Home
http://www.faz.net/-gq5-vwj3
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Naher Osten Schreckensherrschaft im Gazastreifen

17.11.2007 ·  Die Machtübernahme hat der Hamas kein Glück gebracht. Es herrscht Chaos. Und jetzt ist auch noch ein Führungskampf entbrannt

Von Michael Borgstede, Tel Aviv
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)

Ghazi Hamed war von Anfang an dabei, seit 25 Jahren gehört er der Hamas an. Die Mitgliedschaft hat ihn nicht nur für fünf Jahre in ein israelisches Gefängnis gebracht, auch die damals noch von der Fatah geführte Palästinenserregierung brachte ihn einst hinter Gitter, weil er als Chefredakteur einer Hamas-Zeitung davon berichtete, was in den Fatah-Gefängnissen hinter verschlossenen Türen geschieht.

Später stieg der überaus eloquente Hamed zum offiziellen Sprecher der Hamas im Gazastreifen auf. Auch der damalige Ministerpräsident der Organisation, Ismael Hanija, berief ihn zu seinem Berater. Doch nachdem sich die Hamas vor fünf Monaten in Gaza an die Macht putschte, trat Hamed zurück.

„Unvorstellbares Chaos“

In einem Ende August veröffentlichten Zeitungsartikel sparte er nicht mit Kritik: „Wer heute durch die Straßen von Gaza-Stadt läuft, kann nur die Augen schließen angesichts des dort herrschenden unvorstellbaren Chaos . . . Gaza leidet unter der Anarchie und dem Schwert der bewaffneten Räuberbanden.“ Hamed kommt zu dem Schluss, die Machtübernahme sei ein Fehler gewesen.

Das hörte die Hamas-Führung natürlich nicht gern. Er solle seine Angriffe zurücknehmen, hieß es. Doch Hamed legte nach. In einem ausführlichen Brief an die Führer der Hamas beklagt er Ende Oktober, dass die Organisation die Orientierung verloren habe und nicht wisse, wie es weitergehen solle. „Wir sind alle vom Bakterium der Dummheit befallen“, schreibt er.

„Wir haben Angst, über unsere eigenen Fehler zu sprechen, wir haben uns daran gewöhnt, andere für unsere Fehler verantwortlich zu machen. Aber was haben Chaos, Anarchie, Rechtlosigkeit, unablässiges Morden, Landraub, Familienfehden und Verkehrschaos mit der Besatzung zu tun?“ Die Palästinenser seien in ihrem Glauben an Verschwörungstheorien gefangen. „Diese Mentalität hat unsere Fähigkeit zu denken eingeschränkt.“

Beliebtheit der Fatah wächst

Hamed steht mit seiner Unzufriedenheit nicht allein. Eine Umfrage des „Medien- und Kommunikationszentrums“ in Jerusalem erbrachte jüngst für die Hamas erschreckende Ergebnisse. Während die Beliebtheit der Fatah seit September 2006 von 30,6 Prozent auf heute 40 Prozent gestiegen ist, verlor die Hamas im selben Zeitraum 10 Prozentpunkte und wird nur noch von 19,7 Prozent der Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen unterstützt. Immerhin ist der offizielle Führer der Hamas, Ismael Hanija, noch immer der zweitbeliebteste Politiker im Land – direkt nach Präsident Machmud Abbas.

Wahrscheinlich hat Hanija im Gazastreifen aber mittlerweile ungefähr genauso wenig zu sagen wie Abbas. Der israelische Geheimdienst vermutete, dass höchstens 20 bis 30 Prozent der Hamas-Sicherheitskräfte im Gazastreifen auf den von Abbas abgesetzten Hamas-Ministerpräsidenten hören. Und während Hanija eingesehen haben soll, dass die Machtübernahme im Gazastreifen ein Fehler war, der die Organisation weiter isoliert hat, planen seine Konkurrenten schon den nächsten Putsch.

Drohungen gegen Abbas

Nur wenige Tage nachdem Hanija versichert hatte, Hamas wolle ihren Coup im Westjordanland nicht wiederholen und strebe langfristig eine Zusammenarbeit mit der Fatah an, fiel der ehemalige Außenminister Machmud al-Zahar ihm auch schon in den Rücken. Falls Israel das Westjordanland räumen sollte, werde die Hamas dort die Macht übernehmen, sagt er bei einer Kundgebung in einem Flüchtlingslager. Nizar Rayan, der für seine guten Beziehungen mit al-Zahar bekannt ist, bekräftigte diese Absicht wenig später und kündigte an, die Hamas werde bald in der Mukata, dem Hauptquartier von Präsident Abbas in Ramallah, beten.

Noch weiter ging sein Kollege Mushir al-Masri: Der Präsident werde eliminiert werden und sein Andenken ausgelöscht, versprach er. Damit war sogar für die Hamas-Führung eine rote Linie überschritten. Ein Sprecher bemühte sich, die Aussagen zu entschärfen: Im Eifer des Gefechts ließen sich Redner bisweilen zu zugespitzten Formulierungen hinreißen. „Deshalb spiegeln nur die offiziellen Presseerklärungen auch die offizielle Linie der Hamas wider“, stellte er klar.

Großer Einfluss des militärischen Flügels

Dabei ist es wohl so, dass eine radikale Gruppe die Kontrolle über die Hamas übernommen hat. Neben al-Zahar und dem ehemaligen Innenminister Said Sijam soll auch der Führer des militärischen Flügels, Achmed al-Dschabari, großen Einfluss ausüben. Dschabari war von Anfang an gegen die gemeinsame Regierungsbildung mit der Fatah und steckt vermutlich hinter der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit. Die Entführung soll damals noch im Einvernehmen mit der Exilführung der Hamas stattgefunden haben, heute nimmt Dschabari selbst aus Syrien keine Befehle mehr entgegen. Dschabari ist mit allen Wassern gewaschen: im August des Jahres 2004 versuchte Israel ihn mit einem Raketenangriff zu töten. Sein 19 Jahre alter Sohn, sein Bruder, sein Schwiegersohn kamen dabei ums Leben – er selbst kam leicht verletzt davon.

Die neugewonnene Macht seiner Truppen auf den Straßen will er nicht wieder aufgeben. Als in der vergangenen Woche bei Massendemonstrationen von Fatah-Angehörigen zu Arafats Todestag im Gazastreifen Sicherheitskräfte der Hamas wild in die Menge schossen, soll Dschabari die Weisung gegeben haben. Die neuen Schattenherren der Hamas scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass sie ihre Macht langfristig nur durch eine Schreckensherrschaft bewahren können.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Nie wieder Steuersenkungen?

Von Jasper von Altenbockum

Diese Woche hat gezeigt, wie sehr die Schuldenbremse schon den föderalen Alltag bestimmt. Wenn es nach der SPD ginge, könnte es ihretwegen wohl so schnell nicht wieder Steuersenkungen geben. Mehr 5 5