23.08.2005 · Schneller als erwartet haben israelische Soldaten die letzten beiden der 25 Siedlungen im Westjordanland und Gazastreifen geräumt. Palästinenserpräsident Abbas beglückwünschte Israel zu diesem „mutigen Schritt“.
Militär und Polizei haben am Dienstag auch Sa Nur und Homesch im nördlichen Westjordanland geräumt. Während viele Bewohner in Ruhe abzogen, leisteten meist zugereiste Demonstranten zum Teil erheblichen Widerstand.
Doch die israelischen Sicherheitskräfte behielten die Oberhand. Am Nachmittag gab die Armee offiziell den Abschluß aller Zwangsräumungen bekannt.
Schneller als erwartet
Damit wurden in knapp einer Woche seit Beginn der Operation am vergangenem Mittwoch und damit wesentlich schneller als erwartet alle 21 Siedlungen im Gazastreifen und die vier im Norden des Westjordanlandes geräumt, so wie es der Plan zum einseitigen Abzug von Ministerpräsident Scharon vorgesehen hatte.
Der palästinensische Präsident Abbas rief unterdessen den israelischen Präsidenten Katsav und Premierminister Scharon an, um Israel zu diesem „mutigen Schritt“ zu gratulieren. Beide Seiten bestätigten ein „baldiges Treffen“.
Mit Schlagstöcken und Schilden ausgerüstet
Besonders hartnäckig verteidigten die Demonstranten das britische Polizeigebäude in der Siedlung Sa Nur, wo sie sich auch auf dem Dach verschanzt hielten. Sie warfen Eier, Tomaten, Farbe und Mehl auf die Sicherheitskräfte, - wohlmöglich auch Urin - bis sich die Armee mit einem Kran Zugang zum Dach verschaffte. Dafür setzte die Polizei auch Wasserwerfer ein.
Auf dem Dach wurden die Demonstranten gefilmt, um sie wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zur Rechenschaft zu ziehen. Bevor die zum Teil mit Schlagstöcken und Schilden ausgerüsteten Demonstranten verhaftet wurden, durften sie noch einmal Gebete sprechen. Zu den Demonstranten hatten sich der Abgeordnete Eldad von der Nationalen Union, der Siedlerführer Wallerstein und Rabbi Lior Dov gesellt.
„Land der Bibel“
In Homesch wurde am Nachmittag eine Siedlerin verhaftet, nachdem sie versucht hatte, eine Soldatin mit einem Messer zu erstechen. Andere Demonstranten warfen Steine auf Uniformierte; es gab leichte Verletzungen.
Später drangen Soldaten in die verrammelte Synagoge vor, in der sich etwa vierzig Abzugsgegner versammelt hatten. Ein Siedler setzte sein Haus vor dem Verlassen in Brand. Sa Nur und Homesch gehören zum „Land der Bibel“ und liegen nur gut zehn Kilometer von Nablus entfernt, dem biblischem Sichem.
Siedlerübergriffen schutzlos ausgeliefert
Auch bei der nahen Siedlung Kedumim kam es zu Zusammenstößen, als das Militär gut 50 Abzugsgegner daran hinderte, von diesem Ort aus Sa Nur zu erreichen. Die Demonstranten setzten die Reifen von Militärfahrzeugen in Brand oder zerstachen sie. Zwei Soldaten und ein Siedler wurden verletzt.
Da letzthin das Militär vor allem den Abzug der Siedler organisiert, scheinen derzeit die Palästinenser Siedlerübergriffen schutzlos ausgeliefert. Am 16. August stürmten nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Yesh Din 25 Siedler zwei Häuser im arabischen Dorf Burka bei Homesch und verursachten erheblichen Sachschaden.
Am Tag darauf setzte ein Israeli ein Gewächshaus in A Nabi Alias bei der Siedlung Alfei Menasche in Brand. Am 17. August brachen Siedler von Sa Nur in eine palästinensische Tankstelle ein. Tags darauf wurden Feuerbomben auf das Dorf Azzoun geworfen. Am 20. August konnte die Armee einen Überfall von Siedlern auf weitere Dörfer bei Homesch und Sa Nur verhindern.
Abbas lobt Katsav
Der palästinensische Präsident Abbas lobte am Dienstag Präsident Katsav telefonisch für die Räumung jüdischer Siedlungen. Er hoffe auf ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen Palästinensern und Israel, teilte die amtliche palästinensische Nachrichtenagentur Wafa mit. Die Palästinenser erwarteten einen Neubeginn des Friedensprozesses. Sie wollten eine gerechte, umfassende und dauerhafte Friedenslösung. Am Montag hatte Abbas schon Premier Scharon angerufen.
Am Montag abend hatten etwa zehntausend Anhänger der islamistischen Hamas in Gaza-Stadt den israelischen Abzug gefeiert. Damit gingen 38 Jahre Besatzung zu Ende, sagte Hamas-Sprecher Ismail Hanijeh; aber Hamas werde erst dann seine Waffen abgeben, wenn die Besetzung aller palästinensischen Gebiete beendet sei.