13.08.2009 · Allein seit Freitag wurden mindestens 122 Iraker getötet. Die Opfer sind meist Schiiten. Die Taten tragen die Handschrift von Al Qaida. Dennoch kehrt die Furcht jener blutigen Bürgerkriegsjahre nicht zurück.
Von Rainer HermannEine neue Terrorwelle sucht den Irak heim. Allein seit dem vergangenen Freitag wurden mindestens 122 Iraker getötet. Die Zahl der Terroropfer steigt damit wieder; die meisten von ihnen sind Schiiten. Im Mai war die Zahl der Terroropfer mit 155 Toten auf den niedrigsten Stand seit 2003 gefallen.
Zwar sind offenbar viele der jüngsten Anschläge ebenso gut vorbereitet wie während des Bürgerkriegs. Dennoch kehrt die Furcht jener blutigen Bürgerkriegsjahre nicht zurück. Auch sunnitische Aufständische, die sich von Al Qaida distanzieren, verurteilen die Anschläge, und schiitische Geistliche fordern von den Gläubigen den Verzicht auf Racheakte. Daher flanieren in Bagdad und anderen Städten in diesem Sommer bis spät in die Nacht mehr irakische Familien in den Parks und am Ufer des Tigris als zuvor.
Die jüngsten Anschläge zeigten die Handschrift von Al Qaida, sagt der Sprecher des Innenministeriums, Generalmajor Abdulkarim Chalaf. Sie seien gut koordiniert. Die Attentäter setzten Sprengstoffe ein, die im Irak nicht verfügbar seien. Nur noch wenige Anschläge fordern jedoch einen Blutzoll wie während des Bürgerkriegs, obwohl die Zahl der Anschläge wieder auf mehr als 200 im Monat gestiegen ist, nachdem längere Zeit weniger als 100 im Monat gezählt worden waren.
Irakische und amerikanische Fachleute leiten daraus ab, dass die Attentäter geschwächt seien und daher die hohe Frequenz der verheerenden Anschläge in den Bürgerkriegsjahren nicht wiederholen könnten. Stattdessen versuchten sie, aus bestimmten Anlässen Attentate zu verüben. Ein Anlass war der Rückzug der amerikanischen Soldaten aus den Städten zum 30. Juni, ein anderer ist die Parlamentswahl im kommenden Januar. Überwiegend wählen sie „weiche“ Ziele wie Minderheiten, Kirchen oder Moscheen, kaum mehr aber irakische oder amerikanische Sicherheitskräfte.
Am blutigsten war mit 63 Toten der vergangene Montag. Am Morgen hatten in Chazna nahe Mossul zwei auf Lastwagen geladene Bomben die Kleinstadt zerstört, in der fast nur Angehörige der Schabak wohnten, einer Minderheit, die den Kurden und Schiiten nahesteht, aber eine eigene Religion praktiziert. Der Führer der Schabak nannte 43 Tote und mehr als 150 Verletzte. Die Religionsgemeinschaft war wiederholt Zielscheibe von Al Qaida. Ebenfalls am Montag töteten in Bagdad neun Bomben mehr als 20 Menschen. Eine war in einem Zementsack versteckt und galt schiitischen Tagelöhnern.
Am Dienstag detonierten in Bagdad und drei anderen Städten zwar sechs Bomben. Lediglich bei dem Doppelanschlag im Bagdader Stadtteil Amin, der einem Café und einem Wohnblock des von Christen und Schiiten bewohnten Viertels galt, wurden acht Personen getötet und 30 verletzt. Bei den anderen Anschlägen gab es 15 Verletzte. Am vergangenen Freitag hatte nahe Mossul eine Autobombe 44 schiitische Turkmenen getötet, die nach dem Freitagsgebet die Moschee verlassen hatten, und in Bagdad riss ein Selbstmordattentäter sieben schiitische Pilger mit in den Tod. Am Mittwoch kamen in Mossul drei Menschen ums Leben, als Unbekannte eine Handgranate gegen das Haus der Familie warfen. Westlich der Stadt verhinderten Sicherheitskräfte einen Anschlag. Sie zerstörten einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen durch eine kontrollierte Explosion.
Bagdad, Mossul sowie die zwischen Kurden und Arabern umstrittene Stadt Kirkuk sind weiter am stärksten gefährdet. General Robert Caslen, der Kommandeur der amerikanischen Truppen im Nordirak, bezeichnete Mossul als das Zentrum von Al Qaida im Irak. Trotz einer Offensive von sechs Monaten gegen das Terrornetz habe sich in Mossul ein Kern gehalten, der sich regeneriere und zu Anschlägen wie jenem in Chazna in der Lage sei. In Mossul trieben Al Qaida und sunnitische Aufständische noch immer „Schutzgelder“ ein. Sie versuchten offenbar, die Spannungen zwischen Kurden und Arabern auszunutzen, um eine Eskalation der Gewalt in Gang zu setzen.
Die Betonwälle sollen fallen
Kleiner wird indessen das Umfeld, das sie schützt. Der „Politische Rat des irakischen Widerstands“, in dem sich sunnitische Aufständische zusammengeschlossen haben, die Distanz zu Al Qaida halten, haben die „blindwütigen Anschläge“ vom Montag verurteilt, „wer auch immer sie verübt“ habe. Zudem rufen schiitische Geistliche und Politiker zum Verzicht auf Rache auf. Sie ließen selbst zwei Anschläge auf die Moschee im Bagdader Stadtteil Kadhimija unbeantwortet. Auch der radikale Schiitenprediger Muqtada al Sadr verzichtete auf Vergeltung, als am letzten Julifreitag fünf Moscheen, in denen seine Anhänger beten, Ziele von Anschlägen gewesen waren. Schiitische Prediger erinnern daran, dass das Leiden Teil des schiitischen Glaubens sei.
Mit einer Reihe von Maßnahmen begleitet die Regierung von Ministerpräsident Maliki die Normalisierung des Alltags. Maliki kündigte an, dass im September die Betonwälle, die zum Schutz gegen den Terror aufgestellt worden waren, beseitigt würden. Der sunnitische Vizepräsident Tariq al Hashimi initiierte ein Programm, neu vermählten gemischt sunnitisch-schiitischen Ehepaaren eine Starthilfe von umgerechnet 2000 Dollar zu zahlen, um Eheschließungen über die Konfessionsgrenzen hinweg zu fördern und die nationale Einheit zu festigen. Maliki warnte indes vor einer Zunahme der Gewalt bis zur Wahl im Januar. Denn die Attentäter wollten durch eine Verschlechterung der Sicherheitslage zeigen, dass der politische Prozess nicht stabil sei.
Einen Zusammenhang zwischen dem Rückzug der amerikanischen Soldaten und der neuen Gewalt sieht die Regierung Maliki offenbar nicht. Sie wies darauf hin, dass die Bevölkerung heute leichter und besser mit den irakischen Sicherheitskräften zusammenarbeite als zuvor mit den Amerikanern. Zudem hätten die irakischen Sicherheitskräfte im Juli zwei Tests bestanden, an denen es in den vergangenen Jahren Gewalt gegeben habe: am Jahrestag der Machtergreifung der Baath-Partei und am Todestag des schiitischen Imams Mussa al Kadhim.
Die Iraker vertrauen zwar wieder ihrem Staat. Gefahren für eine Eskalation bestehen aber weiter: Dschihadisten agieren weiter in Mossul, Kirkuk bleibt ohne eine politische Lösung ein Pulverfass, und noch immer hat die Regierung die sunnitischen Erweckungsräte nicht in die staatlichen Sicherheitskräfte integriert.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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