25.05.2007 · Die Libanesen machen Syrien für die Anschläge auf Urlaubsorte verantwortlich. Unterkriegen lassen wollen sich die Bürger nicht, sind der Attentatsserie aber hilflos ausgesetzt, beobachtet Markus Bickel.
Von Markus Bickel, AleyKaum einer der Ladenbesitzer auf der Rue Principale ist an diesem Morgen nicht mit Aufräumarbeiten beschäftigt, das Klirren über den Boden gefegter Glasscherben ist schon von weitem zu hören. Auch Diana al Israwi hält einen Besen in der Hand. „Die Täter wollen den Tourismus im Libanon zum Erliegen bringen“, sagt die 24 Jahre alte Wirtschaftsstudentin, die ihr Studium als Aushilfskraft in der Boutique Ammouri verdient. Die liegt nur fünfzig Meter entfernt von der Stelle, an der sich am Mittwochabend der dritte Bombenanschlag innerhalb von 72 Stunden im Libanon ereignete. „Aber wir lassen uns die Lebensfreude nicht nehmen, wir machen weiter.“
Ihr Chef, Karim Fakih, lässt sich ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen. „Das schlechte Wetter hat uns geholfen“, lacht der zweifache Familienvater. „Wäre es gestern nicht so nebelig gewesen in den Bergen über Beirut, hätten wir noch länger aufgehabt. Wer weiß, was dann passiert wäre.“
Doch so schloss der 54 Jahre alte Mann seinen Laden auf der Haupteinkaufsstraße des libanesischen Urlaubsortes Aley schon am frühen Abend, nicht erst wie sonst um neun Uhr, dem Zeitpunkt der Explosion. Keine zehn Stunden später sitzt er wieder an der Kasse seines Geschäfts, von wo er die Boutiquen, Konditoreien und Schuhläden der etwa 15 Kilometer südöstlich von Beirut gelegenen Bergstadt gut im Blick hat.
„Der Anschlag galt dem weltoffenen Libanon“
„Patisserie Aridy“, „Mai Lingerie“, „Big Boss“ und „Patisserie Chehayeb“ heißen nur einige der Geschäfte, die die Hauptstraße des fast tausend Meter über der libanesischen Hauptstadt gelegenen Aley zieren. Ein Hauch von französischer Lebensfreude prägt das Städtchen, dessen frische Bergluft im Sommer nicht nur reiche Libanesen, sondern auch viele Gäste aus den heißen Golfstaaten anzieht. Dass die bislang unbekannten Täter ausgerechnet hier zuschlugen, passt ins Bild: Am Sonntagabend explodierte die erste Bombe der jüngsten Anschlagsserie im Ostbeiruter Ausgehviertel Aschrafieh, am Montagabend war die mondäne Westbeiruter Einkaufsstraße Verdun das Ziel. Eine Frau kam bei den Bombenattentaten um, mehr als dreißig Menschen wurden verletzt, allein 16 in Aley.
„Der Anschlag galt als erstes dem weltoffenen Libanon“, sagt Firas Halini, der mit zwei Freunden auf der von Plastikband abgesperrten Hauptstraße steht. Hinter dem Rücken des 19 Jahre alten Schülers haben Soldaten und Angehörige der Internal Security Forces (ISF) die Anschlagstelle abgesperrt. Ein großes Loch ziert die kleine Gasse, die von der Rue Principale hinaufführt, im Hochhaus daneben hat es die Fensterrahmen aus dem Gemäuer gerissen, der Balkon im ersten Stock ist von der Wucht der Explosion in sich zusammengesackt. „Und als zweites richtete er sich gegen die Drusen.“
Diese Lesart leuchtet ein, schließlich ist Aley das Tor zum Schuf-Gebirge, dem Hauptsiedlungsgebiet der rund 350.000 Drusen im Libanon. Überall auf der Rue Principale stehen an diesem Morgen Mitglieder der im elften Jahrhundert vom Schiitentum abgespaltenen Religionsgruppe, deutlich erkennbar an ihren schwarzen Sackhosen und den weißen Baumwollmützen. „Das hier ist eine gefährliche Gegend“, sagt einer von ihnen, der sich zu der Gruppe von Schülern gesellt hat. „Aber morgen fangen wir wieder an zu arbeiten.“
„Wir wollen leben“
Halini hingegen will morgen lieber demonstrieren gehen, seine Wut über den ersten Anschlag in drusischem Siedlungsgebiet herauslassen. Er trägt nicht die traditionelle Tracht der Religiösen, sondern Jeans und ein braunes T-Shirt. Für ihn besteht kein Zweifel, wer hinter dem Anschlag steckt: Syrien. Denselben Verdacht hatte nur Minuten nach der Explosion der politische Führer der meisten Drusen und Vorsitzende der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP), Walid Dschumblat, geäußert.
„Fast alle in meiner Familie sind Mitglied in der PSP“, sagt Halini. „Wir werden die Bomben nicht einfach auf uns sitzen lassen.“
Die Anschlagsserie hat schon vor zweieinhalb Jahren begonnen, die Libanesen begegnen ihr mit zunehmender Hilflosigkeit. Zunächst richteten sich die Bomben gezielt gegen Politiker und Intellektuelle, nicht gegen die Zivilbevölkerung. Der drusische Telekommunikationsminister Marwan Hamade überlebte im Oktober 2004 den ersten Anschlag noch, der frühere Ministerpräsident Rafik Hariri im Februar 2005 den nächsten schon nicht mehr, ebenso wenig wie der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, George Hawi, einen weiteren vier Monate später. Um eine Rückkehr zur Normalität bemüht, entwarf eine nach dem Mord an Hariri entstandene Massenbewegung eine Plakatserie mit dem Slogan „Wir wollen leben“. Auch im zweiten Stock des Bankgebäudes gegenüber der Anschlagstelle in Aley hängen die roten Plakate mit dem weißen Schriftzug, neben einer Fahne von Dschumblats PSP.
Glück im Unglück
Dschumblat, der prominenteste Führer der von den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und der Europäischen Union unterstützten Massenbewegung hatte am Mittwochabend Syrien vorgeworfen, „uns zu terrorisieren“. Ziel der Terrorkampagne sei es, die Schaffung eines internationalen Tribunals zur Aufklärung des Mordes an Hariri und inzwischen mehr als zwanzig weiteren Anschlägen zu verhindern. Nur wenige Tage vor der Verabschiedung eines entsprechenden Beschlusses durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sei die Botschaft aus Damaskus eindeutig: „Wenn ihr die Resolution annehmt, ist das hier nur ein Beispiel dafür, was dem Libanon droht.“
In Aschrafieh, Verdun und Aley sind es die kleinen Geschäftsleute, die den Preis für die große Politik zahlen. Nachdem im Juli und August vergangenen Jahres der Krieg zwischen Israel und Hizbullah-Einheiten die Sommersaison ruinierte, rechnen die Ladenbesitzer auf der Rue Principale wieder mit herben Verlusten. „Meinen Sie, wir wüssten nicht, warum der Anschlag jetzt, zu Beginn des Sommers, kommt?“, fragt Ghazi Grayzi, der in der glaslosen Tür seines kleinen Imbissladens steht. Der Druck der Explosion riss am Mittwochabend sämtliche Fenster aus den Rahmen, 5000 Dollar mindestens wird er für die Reparaturen bezahlen müssen, fürchtet Ghazi. Zugleich schätzt er sich glücklich: „Ich habe den Laden 15 Minuten vor der Explosion geschlossen. Zum Glück waren keine Menschen mehr hier.“