23.03.2004 · Der bisherige Sprecher der radikalislamischen Hamas, Abdel Asis Rantisi, ist offenbar zum Nachfolger des von Israel getöteten Gründers Scheich Ahmed Jassin aufgerückt.
Einen Tag nach dem tödlichen israelischen Angriff auf Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin hat die radikale palästinensische Organisation Abdel Asis Rantisi zu ihrem neuen Führer bestimmt. Dieser drohte mit weiteren Anschlägen auf Israel. Die israelische Regierung ihrerseits hält nach Angaben aus Sicherheitskreisen an der gezielten Tötung von Hamas-Mitgliedern fest.
Generalstabschef Mosche Jaalon deutete an, auch der palästinensische Präsident Jassir Arafat könne zum Ziel eines Angriffs werden. „Wir sind vereint in den Schützengräben des Widerstands“, sagte Rantisi der Nachrichtenagentur AP. „Wir werden nicht aufgeben, wir werden uns niemals dem israelischen Terror geschlagen geben.“ Rantisis Wahl wurde von einem Hamas-Sprecher über Lautsprecher in einem Fußballstadion in Gaza-Stadt bekannt gegeben, in dem sich tausende Anhänger der militanten Organisation versammelt hatten. Rantisi übernimmt die Aufgaben des am Montag getöteten Jassin. Zugleich wurde er zum Leiter des politischen Büros der Hamas ernannt - ein Amt, das bisher der in Syrien ansässige Chaled Maschaal innehatte.
Arafat gefährdet?
Der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas und ranghohe Sicherheitskräfte beschlossen in einer Sitzung am Montagabend, die gesamte Hamas-Führung ins Visier zu nehmen. Das verlautete aus Sicherheitskreisen. Es solle nicht erst ein weiterer Anschlag abgewartet werden. Die gezielte Tötung führender Extremisten sorge für mehr Sicherheit für die israelischen Bürger, sagte Mofas. Generalstabschef Jaalon antwortete auf die Frage, ob auch Arafat und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah im Fadenkreuz Israels stünden: „Ich glaube, daß ihre Reaktion gestern gezeigt hat, daß sie wissen, was auf sie zukommt.“
In Nazareth demonstrierten tausende israelische Araber gegen den Angriff auf Jassin. Die Tötung Jassins sei „ein verachtenswertes Verbrechen und ein abscheulicher Mord“, hieß es auf einem Flugblatt. In Gaza nahmen Hamas-Führer die Beileidsbekundungen tausender Trauernder entgegen, auch der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Qurei kondolierte.
Leere Busse in Jerusalem
In Israel war die Atmosphäre gespannt. Busse in Jerusalem blieben weitgehend leer. Im Umkreis großer Städte wurden Kontrollpunkte errichtet, die Grenzen zum Gazastreifen und zum Westjordanland blieben geschlossen. Die Sicherheitsvorkehrungen für Politiker und Militärvertreter wurden verschärft. Israel forderte seine Vertretungen im Ausland auf, besonders wachsam zu sein. Aus Furcht vor Racheakten erließen amerikanische Botschaften in mehreren arabischen Ländern Sicherheitswarnungen für amerikanische Bürger.
Die Tötung Jassins wurde von der israelischen Bevölkerung mehrheitlich unterstützt. In einer Umfrage der Zeitung „Jediot Ahronot“ erklärten 60 Prozent, der Angriff sei richtig gewesen. 32 Prozent äußerten sich ablehnend. Der Angriff auf Jassin hat für Israel möglicherweise eine Rüge der UN-Menschenrechtskommission zur Folge. Die 53 Mitgliedstaaten der Kommission stimmten am Dienstag mehrheitlich für einen Antrag der Organisation der Islamischen Konferenz, in einer Sondersitzung über den Raketenangriff zu beraten.