und Neve Dekalim auf heftigen Widerstand. Das fand meist vor den Augen der Kameras statt. Am Montag in Netzarim wollten die Siedler keine Presse. Sie hielten ihre Vereinbarungen mit der Kommandoführung ein und nahmen noch vor dem Eingreifen der Soldaten den siebenarmigen Leuchter vom Dach der Synagoge.
Erheblicher Widerstand erwartet
Netzarim lag besonders isoliert und konnte nur mit speziell gepanzerten Fahrzeugen und im Armee-Konvoi erreicht werden. Immer wieder war es an der Straße zwischen dem Karni-Kontrollpunkt in Israel und Netzarim zu Terroranschlägen gekommen. An der Kreuzung zwischen dieser Straße und der palästinensischen Nord-Süd-Achse starb auch Mohammed al-Dura, eines der ersten Opfer der „zweiten Intifada“, dessen Tod durch ungezählte Schüsse in den Armen seines Vaters die Welt am Fernsehschirm miterlebte.
Für diesen Dienstag stellt sich die Armee auf erheblichen Widerstand bei der Räumung der letzten zwei Siedlungen im nördlichen Westjordanland ein. Demonstranten verwandelten Sa Nur in eine Festung; schon am Montag baten darum 17 Einwohner von Sa Nur vorab abziehen zu können. Radikale Jugendliche stemmten Vorräte auf das Dach eines steinernen Gebäudes aus der britischen Mandatszeit, das die auf einem Hügel liegende Siedlung überragt.
Andere verschweißten Metallstäbe zu einem Gitter, das die unbewaffneten Soldaten fernhalten soll. Auf dem Hof der „Zitadelle“ trainierten Freiwillige, jedes Stück Boden gegen die Sicherheitskräfte zu verteidigen. Schon am Sonntag waren Nationalisten auf dem Weg zur Siedlung verhaftet worden.
„Sie können uns nicht stoppen“
Doch trotz scharfer Bewachung gelang es weiteren Demonstranten, sich nach Sa Nur durchzuschlagen. Sie zählen meist zur extremistischen „Hügel-Jugend“, die keiner staatlichen Anordnung gehorcht und keinem Rabbiner.
Einer von ihnen kam am frühen Montagmorgen an - eine Pistole und ein großes Jagdmesser an seinem Gürtel. „Sie können uns nicht stoppen“, sagte der Jugendliche. „Wir sind hier, um zu kämpfen.“
Israel-Palästina: Räumung von Siedlungen
Jürgen Krombach (jkrombach1)
- 22.08.2005, 22:25 Uhr