11.10.2007 · Solange der Umsturz im Gazastreifen nicht rückgängig gemacht werde, ist die Fatah zu keinem Dialog mit der Hamas bereit. Der abgesetzte Ministerpräsident Hanija wollte angesichts der Not in Gaza wieder mit der Fatah anbändeln. Von Jörg Bremer, Gaza.
Von Jörg Bremer, GazaImmer wieder bietet die Hamas im Gazastreifen der in Westjordanland regierenden Fatah Gespräche an. „Aber da ist nichts dran. Die Fatah will jetzt keinen Dialog“, sagt der Journalist Hassan Kashef in Gaza-Stadt. Seit Mitte Juni regieren die Islamisten den 360 Quadratkilometer großen Küstenstreifen. Aber die Lebensverhältnisse haben sich nur verschlechtert. Die Hamas begann, die Straßen zu verschönern, bis im Hochsommer ein Streik anfing. Nun liegt wieder überall Dreck. Kinder und magere Katzen spielen darin.
Israel hat die Grenzen geschlossen. Deshalb kommen nur die wichtigsten Nahrungsmittel wie Zucker, Mehl, Obst und Gemüse in das Gebiet, in dem 1,6 Millionen Menschen leben. Sie sind noch teurer geworden als vor dem Juni-Putsch. Außer Makrelen kann man sich an der Küste keinen anderen Fisch leisten. Ein Sack Mehl kostete früher umgerechnet 15 Euro; heute etwa 22. Praktisch kein Unternehmen ist mehr in Betrieb, denn Beton, Leder, Stoffe oder Kohlenstoffdioxid für den Cola-Abfüller aus Israel bleiben aus. Seit der Machtübernahme der Hamas haben weitere 77.000 Menschen ihre Arbeit verloren, etwa 50 Prozent der Bevölkerung sucht eine Stelle.
Hanija rudert zurück
Auch das war ein Grund, weshalb der von Präsident Abbas abgesetzte Ministerpräsident von der Hamas, Hanija, der Fatah jetzt anbot, nach Gesprächen die Kontrolle über den Gazastreifen abzugeben: Die Macht der Hamas sei „vorübergehend“. Es gebe schon eine „Verabredung für Verhandlungen in einer arabischen Hauptstadt“, hieß es am Donnerstag wieder aus Gaza.
Die Fatah wies dies umgehend zurück. Es gebe keine Aussicht auf einen Dialog, solange Hamas nicht den Umsturz im Gazastreifen rückgängig mache, sich bei den Palästinensern entschuldige und die Schuldigen an dem Putsch vor Gericht stelle, sagte Fatah-Sprecher Ahmed Abdel Rahman.
Der Journalist Kashef meint dazu in Gaza: „Israel, die anderen arabischen Staaten und die Fatah sind sich doch einig darin, dass der Wahlslogan der Hamas ein für alle Mal widerlegt werden soll.“ Im vergangenen Jahr hatte diese Gruppe die Wahlen mit dem Motto gewonnen: „Der Islam ist die Lösung.“ Es folgten Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Presse.
Ein Spalier ergriffenen Schweigens
Besonders der Tod des palästinensischen Politikers Haider Abdel Schafi Ende September zeigte jedoch, dass im Gazastreifen ein Vakuum herrscht. Sein Sohn Khaled, der ein UN-Programm in Gaza leitet, berichtet, wie die Menschen Abschied nahmen. Politiker von Hamas wie Fatah bekundeten ihr Beileid wie bei anderen Trauerfällen auch. „Aber die Trauerprozession durch die Stadt war besonders. Während sonst bei so einem Anlass Krawall und Aufruhr herrschen, Krach und Gezeter, trugen wir unseren Vater durch ein Spalier ergriffenen Schweigens.“
Abdel Schafi war 1991 von PLO-Chef Arafat zum Verhandlungsführer der palästinensischen Delegation bestellt worden. Als dieser dann hinter seinem Rücken in Oslo mit Israel eine Vereinbarung schloss, lehnte Abdel Schafi den Text ab, weil er keinen Bezug auf drängende Probleme der Besatzung wie die wachsenden Siedlungen nahm. Abdel Schafi wurde Arafats Kritiker.
Bei der Machtübernahme der Hamas im Juni „weinte er; er sah seine Befürchtungen bestätigt“, erinnert sich sein Sohn. Später verweigerte der 88 Jahre alte Politiker, der stets vereinen und nicht spalten wollte, jede Nahrung und starb. Seitdem gibt es im Gazastreifen niemanden mehr, der eine ähnliche die verschiedenen Gruppen übergreifende Autorität ist wie er.
Eine Nacht im Tunnel für 45.000 Euro
Auf der Straße verkaufen Kinder Zigaretten, die in großen Mengen seit dem Wirtschaftsboykott durch die Tunnel aus dem ägyptischen Sinai nach Rafah in den Gazastreifen geschmuggelt werden. Dem Vernehmen nach kostet die Miete eines Tunnels pro Nacht etwa 45.000 Euro. Israelis berichten über einen wachsenden Waffentransport, aber im Gazastreifen heißt es nur, die Hamas habe seit dem Putsch und der Übernahme der Waffen aus den Lagern der Fatah schon genug.
Die Hamas verfügt heute über 10.000 bewaffnete Kämpfer, von denen die Hälfte aus den Hamas-Milizen stammt. Etwa 15 Prozent der früher Präsident Abbas loyalen Truppen sind zur Hamas übergewechselt. Sie werden bar bezahlt; das Geld dafür haben die Islamisten in den Gazastreifen geschmuggelt. Die Hamas habe seit den Wahlen im vergangenen Jahr knapp 600 Millionen Euro ausgegeben, wird gesagt; ein Sechstel davon stamme aus Iran.
„Hamas richtet sich für die Ewigkeit ein“
Muhammad Hegazi gehört zu den wenigen Fatah-Abgeordneten, die im Gazastreifen direkt gewählt wurden. Er sitzt für die Stadt Rafah im Autonomierat. Auch er rät, nicht mit der Hamas zu reden. „Die Hamas richtet sich für die Ewigkeit an der Macht ein. Da würde jeder Dialog schaden und Hamas stärken.“ Islamisten unterstützen nur ihre eigenen Leute: „Die Masse hat längst schon die Nase voll von der Hamas.“ Hanijas Anbändelei sei der Versuch, den Erfolg der geplanten Nahostkonferenz in Amerika im November zu stören.
Da die Mehrheit der Bevölkerung den Ausgleich wolle, auch wenn sie nicht daran glaube, wäre ein erfolgreiches Treffen für die Hamas eine Niederlage. Die Hamas könnte sich noch nicht einmal mehr mit Terroranschlägen gegen Israel retten. Die Hamas selbst habe von den Selbstmordattentaten Abstand genommen, als sie nicht mehr von der Bevölkerung unterstützt wurden. Und das wäre auch jetzt der Fall, sagt in Gaza nicht nur Hegazi.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
Jüngste Beiträge