30.04.2007 · Erstmals seit fast zwanzig Jahren wandern wieder mehr Juden aus Israel aus als in das Land ein. Berlin und New York locken. Das wirkt sich auch auf die Politik aus. Warum so viele Juden wieder die Diaspora vorziehen.
Von Jörg Bremer, JerusalemErstmals seit fast zwanzig Jahren wandern wieder weniger Juden nach Israel ein als aus dem Land aus. Damit erreicht eine Entwicklung ihren Höhepunkt, die vor etwa sieben Jahren begann.
Im Jahr 2000 kamen noch mehr als 61.000 Menschen nach Israel - schon deutlich weniger als in Zeiten, in denen es noch mehr als hunderttausend waren. 2006 waren es dann nur noch knapp 20.000. Die vielen hunderttausend russischen Juden, die früher aus Russland kamen, bleiben nun aus. Tatsächlich kehren sogar einige russische Einwanderer wieder in ihre Heimat zurück.
Zwar hatte sich auch diese Einwanderergruppe zunächst schnell eingelebt. Aber die meisten von ihnen blieben Europäer und konnten sich mit der ruppigen, zum Teil orientalisch geprägten Lebensweise in Israel nicht anfreunden. Wirtschaftlichen Erfolg kann man zudem heute auch in Russland haben.
Eigentlich ein klassisches Einwanderungsland
In diesem Jahr werden nur noch 14.400 neue Israelis erwartet, während etwa 20.000 das Land verlassen werden. Dabei ist Israel ein Einwanderungsland. Es lebt davon, dass immer mehr Menschen „Alija“ machen, „hinaufgehen“ nach Jerusalem. Nach der zionistischen Idee sollte einst die gesamte „Diaspora“ verschwinden und alle Juden der Welt in Israel vereint leben. Tatsächlich ist das nie so gewesen.
Seitdem die erste Emigration der israelitischen Führungsschicht 722 vor Chr. aus dem Nordreich Israel (oder Samaria) begann, wuchs nur die Zahl der jenseits der israelitischen Grenzen lebenden Dia-spora-Juden. Diese Bewegung ins Exil verstärkte sich noch einmal 587, als Nebukadnezar die Elite aus Jerusalem vertrieb und die Stadt zerstörte. Vor allem in Babylon entstanden dann die ersten kodifizierten Bibelschriften als Werke des Exils.
Aus dieser frühen Bibel spricht die Sehnsucht nach der Heimat; sie formulierte aber auch den juristischen Anspruch auf das Land zwischen Beerschewa und Nablus. Diesem Anspruch gab Perserkönig Kyros nach, als er den Juden die Heimkehr erlaubte. Doch damals kamen mit Ezra und Nehemia nur wenige; und es dauerte eine Generation, bis der Tempel von Jerusalem wieder halbwegs stand. Die Hoffnung auf ein rasches Wachstum des autonomen Juda erfüllte sich nicht. Wie heute gaben die Israeliten im Exil lieber reichlich Spenden, aber selbst wollten sie das „Exil“ nicht verlassen und nach „Juda“ kommen.
Rückzug aus dem Westjordanland?
Dagegen erfüllte sich der Wunsch der zionistischen Gründungsväter Israels. Theodor Herzl war erfolgreicher als Ezra. Wegen der Schoa und als Folge des Zweiten Weltkriegs wuchs die Bevölkerung Israels schnell. Zum Zeitpunkt der Staatsgründung im Jahr 1948 lebten etwa 650.000 Juden im neuen Staat, 1995 waren es 4,5 Millionen. Jetzt weist die Statistik 7,1 Millionen Staatsbürger aus, von denen 20 Prozent israelische Araber sind.
Ministerpräsident Scharon zögerte so lange mit der Räumung des Gazastreifens, weil er hoffte, es werde wieder viele Einwanderer geben. Die gesamte Besiedlung der palästinensischen Gebiete seit dem Sechstagekrieg 1967 fußte darauf, dass Israel die Araber demographisch „überholen“ könnte. Dieser Plan scheiterte. Nun verlangen einige Israelis den Abzug aus dem Westjordanland. Viele Palästinenser aber plädieren für einen binationalen Staat. Sie hoffen darauf, einmal in Israel und in den palästinensischen Gebieten die Mehrheit zu bilden. Ein Israel mit jüdischer Identität würde allmählich verschwinden.
Wichtigster Grund für den Rückgang der Einwandererzahlen ist, dass offenbar das Reservoir in der früheren Sowjetunion ausgeschöpft ist; etwa 20 Prozent der Einwanderer von dort waren nur wegen ihrer engen verwandtschaftlichen Beziehung zu einem Juden gekommen und sind eigentlich Christen.
Wirtschaftlich geht's Israel gut
Aber auch aus Südamerika oder aus den Vereinigten Staaten kommen weniger Juden. Auffällig ist, dass viele wohlhabende französische Juden Frankreich den Rücken kehren, weil sie sich dort durch Antisemitismus bedroht fühlen. Aber auch die französische „Alija“ bedeutet keine großen Einwandererzahlen.
Rätselhaft bleibt, warum so viele Israelis das Land wieder verlassen wollen. Wirtschaftlich ging es dem Staat der Juden noch nie so gut. Erstmals exportiert das Land mehr, als es importiert. Das Bruttosozialprodukt ist höher als im „reichen“ Saudi-Arabien. Die Zahl der Arbeitslosen ist gering. 1973 verließen viele Israelis das Land wegen des Yom-Kippur-Krieges; sie sahen Israel vor dem Abgrund. In den Jahren 1983 und 1984 war die Zahl der Auswanderer auch schon einmal größer als die der Einwanderer. Das lag an der hohen Inflation und der wachsenden Armut. Aber das sind heute nicht die Gründe.
Berlin und New York locken
Laut einer Umfrage unter 500 Israelis denkt etwa ein Viertel der Bevölkerung an Auswanderung; bei den Jüngeren ist es fast die Hälfte. Berlin und New York locken. Die Angehörigen der jüngeren Generation geben fehlende Bildungschancen als Hauptgrund für ihre Unzufriedenheit an. Darauf folgt das mangelnde Vertrauen in die von Affären und Korruption belastete Führungsschicht Israels. Tatsächlich erlebt Israel gerade eine Regierung, deren Minister sich gegen viele Vorwürfe verteidigen müssen. Erst an dritter Stelle folgt die Sicherheitslage als Grund für eine mögliche Auswanderung. Dabei wird der Libanon-Krieg im vergangenen Sommer genannt und die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm.
„Mehr Juden braucht das Land“ lautete am jüngsten 59. Unabhängigkeitstag eine Forderung in einigen Zeitungen. Wieder einmal wird an die „verlorenen Stämme“ erinnert, an vermeintliche Juden der „Bnei Menasche“ im nordwestlichen Indien oder an die Subbotnikjuden, wohl 20.000 Menschen in Russland, deren Vorfahren vor zwei Jahrhunderten zum Judentum konvertierten. In Äthiopien bezeichnen sich noch viele tausend Menschen als Juden und wollen nach Israel, aber das israelische Oberrabbinat tut sich mit ihnen schwer: Diese Juden lassen sich zwar beschneiden, aber sie kennen nicht die Bräuche, die nach der babylonischen Gefangenschaft aufkamen.
Zudem erscheint in Äthiopien nach alter Tradition der Unterschied zwischen Juden- und Christentum fließend. Auch wenn alle diese „verlorenen Stämme“ kämen, scheint die Zeit, in der Israel Einwanderungsland war, das seine Politik auf regelmäßig wachsende Bevölkerungszahlen aufbauen kann, vorüber zu sein.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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