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Naher Osten „Kein einzelner kann Arafats Platz einnehmen“

28.10.2004 ·  Arafats Krankheit sorgt in Israel und Palästina für Aufruhr: Wer wird das Machtvakuum füllen, das der Palästinenserpräsident hinterlassen wird? Und wird Scharon seine Abzugspläne ändern, wenn er neue Partner für einen Dialog findet?

Von Jörg Bremer, Ramallah
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Vor ungefähr einem Jahr zogen schon einmal Ärzte aus Amman und Kairo zum halbzerstörten Hauptquartier des palästinensischen Präsidenten in den Norden Ramallahs.

Während die einen damals abwiegelten und sagten, der seit 2001 von den Israelis isolierte 75 Jahre alte Arafat sei nur geschwächt und brauche Erholung, fanden andere, man müsse schleunigst ein Operationszelt im Innenhof aufbauen, um „Abu Amar“ zu operieren.

Dramatische Tage

Ob aber Arafat Gallensteine, Darmkrebs oder eine Zyste im Magen hatte, wurde nie bekannt. Das Zelt wurde nicht aufgestellt. In der palästinensischen Welt spricht man nicht gern über Krankheit und Schwäche. Dennoch zieht in diesen Herbsttagen wieder geschäftige Hektik in das Hauptquartier ein. Von Panik in der „Mukataa“ ist die Rede. Arafat habe mehrfach sein Bewußtsein verloren, er ringe um sein Leben. Der Blutkrebs sei nicht mehr zu besiegen.

Die dramatischen letzten Tage begannen mit Meldungen über eine ernstliche Grippe, die „den Vater davon abhält, seinen Geschäften wie immer nachzugehen“, wie es ein Getreuer ausdrückte. Beim Iftar, dem Fastenbrechen im Ramadan, bekam Arafat am späten Mittwoch abend seine Suppe nicht. Er spuckte und fiel in Ohnmacht.

Zustand „ernst, aber stabil“

Vielleicht ist es nicht unbedeutend, daß ausgerechnet der palästinensische Ministerpräsident Qurei und sein Vorgänger Machmoud Abbas bei „Abu Amar“ saßen, so, als sei es bei einem letzten Abendbrot darum gegangen, Arafats Erbe zu ordnen. Am Donnerstag kehrte dann wieder etwas Ruhe ins Hauptquartier ein. Arafat habe am Morgen Cornflakes gegessen und halte sich schon wegen der Medikamente nicht mehr an das Fasten im Ramadan. Sein Zustand sei „ernst, aber stabil“. Arafats Frau Suha, die seit fünf Jahren mit der gemeinsamen Tochter in Paris residiert, hat sich angekündigt: ein letzter Besuch?

Aus dem Amt des israelischen Ministerpräsidenten Scharon und dem Verteidigungsministerium verlautet, Israel verfolge aufmerksam die Entwicklung der „medizinischen Situation“. Minister Mofaz habe der palästinensischen Regierung versichert, daß Israel „alles tun will, um Arafat bei seiner medizinischen Versorgung zu helfen.“

„Humanitäre Werte und Moral“

Eine solche Erklärung gab es vor einem Jahr nicht. Es scheint diesmal ernster zu sein. Man werde „jeder palästinensische Bitte hinsichtlich der medizinischen Versorgung“ nachkommen, verbreitet Mofaz weiter. In einem Bericht heißt es, Israel habe Arafat auch genehmigt, das Land zu verlassen, und ihm entgegen dem bisherigen Verbot auch die Rückkehr erlaubt. Andernorts wird hingegen versichert, Ministerpräsident Scharon habe diese Garantie nicht gegeben. Grundsätzlich werde man „humanitäre Werte und Moral“ entscheiden lassen.

Inzwischen ist von einer Behandlung in einem Pariser Krankenhaus die Rede für die Arafat die israelische Billigung braucht. Zuvor hieß es, er werde am frühen Nachmittag - „mit israelischer Hilfe - lediglich in die Klinik von Ramallah gebracht. Daß Arafat in Ramallah beigesetzt werden soll, wird im Radio auch schon gesagt.

Treffen zwischen Scharon und Qurei?

Noch am Mittwoch abend, Arafat erholte sich gerade von seiner ersten Bewußtlosigkeit, rief Ministerpräsident Qurei vom Nachbarzimmer aus Scharon an. Der Kontakt war nie ganz abgebrochen. Meist beschränkte er sich aber auf Anrufe zwischen Arafats Büroleiter Abu Lideh und Scharons Büroleiter Weissglas. Ob es nun bald zu einem Treffen Qureis mit Scharon komme, fragte die Presse am Donnerstag.

Seit Qurei vor gut einem Jahr sein Amt angetreten hat, steht die erste offizielle Begegnung der beiden noch aus. In Jerusalem heißt es dazu, solange Arafat die Stränge in der Hand halte, sei ein solches Treffen „wohl nicht nötig“. Was aber passiert, wenn Arafat ausscheidet, wird Scharon seine „einseitige Abkoppelung“ aus dem Gaza-Streifen und dem Norden des Westjordanlandes dann noch verwirklichen?

Abbas am Krankenbett

Nach palästinensischem Recht würde der palästinensische Regierungssprecher Rawi Fatouh aus Rafah für die nächsten sechs Wochen und bis zu einer Wahl das Präsidentenamt übernehmen. Doch den kennt niemand. Neuerlich tritt auch der ehemalige Ministerpräsident Machmoud Abbas hervor, der trotz mehrerer Rücktrittsdrohungen weiter der nach Arafat ranghöchste Palästinenservertreter und Vize-Fatach-Chef ist.

Er soll monatelang nicht mit Arafat gesprochen haben. Jetzt ist er Dauergast an dessen Krankenbett. Es ist also wahrscheinlich, daß sich Ministerpräsident Qurei mit seinem ungeliebten Vorgänger zusammentun wird. Es gibt aber auch den Palästinensischen Nationalrat, dessen Sprecher Salim Zaanoun ebenfalls Einfluß hat. Vor einigen Tagen habe Arafat - das wurde am Donnerstag allerdings wieder dementiert - Abbas, Qurei und Zanoun als seine Nachfolger eingesetzt.

Die Rolle der „Fatah-Prinzen“

In diesem möglichen Führungstrio ist vielleicht Abu Mazen der Stärkste. Er gilt als Reformer und ist deswegen beim Autonomierat, dem palästinensischen Parlament, beliebt. Er gehört zwar zu den alten, als korrupt verschrienen „Fatah-Prinzen“. Aber er erwies sich für die Palästinenser und die westliche Welt als ehrlicher Kritiker der bewaffneten „zweiten Intifada“. Er brachte es im vergangenen Jahr zu fünf Wochen Waffenstillstand, der Hudna.

Und wie sieht es in der zweiten Reihe aus? Der frühere Sicherheitschef im Gaza-Streifen, Mohammad Dahlan, ist ein Waffengänger Abu Mazens. Das soll auch für den Leiter der Aufklärung Amir al-Hindi gelten. Dschibril Radschoub, der starke Mann im Westjordanland, ist hingegen wohl mehr ein Mann Qureis. Die Stärke des künftigen Führungskollektivs wird von der Unterstützung dieser führenden Sicherheitsobristen abhängen, die sich freilich alle selbst auch schon als geeignete Arafat-Erben sehen. Und wie würde sich in Gaza der schwelende Machtkampf zwischen Dahlan und Arafats Neffen und Getreuen Moussa Arafat entscheiden, der sich wohl nicht einfach wegschieben ließe?

Monopolist und Maximalist

Die Arafat-Kritikerin und langjährige PLO-Politikerin Hanan Aschrawi sagte am Donnerstag: „Kein einzelner kann den überlebensgroßen Platz von Arafat einnehmen.“ Seit Arafat im Jahr 1958 mit ein paar Getreuen, von denen nur noch Faruk Kaddumi in Tunis lebt, in Kuweit die Fatah gründete, die nach 1964 zum stärksten Flügel der PLO wurde, steht Arafat als Monopolist und Maximalist an der Spitze. Seit 1969 leitet er die PLO. „Ohne Arafat wäre die palästinensische Bewegung nie über die Grasnarbe hinausgewachsen“, sagt der Fatah-Aktivist Chaled el-Hassan. Arafat verkörpert die palästinensische Nation. Er hat nie einen Nachfolger bestellt; für ihn kann es keinen Nachfolger geben. Doch die aktiven Kämpfer der ersten und der zweiten Intifada fordern ihren Anteil an der Macht.

Marwan Barghuti, der Fatah-Generalsekretär aus Ramallah, ist nach Arafat der beliebteste Politiker auf der „Westbank“. Er sitzt nach einem Indizienprozeß wegen achtfachen Mordes während der jüngsten Intifada in einem israelischen Gefängnis. Gerade wegen der Sperrungen und Blockaden konnten sich lokale Waffenhelden in Nablus oder Bethlehem einen Namen machen und wollen nun Führungsaufgaben.

Zumindest sollen die „Fatah-Prinzen“ mit ihren Pfründen endlich aufs Altenteil, fordern sie. Arafat konnte die Islamisten - er selber gehörte einmal zur Muslimbruderschaft - bändigen oder Bündnisse mit Hamas oder dem Islamischen Dschihad eingehen. Die Islamisten könnten nun ohne Arafat in bestimmten Regionen die Macht an sich reißen. Das läßt die Wahlen, die für das kommende Jahr geplant sind, erstrebenswert erscheinen.

Neue Partner für den Dialog mit Israel?

Ministerpräsident Scharon erhielt am Donnerstag einen „umfassenden und ausführlichen Sicherheitsbericht“. Am Sonntag soll sich das Kabinett mit der Lage in den palästinensischen Gebieten befassen. Scharon will die Abkoppelung aus dem Gaza-Streifen, weil es derzeit keinen Partner für einen Dialog mit den Palästinensern gebe, heißt es. Tatsächlich aber muß jemand die Macht im Gaza-Streifen übernehmen, wenn Israel abzieht.

Der Vorsitzende der Schas-Partei Eli Yishai forderte, Scharon solle seinen Plan aufschieben. Yishai gehört zwar ohnehin zu den Kritikern. Dennoch stellt sich die Frage, ob es nicht vielleicht schon morgen einen Partner gäbe, wenn Arafat nicht mehr agiert und das Triumvirat seine Macht übernimmt? Müßte Scharon dann nicht in einen Dialog eintreten, wie es der internationale Friedensplan - die „road map“ - von ihm verlangt? Oder werden womöglich Chaos und Bürgerkrieg über den Gaza-Streifen hereinbrechen? Gibt es keine Chance auf Ruhe nach Israels Abzug?

Änderung der Abzugspläne?

Nur wenige Tage nach der Zustimmung der Knesset zu einem Abzug von Siedlern und Soldaten aus dem Gaza-Streifen wird der Plan von einer unerwarteten Seite gefährdet. Außenminister Schalom hörte von der Arafats Leid und fordert nun zu warten, bis Klarheit herrscht und Partner gefunden sind.

Das verlangt Schalom auch aus innenpolitischen Gründen. Denn wenn erst einmal der Abzug auf unbestimmte Zeit verschoben wird, brauchen Finanzminister Netanjahu und die um ihn gescharten Abtrünnigen im Likud nicht mehr auf einem Referendum zu bestehen. Die Einheit des Likud wäre hergestellt. Gaza bliebe länger als gewünscht vollständig besetzt, und Arafat hätte unwillentlich auf dem Krankenlager zur einstweiligen Lösung der Regierungs- und Likud-Krise in Israel beigetragen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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