Home
http://www.faz.net/-gq5-sjfb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Naher Osten Erstes Lebenszeichen von Gilad Shalit

04.07.2006 ·  Ein Sprecher der israelischen Regierung sagte unter Berufung auf „sichere Informationen“, daß der entführte Soldat Gilad Shalit lebe. Er sei verletzt und von einem palästinensischen Arzt behandelt worden. Das Ultimatum der Geiselnehmer lief am Morgen ab.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Die israelische Regierung hat zum ersten Mal ein Lebenszeichen von dem vor mehr als zehn Tagen entführten Soldaten Gilad Shalit erhalten. Obwohl das Ultimatum der Entführer Dienstag morgen abgelaufen war und Israel weiterhin zu keinen Zugeständnissen bereit ist, sagte ein Regierungssprecher unter Berufung auf „sichere Informationen“, daß der Soldat lebe. Er sei verletzt und von einem palästinensischen Arzt behandelt worden. Die Zeitung „Al Hajat“ hatte zuvor von drei Schußwunden berichtet. Ministerpräsident Ehud Olmert bekräftigte in Sderot, daß niemand „immun“ sei, der Israel angreife.

Zuvor hatten die palästinensischen Geiselnehmer erklärt, aus religiösen Gründen keine Gefangenen zu töten. „Unser Glaube verlangt von uns, Gefangene gut und fair zu behandeln“, sagte am Dienstag ein Sprecher der „Islamischen Volksarmee“, die an der Verschleppung des Rekruten Gilad Shalit beteiligt sein soll.

Die israelische Regierung drohte den Palästinensern, „daß der Himmel auf sie herabfällt“, wenn sie dem Entführten Schaden zufügen sollten. Innenminister Roni Bar-On sagte dem Sender Radio Israel: „Wir werden auf eine Art und Weise reagieren, wie es die Palästinenser noch nicht erlebt haben, sollten sie ihre Drohung ausführen, was Gott verhindern möge.“

Der 19 Jahre alte Soldat Shalit befindet sich seit Sonntag vor einer Woche in der Hand seiner Entführer. Auf der Suche nach ihm war die israelische Armee am Mittwoch in den Süden des Gazastreifens vorgedrungen. Gleichzeitig begann sie einen Feldzug gegen die radikale Hamas, die sie für Schalits Verschleppung verantwortlich macht. Laut der israelischen Tageszeitung „Maariw“ hat die Armee von der Regierung grünes Licht für einen größeren Vormarsch in den Norden des Gazastreifens erhalten.

„Keine Angaben mehr über das Schicksal Shalits“

Die Geiselnehmer hatten Israel bis zum frühen Morgen Zeit gegeben, ihre Forderung nach einer Freilassung von tausend palästinensischen Gefangenen zu erfüllen. Israel hat dies zurückgewiesen. Das Ultimatum war zwar nicht mit einer konkreten Drohung verknüpft, die Geiselnehmer hatten aber verlauten lassen, „der Feind“ trage „die volle Verantwortung für alle künftigen Konsequenzen“.

„Wir töten keine Gefangenen“, sagte nun ein Sprecher der „Islamischen Armee“. Diese Gruppe war bis zu dem Überfall auf den israelischen Militärposten unbekannt, gilt nun aber gemeinsam mit dem militärische Arm der Hamas, den Kassem-Brigaden sowie dem „Volkswiderstandskomitee“ als verantwortlich für die Verschleppung des israelischen Soldaten. Über die Geisel sagte der Sprecher zudem: „Ob er getötet wird oder nicht - wir werden keine Angaben mehr zum Schicksal des Soldaten machen. Die Diskussionen sind beendet.“ Unter internationalem Druck und ägyptischer Vermittlung hatte es in den vergangenen Tagen Gespräche über eine Lösung der Geisel-Krise gegeben.

Israel setzt Offensive fort

Die israelische Luftwaffe setzte in der Nacht zum Dienstag ihre Angriffe auf Ziele im Gazastreifen fort. Ministerpräsident Olmert hatte am Montag abend in die Fortsetzung der militärischen Offensive eingewilligt. Bei den Luftangriffen wurden ein Hamas-Mitglied getötet sowie ein Gebäude der Islamischen Universität in Gaza zerstört. Die Universität gilt als Hochburg der Hamas-Bewegung; in dem zerstörten Gebäude befanden sich auch Büros der Hamas-Studentenvereinigung.

Bei einem weiteren Luftangriff in Beit Lahija im Norden des Gazastreifens tötete eine Rakete ein 29 Jahre altes Mitglied des bewaffneten Hamas-Flügels, ein weiterer Palästinenser wurde nach Angaben von Ärzten verletzt. Laut einer Armeesprecherin zielte der Raketenangriff auf eine Gruppe radikaler Palästinenser, die gerade Sprengsätze in der Region gelegt hätten.

Gleichzeitig drangen rund 30 Panzer und Panzerfahrzeuge tiefer in den Norden des Palästinensergebiets vor. Wie Augenzeugen berichteten, fuhren die Truppen bei Beit Hanun etwa 200 Meter weit auf nördliches Gebiet. Sie suchten wie schon am Vortag nach Tunneln, Waffenverstecken und Raketenabschußrampen.

EU und Amerika rufen zur Umkehr auf

In Ramallah im Westjordanland umstellten israelische Panzerfahrzeuge und Planierraupen die Hauptwache der Polizei und erzwangen die Herausgabe dreier palästinensischer Sicherheitsvertreter, die sie verdächtigen, an der Entführung und Tötung des 18jährigen Siedlers beteiligt gewesen zu sein. Nach Angaben palästinensischer Sicherheitskreise sollen die drei Festgenommenen den Al-Aqsa-Brigaden angehören, einer lose mit der Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verbündeten radikalen Gruppe. Sie hatten sich Anfang der Woche selbst der Polizei gestellt.

Die gefährliche Eskalation im Nahen Osten wird allgemein mit Sorge beobachtet. EU und Vereinigten Staaten riefen beide Seiten zur Umkehr auf. Der Sprecher des Weißen Hauses forderte die sofortige Freilassung des israelischen Gefangenen; an die israelische Seite appellierte er gleichzeitig, sich zurückzuhalten. Die EU zeigte sich zudem zutiefst besorgt wegen der Festnahme von mehr als 60 ranghohen Hamas-Mitgliedern vom Donnerstag, darunter auch Minister und Abgeordnete.

Quelle: FAZ.NET mit Material von Reuters, AFP
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3